Mit ruhiger Hand durch vier Jahrzehnte
07.08.2026 ReigoldswilHansruedi Hochuli hört nach 41 Jahren als Lehrer und Schulleiter auf
«Lernen ist eine Arbeit des Herzens.» Diesen Satz nimmt Hansruedi Hochuli mit in seine Pension. Vier Jahrzehnte lang wirkte er an der Sekundarschule Reigoldswil als Lehrer, später als Schulleiter mit ...
Hansruedi Hochuli hört nach 41 Jahren als Lehrer und Schulleiter auf
«Lernen ist eine Arbeit des Herzens.» Diesen Satz nimmt Hansruedi Hochuli mit in seine Pension. Vier Jahrzehnte lang wirkte er an der Sekundarschule Reigoldswil als Lehrer, später als Schulleiter mit der Überzeugung: Schule funktioniert nur gemeinsam.
Melanie Frei
Wer ihm gegenübersitzt, merkt schnell: Er gehört nicht zu den Menschen, die viel Aufhebens um sich machen. Er spricht ruhig, lächelt oft und nimmt sich Zeit für seine Antworten. Hektik scheint ihm fremd. Als ehemalige Schülerin der Sekundarschule Reigoldswil habe ich ihn ähnlich in Erinnerung: freundlich, gelassen humorvoll und mit einer ruhigen Stimme.
Dabei blickt Hansruedi Hochuli auf eine Laufbahn zurück, die zu Stolz Anlass geben würde. 1983 begann er während seines Studiums mit einigen Lektionen Chemie an der Sekundarschule Reigoldswil. Drei Jahre später trat er seine erste feste Stelle an. 1994 wurde er Konrektor, 2008 übernahm er die Schulleitung. Mehr als vier Jahrzehnte prägte er die kleinste Sekundarschule des Kantons. Auch über Reigoldswil hinaus engagierte sich Hochuli. Unter anderem arbeitete er in einer kantonalen Projektgruppe zur Einführung des Schulnetzes mit und brachte seine Erfahrungen regelmässig in den Austausch der Baselbieter Schulleitungen ein.
Fragt man ihn nach seinen Erfolgen, spricht er allerdings kaum über sich selbst. Er erzählt vom Kollegium. Von Lehrpersonen. Von Schülerinnen und Schülern. Von Schulfesten, Kurswochen und der Reise mit der gesamten Schule nach Tenero. Immer wieder fällt das Wort «gemeinsam».
Dabei begann alles ganz anders
Als Jugendlicher aus Bretzwil fuhr Hochuli mit dem Töffli nach Reigoldswil zur Schule. Dabei wehten lange Haare über seine Schultern, er hörte gerne die Schweizer Hardrockband Krokus und verbrachte jede freie Minute auf dem Fussballplatz. «Ich wollte eigentlich einmal Französisch- und Englischlehrer werden. Erst ein Biologielehrer am Gymnasium weckte meine Begeisterung für Naturwissenschaften», erzählt Hochuli. Die Diskussionen über Umwelt und Ressourcen führten ihn schliesslich zum Studium der Biologie und Geografie.
«Während des Studiums wohnte ich mit zwei Kollegen aus Bretzwil in einer kleinen Basler Wohnung. Die Miete betrug gerade einmal 80 Franken im Monat.» Eine Dusche gab es nicht, die Toilette lag auf dem Gang. «Luxuriös war das nicht», sagt er und lacht. Gestört habe es sie damals kaum. Sie seien ohnehin ständig unterwegs gewesen: im Studium, beim Fussball oder mit Freunden.
Seine ersten Unterrichtsstunden kamen eher zufällig zustande. An der Sekundarschule Reigoldswil wurden kurzfristig Chemielektionen frei. Der Student sprang ein. «Vor meiner ersten Lektion ging ich bestimmt siebenmal auf die Toilette», erinnert er sich schmunzelnd. Aus wenigen Lektionen wurde eine Anstellung und schliesslich ein Berufsleben.
Dass er einmal 43 Jahre an derselben Schule verbringen würde, hätte er damals wohl selbst nicht gedacht. Mehrmals bewarb er sich auf andere Schulleitungsstellen, auch auf der Sekundarstufe ll. Entweder sagte er dann aber wieder ab, oder jemand anderes wurde gewählt. Von Enttäuschung ist nichts zu hören: «Ich habe mich an der ‹Sek Reigi› einfach wohlgefühlt», sagt er.
