«Eine Mischung aus Handwerk und Hightech»
04.07.2023 Bezirk Sissach, Baselbiet, SissachFassadenbauer Peter Tschudin prägte zahlreiche Grossprojekte
Ob in Abu Dhabi, Shanghai, Bangkok oder London: Der Sissacher Fassadenspezialist Peter Tschudin hat an zahlreichen bekannten Hochhäusern auf der ganzen Welt mitgearbeitet. Daneben war er politisch und sportlich ...
Fassadenbauer Peter Tschudin prägte zahlreiche Grossprojekte
Ob in Abu Dhabi, Shanghai, Bangkok oder London: Der Sissacher Fassadenspezialist Peter Tschudin hat an zahlreichen bekannten Hochhäusern auf der ganzen Welt mitgearbeitet. Daneben war er politisch und sportlich aktiv.
Janis Erne
Wenn Peter Tschudin am 7. März im «China House» in Sissach über sein Leben spricht, dann erzählt der 82-Jährige auch ein Stück Baselbieter Industriegeschichte. Denn: Im Lauf der Zeit wurde aus dem talentierten Schlosser ein international gefragter Fassadenexperte. Sein beruflicher Werdegang führte ihn bis in die Führungsetagen grosser Konzerne und auf Baustellen rund um den Globus. Er wirkte bei einigen der modernsten Hochhäusern der Welt mit.
Der Sissacher kennt die gesamte Fertigungskette im Fassadenbau: von der Systementwicklung und der Logistik über die Produktion bis hin zur Montage der Elemente am Hochhaus. Eine chinesische Zeitung schrieb einst, dass es weltweit nur eine Handvoll Personen mit einem derart umfassenden Wissen gebe. «Fassadenbau ist eine Mischung aus Handwerk und Hightech», sagt Tschudin. Während Architekten ausgefallene Ideen liefern, bestehe seine Kunst darin, diese Visionen technisch umzusetzen – unter Berücksichtigung von Statik, Windlast, Niederschlägen, Materialverhalten und Montageabläufen. «Wenn genug Geld da ist, ist eigentlich jedes Projekt möglich», sagt Tschudin.
Der Oberbaselbieter bildete sich nach der Lehre weiter, zum Werkstattleiter, Metallbaumeister und Schweissfachmann. Von 1978 bis 1985 leitete er die Produktion der Schmidlin AG in Aesch, damals der grösste Fassadenbauer der Schweiz. In einer Zeit, in der industrielle Fertigung noch anders gedacht wurde als heute, baute er getaktete Produktionsabläufe mit verstellbaren Förderbändern auf. Diese Vorgehensweise war für damalige Verhältnisse überaus fortschrittlich.
Mut zahlt sich aus
1985 übernahm der zweifache Vater die Metallbaufirma Peter Tschudin AG in Sissach. Damit setzte er eine lange Familientradition fort, denn das Unternehmen wurde bereits 1891 gegründet. 2014 übergab Tschudin die Firma an seinen Sohn, der seither die fünfte Generation repräsentiert. Zu diesem Zeitpunkt war der «Seniorchef» bereits nicht mehr selbst operativ tätig. Denn 1998 kehrte er zu Schmidlin zurück und eröffnete damit ein neues Kapitel in seinem Leben.
Ab 2001 führte ihn die Tätigkeit für Schmidlin nach Fernost. «Ich hatte keine Ahnung von China», sagt Tschudin rückblickend. «Doch ich merkte schnell: Da entwickelt sich ein Wirtschaftsriese, der interessiert ist an westlichem Wissen.» Neben China arbeitete Tschudin auch in Indien, Japan, Russland, Südkorea und England. Zu seinen bekanntesten Projekten dieser Zeit gehört der Swiss-Re-Tower in London, dieser bekannte, spiralförmige Wolkenkratzer, der an eine gigantische Essiggurke erinnert. Die charakteristische Glas- und Aluminiumfassade stammt aus Aesch. Um den Auftrag zu erhalten, liess Tschudin damals ein Modell eines Fassadenelements bauen – Kostenpunkt: rund 1 Million Franken. Doch der Mut zahlte sich aus.
