«Neue Arbeitszeitmodelle sind gefragt»
30.04.2026 Bezirk Sissach, Baselbiet, Gesellschaft, Gesundheit, SissachPhilippe Salathé wird Stiftungsratspräsident des Zentrums Mülimatt
Noch bis Ende Monat bilden Vertretungen der Stiftergemeinden den Stiftungsrat des Zentrums für Pflege und Betreuung Mülimatt. Dann übernehmen im Rahmen einer Modernisierung spezialisierte Fachpersonen die ...
Philippe Salathé wird Stiftungsratspräsident des Zentrums Mülimatt
Noch bis Ende Monat bilden Vertretungen der Stiftergemeinden den Stiftungsrat des Zentrums für Pflege und Betreuung Mülimatt. Dann übernehmen im Rahmen einer Modernisierung spezialisierte Fachpersonen die Verantwortung. Der neue Präsident Philippe Salathé ist Finanzfachmann.
Andreas Bitterlin
Herr Salathé, wie definieren Sie gute Pflege und Betreuung?
Philippe Salathé: Wichtig ist, die fachliche medizinische Expertise der Pflege in Kombination mit Menschlichkeit, Nähe und Fürsorge, welche die Menschen benötigen für die Beziehungspflege.
Wie wird sich die Altersbetreuung in den nächsten Jahren entwickeln?
Die Pflege wurde in der Vergangenheit sehr stark geprägt von zunehmender Dokumentation, welche die Pflegenden zeitlich immer mehr absorbiert hat und sie deshalb immer weniger Zeit für ihre wichtigste Aufgabe, die eigentliche Pflege der Menschen, zur Verfügung hatten. Diese Entwicklung muss korrigiert werden, damit die Pflege wieder mehr Zeit investieren kann für den direkten Kontakt mit den betreuten Personen.
Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?
Unter anderem bei der Digitalisierung, welche die Dokumentationsarbeit vereinfacht. In der Pflege steigt auch der Druck, weil immer mehr Personen rund um die Uhr gepflegt werden müssen. Das benötigt Schichtarbeit, die ein Zusammensein mit der Familie und die Pflege von Freundschaften erschwert. Deshalb sind neue Arbeitsmodelle gefragt.
Ist das auch eine Antwort auf die Frage, wie Sie dem Fachkräftemangel begegnen wollen?
Ja. Wir müssen die Arbeitsplätze so gestalten, dass sie den Berufstätigen gefallen.
Wie soll dies umgesetzt werden?
Zum Beispiel mit dem so genannten Bülacher Modell, welches den Pflegenden verschiedene Arbeitsweisen ermöglicht. Sie können wählen, an welchen Tagen sie arbeiten wollen und welche Schichten sie übernehmen möchten und welche nicht. Diese Wahlfreiheit hat Auswirkungen auf die Entlöhnung. Wer Flexibilität für alle Arbeitseinsätze wählt, verdient etwas mehr. Wer lediglich bestimmte Arbeitszeiten wählt, hat weniger Lohn, dafür mehr Zeit für die Familie, Freundschaften, Hobbys. Das Bülacher Modell hilft, den Ausstieg aus dem Beruf zu verhindern und die Rückkehr von früher ausgestiegenen Berufsleuten in die Pflege zu fördern. Dieses Konzept ist ein Beispiel, das man prüfen muss, ob es für uns passend ist oder nicht.
Wie beurteilen Sie den Einsatz von Pflegerobotern?
Diese Unterstützung wird kommen. Zu Beginn wird es nicht ein mechanisches Gerät sein, sondern Softwareprogramme, welche Tätigkeiten dokumentieren und mittels Sensoren auf dem ganzen Areal Stürze von Betreuten erkennen.
Wie ist das Zentrum für Pflege und Betreuung Mülimatt aktuell aufgestellt?
Bilanz und Erfolgsrechnung weisen das «Mülimatt» als gut aufgestellt aus. Es steht aber wie alle anderen Häuser auch unter dem Druck von Tarifregelungen und dem Fachkräftemangel. Aufgrund der Organisation und der Menschen, die ich bereits kennengelernt habe, stelle ich fest, die Institution funktioniert sehr gut und ist stark verankert in der Region. Auf dieser soliden Basis können wir unser Angebot weiter entwickeln.
Sie haben den Druck der Tarifordnung angesprochen, deren Ausgestaltung nicht in der Kompetenz der Heime liegt. Haben Sie intern dennoch die Möglichkeit, die Finanzlage zu verbessern?
Es ist klar: Wenn die Tarife nicht genügend steigen, können die Kosten nicht gedeckt werden. Die Tarifgestaltung obliegt nicht unserer Verantwortung, sie wird unter anderem von der Politik und von Berufsverbänden beeinflusst. Aber es gibt intern zweifellos noch Möglichkeiten der Optimierung mittels Digitalisierung.
Denken Sie an KI?
Insbesondere im Gesundheitswesen ist Datenschutz ein gewichtiges Thema. Die juristische Situation ist noch nicht genügend geklärt. Es wäre sehr gefährlich, Künstliche Intelligenz allzu schnell und allzu umfassend einzusetzen. Aber wir müssen uns dennoch auf die Entwicklung einlassen und Dinge vorsichtig und seriös ausprobieren.
In Frenkendorf soll nach niederländischem Vorbild ein immenses Demenzdorf mit 120 bis 200 Betten in mehreren Gebäuden entstehen. Ist diese Strategie mit ausschliesslich demenzorientierten Kompetenzen, Abläufen und Einrichtungen und weitläufigem Areal zukunftsweisend?