In seiner Zeit als Schulleiter veränderte sich die Schule grundlegend. Neue Lehrpläne, technologische Neuerungen und bauliche Anpassungen prägten den Alltag ebenso wie wachsende administrative Aufgaben – von der Elternarbeit bis zur Zusammenarbeit mit den Primarschulen.Gleichzeitig nahmen psychische Belastungen von Jugendlichen zu, Gespräche mit Eltern wurden häufiger und die Anforderungen an Lehrpersonen stiegen.
Besonders beschäftigt hätten ihn aber nie organisatorische Fragen, sagt Hochuli. Sondern Menschen. Lehrpersonen, die wegen Burnout ausfielen. Jugendliche mit schwierigen Lebensgeschichten. Vielleicht war genau deshalb seine Bürotür meist offen: Für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrpersonen oder Eltern.
Zuhören, vermitteln und gemeinsam nach Lösungen suchen – so beschreibt ihn Thomas Mottl, langjähriger Freund, Kollege und Stellvertreter Hochulis, in einer Würdigung, die kürzlich in den Gemeindeblättern des Schulkreises – Ziefen, Titterten, Arboldswil, Reigoldswil, Lauwil und Bretzwil – erschien. Legendär seien etwa Hochulis Schnitzelbänke an den Weihnachtsessen gewesen, «wo Hansruedi mit feinem Gespür die Geschehnisse des vergangenen Jahres resümierte und manchen Schmunzler provozierte», schreibt Mottl.
Dass ihm das Miteinander besonders wichtig war, zeigt sich auch in den Erinnerungen, die geblieben sind: Das grosse 111-Jahre-Schulfest 2023. Die gemeinsame Woche im Jugendsportzentrum Tenero. Nicht einzelne Projekte seien entscheidend gewesen, sondern das, was sie im Kollegium ausgelöst hätten. «Wir waren eine kleine Schule. Vielleicht gerade deshalb funktionierte vieles so gut.»
Nach mehr als vier Jahrzehnten fällt der Abschied dennoch leicht. Hochuli freut sich auf mehr Zeit mit seiner Familie. Er möchte sein Spanisch auffrischen, Dias digitalisieren und den Garten pflegen. Und natürlich reisen. Gleichzeitig weiss er die Schule in guten Händen. Mit Michelle Negro übernimmt eine neue Schulleiterin die Verantwortung.
Bleibt noch eine letzte Frage: Worauf ist Hansruedi Hochuli nach 41 Jahren am meisten stolz? Er denkt kurz nach: «Ich bin bis zuletzt jeden Morgen gern zur Arbeit gegangen.»
Michelle Negro übernimmt die Leitung
mef. Michelle Negro (Hölstein) übernimmt zum neuen Schuljahr die Leitung der Sekundarschule Reigoldswil. Die bisherige Konrektorin war zuvor Schulleiterin der Akademia Primar- und Sekundarschule und arbeitete bereits im vergangenen Schuljahr eng mit Hansruedi Hochuli zusammen.
Von ihrem Vorgänger habe sie viel lernen können. «Hansruedi Hochuli war sehr empathisch. Seine Tür stand immer offen, und mit seiner ruhigen, gelassenen Art strahlte er viel Kompetenz aus. Man konnte ihn alles fragen», sagt Negro. Für das Kollegium sei er eine wichtige Konstante gewesen. «Er wusste immer, wo man nachfragen musste oder wer einem weiterhelfen konnte.» Mit seinem Abschied gehe dieses Wissen zwar teilweise verloren. Gleichzeitig biete der Wechsel auch Chancen. Gemeinsam mit der neuen Konrektorin Simone Gosteli wolle sie die Schule behutsam weiterentwickeln. «Wir haben viele Ideen, aber alles zu seiner Zeit. Zuerst möchten wir ankommen und dafür sorgen, dass sich das Kollegium wohlfühlt. Eigene Impulse werden wir Schritt für Schritt einbringen – nicht mit dem Kopf durch die Wand.»
Die Schule sei ständig im Wandel. Sie und Gosteli möchten auf diesen Zug aufspringen und die Entwicklung aktiv mitgestalten. Auf ihre neue Aufgabe freue sie sich sehr. «Ich denke, die Sekundarschule Reigoldswil ist ein guter Ort, um diese Verantwortung zu übernehmen.»

