Papiersammeln lohnt sich wegen Digitalisierung kaum noch
09.06.2026 SissachKreissekundarschule sammelt weniger Papier – das hat Folgen
Wenn morgen Mittwoch in den Gemeinden der Kreissekundarschule Sissach wieder Papier gesammelt wird, müssen sich die Schüler darauf einstellen, erneut weniger Ertrag zu erhalten. Hat die Papiersammlung in digitalen ...
Kreissekundarschule sammelt weniger Papier – das hat Folgen
Wenn morgen Mittwoch in den Gemeinden der Kreissekundarschule Sissach wieder Papier gesammelt wird, müssen sich die Schüler darauf einstellen, erneut weniger Ertrag zu erhalten. Hat die Papiersammlung in digitalen Zeiten noch eine Zukunft?
Robert Bösiger
Viermal jährlich sammeln die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Sissach Papier – dies in den Gemeinden Buckten, Häfelfingen, Itingen, Känerkinden, Rümlingen, Wintersingen und Zunzgen. Und selbstverständlich auch in Sissach. Der Ertrag aus dieser Sammlung kommt der Schule beziehungsweise jenen zugute, die diese Arbeit im Dienste der Gemeinschaft verrichten – den Schülerinnen und Schülern.
Dass Schulkinder Papier sammeln, ist keine Sissacher Erfindung. Bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gilt das Papiersammeln als willkommene Einkommensquelle für die Schulkassen. Bei uns reicht diese Tradition zurück in die späten 1960er-Jahre.
Jörg Tschopp und Kurt Huber, damals Lehrer der Realschule, erinnern sich an derlei Sammlungen. Das Papier habe man seinerzeit beim hiesigen Altstoffhändler Zehnder abgegeben. Mit dem Umzug der Realschule ins Schulhaus Bützenen und der Gründung der Kreisrealschule sei das Papier an die Papierfabrik Utzenstorf gegangen.
Tschopp erinnert sich an sehr erfolgreiche Sammeltage: «Einmal haben wir an einem Tag 200 Tonnen Papier gesammelt, was etwa 10 Containern entsprach. In diesem Jahr erwirtschafteten wir eine Summe von bis zu 60 000 Franken.»
Diese lukrativen Zeiten sind längst passé, wie Ernst Schürch, Christina Meier und Christian Hinden vom Koordinationsteam Papiersammlung sagen. «Früher haben wir mit weniger Klassen beziehungsweise Schulkindern viel mehr Papier gesammelt», sagt Schürch. Vor wenigen Jahren habe man allein auf dem Sammelplatz Grosse Allmend in Sissach bis zweieinhalb grosse Container gefüllt. Heutzutage werde nicht einmal ein Container mit Altpapier gefüllt. Vor 10 Jahren (2015) kamen im Sekundarschulkreis rund 400 Tonnen Papier zusammen, im vergangenen Jahr waren es noch etwas mehr als 100 Tonnen.
Ernst Schürch verdeutlicht diese Entwicklung mit Zahlen eindrücklich: «In den lukrativen Jahren wurden mit weniger Schulkindern zwischen 210 und 230 Franken pro Schüler und Jahr erwirtschaftet. Heute kommen wir noch auf 15 Franken pro Kopf und Jahr.»
Online verdrängt Papier
Über die Gründe des Rückgangs der Sammelmenge braucht man nicht allzu lange zu grübeln: Der Hauptgrund liegt zweifellos darin, dass die Menschen immer weniger Zeitungen und Zeitschriften auf Papier konsumieren, sondern sich digital informieren – wenn überhaupt. Der zweite Grund ist das Zusammenspiel von privaten Entsorgungsfirmen (wie Rewag und Waser) einerseits, die ganzjährig Papier entgegennehmen, und andererseits die Bequemlichkeit vieler Haushalte, denen das Bündeln und Aufbewahren von Papier bis zur nächsten Sammlung offenkundig zu mühsam ist.
So stellt sich die Frage, wie lange es bei diesem Negativtrend noch geht, bis sich die Schule der Papiersammlung nicht mehr annimmt. Diese Diskussion gebe es immer wieder, räumt Christian Hinden ein, der die Sammlung seit Jahren organisiert. «Tatsächlich ist es so, dass die Schulkinder viel mehr einnehmen, wenn sie irgendwo an einem Stand Kuchen verkaufen.» Oder anders gesagt: «Wegen des Geldes muss man die Papiersammlung nicht mehr machen.»
