Ein Dorf im Umbau
07.08.2026 BöcktenUnterwegs mit dem Gemeindepräsidenten
In Böckten wird an verschiedenen Orten gebaut. Hauptstrasse, Bahndamm, Wohnraum und Wasserversorgung stehen im Mittelpunkt. Das Dorf zwischen den Oberbaselbieter Zentrumsgemeinden Sissach und Gelterkinden wird sich wandeln.
...Unterwegs mit dem Gemeindepräsidenten
In Böckten wird an verschiedenen Orten gebaut. Hauptstrasse, Bahndamm, Wohnraum und Wasserversorgung stehen im Mittelpunkt. Das Dorf zwischen den Oberbaselbieter Zentrumsgemeinden Sissach und Gelterkinden wird sich wandeln.
Janis Erne
Kaum habe ich die Grenze nach Böckten überquert, kommt mir der Lastwagen einer Oberbaselbieter Tiefbaufirma entgegen. Das ist kein Zufall: In der Gemeinde zwischen Sissach und Gelterkinden wird an zahlreichen Orten fleissig gebaut. Wo überall, zeigt uns Gemeindepräsident Stephan Jung. Der 47-Jährige nimmt die «Volksstimme» mit auf eine Velotour durch das Dorf und erklärt, wie die Bevölkerung mit den Baustellen umgeht.
Zunächst machen wir an der Hauptstrasse halt.An Spitzentagen fahren hier mehr als 20 000 Autos entlang. Bereits jetzt stösst der Verkehr in Stosszeiten an seine Grenzen: Stockender Verkehr und Staus gehören werktags am frühen Morgen und Abend zum Dorfbild. Die Situation wird sich verschärfen, sobald der Kanton seine angekündigte Sanierung in Angriff nimmt: Dabei sollen die Hauptstrasse in Schuss gebracht, die Trottoirs verbreitert und die Bushaltestellen behindertengerecht ausgebaut werden. Seit gestern kann die Bevölkerung die Pläne auf der Gemeindeverwaltung einsehen. Bleiben Einsprachen aus, können die Arbeiten laut Kanton frühestens in der zweiten Hälfte kommenden Jahres starten.
«Wir haben schon ein Problem auf der Hauptstrasse, wenn nichts gebaut wird», sagt Gemeindepräsident Jung zur Verkehrsüberlastung. Seit Jahren verspricht der Kanton Entlastungsmassnahmen. Dazu zählen eine Abbiegespur auf der Sissacherstrasse bei der Schwarzen Brücke Richtung Thürnen und eine Verbreiterung des Chienbergkreisels Ost auf zwei Spuren. Auf Anfrage beim Kanton heisst es, die beiden Massnahmen würden «nach der Sanierung der Böckter Hauptstrasse» umgesetzt. Ob hier der neue Baudirektor Matthias Liechti (SVP, Rümlingen), der sein Amt am 1. Oktober antritt, neuen Schwung hineinbringen kann, bleibt abzuwarten. Klar ist: Spätestens Anfang der 2030er-Jahre wird die Region Sissach erneut in den Fokus rücken, wenn die aufwendige Sanierung des Chienbergtunnels beginnt.
Chance für Solarenergie?
Wir steigen wieder auf unsere Velos, fahren der Böckter Hauptstrasse entlang und biegen dann beim Dorfeingang Richtung Sissach in die Weiermattstrasse ein. Vor uns steht bereits der braun-grüne Bahndamm, über den sich Züge in einer Rechtskurve nach Gelterkinden schlängeln. Die Strecke gehört zur wichtigen Nord-Süd-Achse des europäischen Schienenverkehrs und ist entsprechend stark befahren. In wenigen Tagen beginnen die SBB mit der Sanierung des Bahndamms. Ausschlaggebend waren Sicherheitsbedenken, weil sich der Erdwall jedes Jahr um wenige Millimeter verschiebt.
Entlang der Hauptstrasse, der Weiermattstrasse und des Dammwegs wurden mehrere provisorische Baupisten erstellt. Hier werden Fahrzeuge, Baumaschinen, Baumaterial und Baracken für die Arbeiter sowie Autos einer nahegelegenen Garage, die von den Bauarbeiten betroffen ist, abgestellt. Die Sanierung umfasst den Bereich von der Schwarzen Brücke bis zur Unterführung des Tiergartenwegs. Sie soll bis Ende 2027 andauern und etwa 22 Millionen Franken kosten. Im Umfeld des Bahndamms wird es zu Strassensperrungen, Einbahn-Regimen und Umleitungen kommen.
