«Ich möchte einen Papst für alle»
25.04.2025 Bezirk Sissach, Gesellschaft, Baselbiet, Region, Kirche, SissachHoffnungen einer überzeugten Katholikin zur Papstwahl
Sie möchte, dass Papst Franziskus’ Nachfolger die sanfte Öffnung der Kirche weiterführt: Die Sissacher Synodenangehörige Claudia Cassidy anerkennt die Notwendigkeit zur Modernisierung, bedauert aber die ...
Hoffnungen einer überzeugten Katholikin zur Papstwahl
Sie möchte, dass Papst Franziskus’ Nachfolger die sanfte Öffnung der Kirche weiterführt: Die Sissacher Synodenangehörige Claudia Cassidy anerkennt die Notwendigkeit zur Modernisierung, bedauert aber die Polarisierung innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche.
Peter Sennhauser
«Alles, was Franziskus in Bewegung gesetzt hat, sollte weitergehen», wünscht sich Claudia Cassidy. Dabei ist sich die Abgeordnete des Landeskirchenparlaments bewusst, dass die Entwicklung vielen Nordwestschweizer Angehörigen der katholischen Konfession keineswegs weit oder vielmehr schnell genug geht.
In der Bewegung der hiesigen Kirche steht für sie aber die Beschäftigung mit internen Belangen zu sehr im Vordergrund. «Für mich ist der Papst der Vorsteher einer Weltkirche», sagt Cassidy. Sie sehe das Amt mit Respekt, mehr als Bürde denn als Ehre. Und angesichts der Weltlage wünscht sie sich ein Zusammenstehen der Gläubigen und daraus folgend einen christlichen Einfluss auf das weltliche Geschehen. Auch da habe Franziskus vieles vorgelebt, etwa mit seinen Treffen mit Oberhäuptern anderer Religionsgemeinschaften.
Gleichzeitig ist der Sissacherin mit italienischen Wurzeln bewusst, dass die Bedürfnisse und Wünsche der Gläubigen weltweit auseinandergehen. Im traditionsbewussten Umfeld der Missione Cattolica aufgewachsen, habe sie keine negativen Erfahrungen mit kirchlicher Doktrin gemacht. In den vergangenen Jahrzehnten sei der Vatikan alles in allem viel offener geworden gegenüber den unterschiedlichen Anliegen der Katholikinnen und Katholiken in den verschiedenen Teilen der Welt.
Franziskus hat Basel gehört
Nach der Abstimmung der Katholiken in beiden Basel von 2014 etwa, als sich die Landeskirchen grossmehrheitlich für die Öffnung des Priesteramts für Frauen und die Abschaffung des Zölibats ausgesprochen hatten, habe Franziskus Delegationen aus unserer Region empfangen – und gehört. «Er hat auf die Frage nach der Beteiligung Homosexueller in der Kirche gesagt: ‹Wer bin ich, um zu urteilen?›» Cassidy begrüsst seinen sorgfältigen Umgang mit Wünschen und Hoffnungen.
Dennoch nimmt sie wahr, dass die Kirche Tendenzen zur Spaltung aufweist. «Wenn jetzt ein sehr konservativer Kardinal zum Papst gewählt würde, stellt sich doch die Frage, wie jemand, der zum Beispiel aus einer ganz anderen Lebenswelt kommt, mit unseren innenpolitischen Anliegen in der Kirche umgehen oder sie verstehen kann.» Sie wünscht sich mehr Transparenz bei der Papstwahl: «Es wäre sehr wichtig, dass nach aussen erkennbar wäre, welche Kriterien die Kardinäle gewichten.» Einen Widerspruch zu den Traditionen und ritualisierten Formen beispielsweise der Papstwahl sähe sie darin nicht. Zumal da die nach Rom strebenden Menschen immer stärker der touristischen Folklore als dem Pilgertum frönten.
Jedenfalls erhofft sich Cassidy vom nächsten Papst weiterhin ein offenes Ohr für die Basis, wie es der Pragmatiker Franziskus immer gehabt habe. «Ein sehr konservativer Papst könnte dagegen die Risse im kirchlichen Zusammenhalt noch weiter vergrössern», befürchtet Cassidy. Zu weit klaffen die Erwartungen inzwischen auseinander.
Mehr Zusammengehörigkeit
Dabei ist Cassidy die Wahrung von Traditionen ein persönliches Anliegen – nicht aus nostalgischen Gründen oder gar um Machtverhältnisse zu zementieren, sondern als Mittel, welche Identität stifteten: «Der stets gleiche Ablauf der Eucharistie, die Gebete und Rituale im Gottesdienst sind für mich Erkennungszeichen der Katholiken und Katholikinnen untereinander. Sie schaffen Verbindungen.» So könne sie mit Menschen einen Gottesdienst feiern, die von der anderen Seite des Globus kommen und andere Sprachen sprechen.
Wenn aber der Wortlaut des «Vaterunser» an moderne Sprachgepflogenheiten angepasst werde, bereite ihr das Mühe. Dann fühle sie sich in der etwas traditionelleren italienischen Gemeinde stärker daheim. Zumal sie sich erst mit der Zeit im Baselbiet bewusst geworden sei, als Katholikin in einem reformierten Kanton einer Minderheit anzugehören.
Ihrer Skepsis einer zu intellektuellen internen Entwicklung der Kirche zum Trotz hofft Claudia Cassidy auf einen Papst, der die aktuellen Herausforderungen anerkennt und thematisiert. «Er hat auch mit seiner Enzyklika ‹Laudato si› die Wirtschaft in die Pflicht genommen und Umweltzerstörung der letzten 200 Jahre angeprangert.» Dabei sei ein Abrücken von der wortgläubigen Interpretation der Bibel manifest geworden: «Er spricht in dem Rundschreiben von ‹Mutter Erde› und keineswegs davon, wir sollten uns die Erde untertan machen.»
Die Polarisierung schade allen: «Ich bedauere, dass sich die Christen durch die Aufsplittung schwächen.» Gleichzeitig betont sie die Bedeutung der Basis: «Auf das kommt es an: die eigene Gemeinde, wie man sich dort fühlt, was man dort tut, wie man miteinander umgeht.» In ihrer persönlichen Spiritualität sucht Cassidy Unmittelbarkeit: «Viele Gemeindeleiterinnen erlebe ich als zu weit entfernt von der Liturgie – angesichts solcher Veränderungen fühle ich mich manchmal wie eine Zuschauerin.»
Mit Blick auf die Zukunft bleibt sie gespannt, aber realistisch: «Ich weiss nicht, wie schnell der Einfluss eines neuen Papstes bei der Basis ankommt. Das braucht Zeit. Aber es sind Zeichen, die gesetzt werden.»