Gemeinden geben Zuschuss
Weswegen dann? Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler am ehesten, weil an Sammeltagen der Schulunterricht ausfällt. Aus Sicht der Schule, weil die Kinder erfahren, dass man gemeinsam etwas schaffen und erreichen kann. Und weil letztlich eben doch ein Frankenbetrag hängen bleibt, der in Klassenaktivitäten wie Schulreisen, Exkursionen und Lager investiert werden kann. Heutzutage sei es oft so, dass das Geld für die Abschlussreise Verwendung finde, sagt Kassier Ernst Schürch.
Wie viel Geld letztlich für die Schülerinnen und Schüler übrig bleibt, hängt einerseits vom Sammelergebnis ab. Und andererseits vom Papierabnahmepreis. Derzeit sei mit der Gemeinde Sissach und drei weiteren Gemeinden ein fixer Abnahmepreis von 8.50 Franken pro 100 Kilogramm vereinbart. Weil die Papierfabrik derzeit 6 Franken pro 100 Kilo bezahlt, erhält die Schule von Sissach und den angeschlossenen Gemeinden die Differenz von derzeit 2.50 Franken erstattet. Für das Jahr 2025 macht die «Defizitgarantie» der Gemeinden total 2700 Franken. Von der Papierfabrik wurden 7100 Franken überwiesen.
Es ist kein Geheimnis, dass sich auch die Gemeinden zunehmend die Frage stellen, ob man die Tradition des Papiersammelns durch Schulklassen noch aufrechterhalten möchte. Verschärfte Sicherheitsbestimmungen, Unfallrisiken im Strassenverkehr sowie steigende Anforderungen an die Arbeitssicherheit sprechen eher dagegen. Wohl kaum ein Argument ist die Frage der «Defizitgarantie».
Nicole Itin von der Fachstelle Umwelt und Energie in Sissach, und unter anderem zuständig für den Bereich Entsorgung, sieht den Mehrwert der Papiersammlung insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen Schule, Gemeinden und Bevölkerung. Zudem leiste die Aktion einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für die Kreislaufwirtschaft und zum verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, zudem sei es ein Engagement für die Allgemeinheit.
Die langjährige Tradition der Papiersammlung, so Itin, sei deshalb mehr als nur eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Durchführung der Schulpapiersammlung einer regelmässigen kommunalen Papierund Kartonsammlung entgegenstehe. «Eine solche würde den Bedürfnissen vieler Einwohnerinnen und Einwohner besser entsprechen, insbesondere von Personen ohne eigenes Fahrzeug, die ihr Altpapier und ihren Karton nicht ohne Weiteres zu einer Sammelstelle bringen können.»
Bevölkerung soll mitziehen
Christian Hinden, der die Leitung des Koordinationsteams wegen seiner Pensionierung im Hinblick auf das kommende Schuljahr an Christina Meier weitergibt, ist überzeugt, dass es die Sammlung noch so lange gibt, wie Sissach als Leitgemeinde dies unterstützt. Und, wie er ergänzt, «solange es Lehrpersonen und Helfer in den angeschlossenen Gemeinden gibt, die sich dafür engagieren».
Doch was tun, um das Bewusstsein der Bevölkerung für den Sinn des Papiersammelns (wieder) zu steigern? Christina Meier: «Man muss den Leuten immer und immer wieder kommunizieren, dass der Ertrag der Schule und den Schulkindern zugutekommt.» Ernst Schürch glaubt: «Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Gemeinden von Jahr zu Jahr neu beurteilen, ob sie diese Dienstleistung weiterführen sollen – oder nicht.»
Ironie der Geschichte: Der Papierfabrik Utzenstorf, die über viele Jahre noch «unser» Altpapier abgenommen hat, ging der Schnauf schon 2017 aus. Der schrumpfende Papiermarkt und der Eurokurs führten zum Aus und die Fabrik wurde dem Erdboden gleichgemacht. Heute wird das Gelände sinnigerweise vom Online-Händler «Digitec Galaxus» als Standort für ein neues Verteilzentrum genutzt.