2003 stand der Fassadenspezialist vor einer wegweisenden Entscheidung: Entweder ein Grossprojekt in Dubai – der spätere Burj Khalifa – oder die erste Doppelhautfassade in China verantworten. Tschudin entschied sich für China. «Ich habe das nie bereut», sagt er. Das Burj-Khalifa-Projekt konnte Schmidlin ohnehin nicht fertigstellen: 2006 ging die Aescher Firma Konkurs. Für Tschudin bedeutete das nicht das Ende, sondern einen weiteren Neuanfang. Zusammen mit dem deutschen Investoren-Ehepaar Tröster gründete er die Schmidlin-TSK und sorgte dafür, dass wichtige Mitarbeiter an Bord blieben. Doch wegen Differenzen auf Führungsebene verliess Tschudin die Firma kurze Zeit später.
Er wurde technischer Direktor (CTO) des chinesischen Fassadenbauers Yuanda, eines der grössten Unternehmen seiner Branche weltweit. Yuanda realisierte unter anderem das Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt und das Olympiastadion in Peking – besser bekannt als «Vogelnest». Tschudin lebte zwar in Shanghai, war aber ständig unterwegs. In dieser Zeit hat er viel gesehen und erlebt, doch ein kleiner Wermutstropfen bleibt: «Ich bereue eigentlich nur, dass ich nie richtig Chinesisch gelernt habe.» Seine Frau lebte in dieser Zeit weiterhin in Sissach und besuchte ihn gelegentlich.
Radio-Retter
Als Yuanda-Führungskraft bis 2014 und später als selbstständiger Berater war Tschudin an zahlreichen internationalen Prestige-Projekten beteiligt, etwa an den «Abu Dhabi Investment Council»-Towers in Abu Dhabi mit ihrer beweglichen, sonnenabhängigen Fassadenverschattung, die an Sonnenschirme erinnert, oder am Pearl Building in Bangkok. Zudem half Tschudin Studenten der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) beim Bau eines Kindergartens in Südafrika – ehrenamtlich.
Neben seiner beruflichen Laufbahn engagierte sich Tschudin stark im Kanton. Lange präsidierte er den Gewerbeverband Baselland, die heutige Wirtschaftskammer, unter dem einflussreichen, aber mittlerweile verstorbenen Direktor Hans Rudolf Gysin. Tschudin – ein Freisinniger – kandidierte für Land- und Regierungsrat, verpasste die Wahl aber jeweils knapp, weil er anderen den Vortritt liess. Unfroh war er darüber nicht, da er auch ohne politisches Mandat mehr als genug zu tun hatte.
Auch in einer ganz anderen Branche hinterliess er Spuren: 1994 rettete er als Gewerbeverbandspräsident das in Sissach gegründete Radio Raurach vor dem finanziellen Kollaps. Nachdem die Basellandschaftliche Zeitung ihre Unterstützung kurzfristig zurückgezogen hatte, musste er innerhalb weniger Stunden 130 000 Franken auftreiben. Dank seiner Beziehungen gelang das buchstäblich in letzter Minute. Das Radio, heute bekannt als Radio Energy Basel, konnte weiter bestehen.
Sport spielte ebenfalls eine grosse Rolle in seinem Leben. Tschudin war während 30 Jahren Aktiver beim EHC Sissach, spielte Fussball und Handball – sowohl im Tor als auch auf dem Feld. Wie er all das unter einen Hut brachte, ist ihm bis heute ein Rätsel. «Ich weiss nicht, wie ich das alles gemacht habe», sagt er – und schiebt nach: «Eine wichtige Rolle spielte meine Frau. Sie hat mir den Rücken freigehalten.»
Wenn Peter Tschudin heute auf sein Leben zurückblickt, dann tut er das auch mit Dankbarkeit. Sein Weg vom Metallbauer zum weltweit gefragten Fassadenexperten war nicht vorgezeichnet, sondern das Resultat von Leidenschaft, Fleiss und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Nun wird er, der seine Erfolge nie an die grosse Glocke hing, einen Einblick in sein interessantes Leben geben.
«Auf spektakulärsten Grossbaustellen weltweit» – Vortrag von Peter Tschudin, Samstag, 7. März, 11 Uhr im «China House» in Sissach, mit chinesischem 3-Gänge-Menü. Anmeldung: info@chinahouse-basel.ch oder 062 922 44 55.