Diese machen dem Gemeindepräsidenten kaum Sorgen. Ihn beschäftigt etwas anderes: die rund drei Meter hohe Betonwand, die entlang des Bahndamms erstellt werden soll. Stephan Jung: «Es wurde diskutiert, wie diese Wand angestrichen werden soll, um sie vor unerlaubten Graffitis zu schützen. Ich bin dafür, Photovoltaik-Module an die Wand zu montieren. Wegen ihrer Ausrichtung könnte damit sogar Winterstrom produziert werden.» Jung will sich bei den SBB für seine Idee stark machen.
Finanzielle Entlastung?
Weiter geht es durch den historischen Dorfkern auf den Bündtenweg. Nach einem kurzen Augenblick halten wir wieder an. Vor uns sind Bagger am Werk; hier finden Erschliessungsarbeiten für die Gemsacker-Überbauung statt. Das Projekt umfasst zwei Mehrfamilienhäuser, zehn Doppeleinfamilienhäuser und fünf Einfamilienhäuser. Der Baustart ist bemerkenswert, denn die Erarbeitung des dafür nötigen Quartierplans dauerte rund zehn Jahre und erforderte mehrere Volksabstimmungen.
Nun aber erhält Böckten Zuwachs: Die 33 Wohneinheiten dürften die 850-Einwohner-Gemeinde in den kommenden Jahren um 80 bis 90 Personen, also rund 10 Prozent, wachsen lassen. Jung ist froh um diese Entwicklung: «Der Gemeinderat begrüsst eine moderate Bevölkerungszunahme. Es wäre erfreulich, wenn das Steuersubstrat auf mehr Schultern verteilt würde.»
Dafür gibt es gute Gründe: Böckten ist finanziell nicht allzu gut aufgestellt. Die Ausgaben überstiegen wiederholt die Einnahmen, weshalb die Gemeinde vor einem Jahr eine Finanzanalyse gestartet hat. Neue Steuerzahler sind daher willkommen. Neben dem Gemsacker sind weitere kleinere Überbauungen in der Realisierung oder Planung, so etwa im oberen Teil des Dorfs oder entlang der Hauptstrasse beim früheren Restaurant «Hirschen». Zudem zieht eine Maschinenbaufirma von Sissach nach Böckten.
Gerüstet für die Zukunft?
Böckten ist räumlich zweigeteilt: Ein Teil des Dorfes befindet sich in der Ergolzebene am Talboden, ein anderer Teil erstreckt sich ab dem Bahndamm steil den Hügel hinauf. Spätestens hier sind wir froh, mit den E-Bikes unterwegs zu sein. Innert Kürze erreichen wir so die höchstgelegenen Häuser der Gemeinde. Blickt man hier ins Tal, merkt man nichts von all den Baustellen. Es ist so ruhig, als wäre man in einem anderen Dorf gelandet.
Wohl auch deshalb sagt der Gemeindepräsident, die Bevölkerung nehme die Baustellen gelassen: «Klar gibt es ab und zu Klagen über den Lärm, den Verkehr oder die Strassensperrungen, doch grossmehrheitlich sind die Leute pragmatisch.» Diesen Eindruck bestätigt Toni Häcki. Der Landwirt bewirtschaftet den Hof Weinbaum hoch über Böckten. Angesprochen auf die vielen Baustellen, zuckt er kurz mit den Schultern, lächelt und sagt: «Das ist halt so.»
Bei ihm oben wird auch bald gebaut. Hier soll ein neues Hochzonenreservoir erstellt werden; das Baugesuch wurde vor Kurzem eingereicht. «Es handelt sich dabei um ein Jahrhundertprojekt», sagt Jung. Das Reservoir versorgt die höher gelegenen Höfe mit Wasser, wenn deren Quellen ausgetrocknet sind. Gerade in Zeiten trockener werdender Sommer ist das wichtig.
Zurück an unserem Startpunkt, dem Gemeindehaus, zeigt Jung auf das benachbarte Schulhaus. Oder besser gesagt: auf die Wiese dahinter. Die Gemeinde hat dieses Land erworben, um bei Bedarf die Schule zu erweitern – sei es durch einen Neubau, einen Anbau oder das Aufstellen von Containern. Auch dieses Beispiel verdeutlicht: Böckten rüstet sich für die Zukunft.