Es ist zu früh, um ein abschliessendes Urteil zu fällen, wir benötigen mehr Kenntnisse. Grundsätzlich ergibt eine Konzentration von medizinischen Angeboten aber Sinn. Das Personal hat hochspezifische Kenntnisse. Prozesse können standardisiert werden. Dadurch entstehen Synergien und Effizienzsteigerungen.
Was spricht dagegen?
Ich erlebe im Spitalwesen auch positive Aspekte beim Anbieten von mehreren medizinischen Gebieten in einer Institution. Eine breite Palette von Abwechslung und Erfahrungsaustausch ist befruchtend für die Mitarbeitenden. Dazu kommt, dass Krankheitsbilder nicht immer scharf voneinander getrennt sind, die Grenzen sind oft fliessend. Wie sollen Menschen in diesen hoch spezialisierten Zentren behandelt werden, die nicht vollständig dement sind und noch Symptome anderer Diagnosen aufweisen? Es besteht noch Wissensbedarf. Aber die Idee ist spannend, und es ist lohnend, sich ernsthaft damit zu befassen.
Wird die zunehmende Alterung der Bevölkerung für die Heime zu einem Fass ohne Boden?
Im Gesundheitswesen nimmt die Komplexität der Medizin zu. Ältere Menschen haben oft besonders komplexe Krankheitsbilder, die eine breitere Palette von medizinischen Dienstleistungen erfordern. Die Verteuerung in der Medizin ist sowohl auf die Alterung als auch die Entwicklung der Medizin zurückzuführen. Als Gesellschaft sind wir bei dieser Problematik gefordert. Es geht nicht an, dass wir individuell bei Bedarf jeweils die modernste beste Medizin in Anspruch nehmen wollen und bei anderen Menschen der Meinung sind, eine Behandlung sei zu teuer. Wir müssen Lösungen finden – und ich bin überzeugt, dass wir fähig sind, einen sinnvollen Weg zu finanzieren.
Auch Bewohnerinnen und Bewohner werden zur Kasse gebeten, was zu akuten finanziellen Notsituationen führen kann. Wäre eine neue Pflegeversicherung mit langjährigen obligatorischen Prämienzahlungen analog den Krankenkassen hilfreich, um eine sehr hohe finanzielle Belastung beim Heimeintritt zu verhindern?
Grundsätzlich soll eher die Person zur Kasse gebeten werden, die das Angebot auch in Anspruch nimmt, aber Menschen sind unterschiedlich situiert. Es macht deshalb Sinn, Notsituationen abzufedern wie bei der Krankenkassensystematik. Wir kennen in der Schweiz das Solidaritätsdenken bei den Sozialversicherungen. Das macht unsere Gesellschaft auch stark. Wir können uns diese Solidarität gegenüber den sozial Schwachen finanziell leisten.
Beim Pflegeheim Jakobushaus Thürnen haben Vorschläge zu Änderungen der Führungsstrukturen zu kontroversen öffentlichen Diskussionen geführt. Medien berichteten von Krise und Machtkampf. Davon blieb Sissach bei seiner Reorganisation verschont. Was hat das «Mülimatt» anders gemacht?
Ich kann nur generell feststellen, dass Verschlankungen von Gremien zu einfacheren und schnelleren Entscheidungsfindungen führen. Historisch bedingt waren die Trägergemeinden in den Stiftungsräten vertreten. Es gab keinerlei Anlass, dies zu ändern, da der Betrieb funktionierte. Die Komplexität des Gesundheitswesens nimmt rasant zu, was dazu führte, dass vermehrt Fachexpertise gefordert ist. Diesen Schritt hat das Zentrum Mülimatt jetzt vollzogen.
Wie war die Akzeptanz?
Die Repräsentanten der Trägergemeinden und die operative Leitung des «Mülimatt» haben diesen Schritt explizit befürwortet.
Zur Person
abi. Philippe Salathé (41) hat einen Abschluss als Betriebsökonom FH und sich kontinuierlich im Bereich Management und Finanzen weitergebildet. Seit über 15 Jahren ist er in Führungspositionen im Gesundheitswesen tätig, so im Kantonsspital Baselland, im Bethesda Spital, am Universitätsspital Basel und zurzeit als CFO und stellvertretender CEO der Solothurner Spitäler AG. Philippe Salathé ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Sissach. Er ist passionierter Schwimmer und engagiert sich im Eishockey in der Region.
Neue Führungsstruktur der Mülimatt
abi. Am 1. Mai nimmt ein neuer Stiftungsrat im Zentrum für Pflege und Betreuung Mülimatt Sissach unter der Leitung des Finanzfachmanns Philippe Salathé mit einer neu definierten Ausrichtung seinen Dienst auf. Das alte Gremium mit 16 Mitgliedern, welche die Stiftergemeinden Diegten, Eptingen, Itingen, Nusshof, Sissach, Tenniken, Wintersingen und Nusshof vertraten, wird ersetzt durch sechs Personen mit spezifischen Fachkompetenzen. Es sind dies Bau, Digitalisierung, HR, Finanzen, Medizin und Unternehmensberatung. Die Modernisierung wurde gemäss den Verantwortlichen notwendig, um Anforderungen im Markt mit schnellen Entscheiden gerecht zu werden. Dem neuen Gremium obliegt die oberste Führungskompetenz des Zentrums, während die Trägergemeinden Wahlbehörde für die Stiftungsratsmitglieder sind. Das Zentrum Mülimatt betreibt 140 Betten und beschäftigt 250 Mitarbeitende (178 Vollzeitstellen).


