Die Privatschule in der ehemaligen Dorfbeiz
23.04.2025 Bezirk Sissach, Bildung, Gemeinden, Region, Baselbiet, WenslingenFür die Inszenierung von «Momo» im Marabu erhielten 20 Darstellerinnen und Darsteller viel Applaus. Sie gehören der Lerngruppe «TurTur» an, einer 2022 von Eltern gegründeten Privatschule in Wenslingen. Zwei Lehrerinnen unterrichten die Kinder und ...
Für die Inszenierung von «Momo» im Marabu erhielten 20 Darstellerinnen und Darsteller viel Applaus. Sie gehören der Lerngruppe «TurTur» an, einer 2022 von Eltern gegründeten Privatschule in Wenslingen. Zwei Lehrerinnen unterrichten die Kinder und Jugendlichen im früheren Restaurant Rössli und draussen in der Natur.
Christian Horisberger
Dank der Hilfe von Schildkröte Kassiopeia und Meister Hora vermag die Titelheldin des Theaters, Momo, die «Grauen Herren» zu bezwingen und ihren Freunden die gestohlene Zeit zurückgeben, womit deren Leben wieder froh und glücklich wird. Das Happy End wird von allen Schauspielerinnen und Schauspielern besungen, ehe sie sich unter ausgiebigem Applaus verbeugen.
Es ist das Finale eines ausserordentlichen Theaterabends. Ausserordentlich deshalb, weil es sich bei den Darstellern um Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse handelt und weil die gut anderthalbstündige, anspruchsvolle Inszenierung des Märchenromans von Michael Ende mit vielen und teils langen Textpassagen und etlichen Szenenwechseln nahezu reibungslos über die Bühne gegangen ist.
Die zwei öffentlichen Aufführungen im Marabu mit insgesamt gegen 350 Zuschauerinnen und Zuschauern waren der Abschluss eines Theaterprojekts der Lerngruppe «TurTur», einer vor drei Jahren in Wenslingen gegründeten Privatschule. Während etwa dreier Monate wurden im Schulbetrieb die Charaktere entwickelt, Texte gelernt, Kostüme genäht, Kulissen gebaut und gemalt und schliesslich die vielen Puzzleteile zu einem Ganzen zusammengefügt.
Der Prozess zur Aufführung hin sei für sie der eigentliche Kern des Projekts, sagt Elisa Petri, die gemeinsam mit Anna-Tina Pfäffli die Lerngruppe leitet und fürs Theater Regie führte. «Eine Theateraufführung ist etwas Tolles, doch aus pädagogischer Sicht steckt viel mehr drin als eine Bühnenshow.» Als Beispiele nennt die Lehrerin den Biss zu entwickeln, an etwas dranzubleiben oder vor ein Publikum zu treten: «Es gab Kinder, die anfänglich Angst hatten, auf der Bühne etwas zu sagen. Gegen Ende wünschten sie sich mehr Text.»
Natürliches Lernen
Während der Vorbereitungen fürs Theater hätten die Schülerinnen und Schüler diverse im Lehrplan geforderte Kompetenzen auf natürliche Weise verinnerlicht: beim Verfassen eines Interviews mit ihrer jeweiligen Figur, beim Arbeiten am Projektbuch, beim Singen, dem auswendig Lernen, der deutlichen Aussprache auf der Bühne oder beim Herstellen der Kulissen. «In vielen Köpfen bedeutet Lernen sich hinsetzen und büffeln. Es geht aber auch anders», sagt «TurTur»-Schulleiterin Gisela Buess. Für Kinder und Jugendliche ergebe es mehr Sinn, an etwas zu arbeiten, das in einem grösseren Kontext steht als wenn sie einfach nur den Auftrag erhalten, jetzt dies zu lesen oder jenes zu schreiben. Umso höher sei im Schulbetrieb auch die Motivation mitzuwirken.
Gisela Buess gehört zu den Gründerinnen der Privatschule «TurTur», benannt nach einer weiteren Romanfigur Michael Endes. Die Entstehung geht zurück auf den Schul-Lockdown während der Pandemie. Sie habe damals festgestellt, dass Schulunterricht auch ausserhalb der Norm funktioniert, sagt die fünffache Mutter, und sie sei mit dieser Erkenntnis nicht alleine gewesen. Zur richtigen Zeit seien die richtigen Menschen zusammengekommen, und ab dem Schuljahr 2022 wurden acht Kinder aus Oltingen und Wenslingen in «Homeschooling» oder «Privater Schulung», wie es offiziell heisst, unterrichtet. Als Lehrerin konnte Elisa Petri gewonnen werden. Ein Jahr später wuchs die Gruppe auf 13 Kinder an, wofür gemäss Vorgabe des Amts für Volksschulen (AVS) eine Privatschule gegründet werden musste. Seither ist die Lerngruppe «TurTur» eine staatlich anerkannte Privatschule. Seit Beginn des laufenden, dritten Schuljahrs zählt sie 20 Kinder, hauptsächlich aus Wenslingen, Oltingen, Gelterkinden, Ormalingen, Rünenberg oder Wegenstetten. Der Unterricht findet unter anderem im früheren Gastraum und Säli des Restaurants Rössli mitten im Dorf statt. Aufgrund der – ausschliesslich durch Mund-zu-Mund-Werbung – angewachsenen Zahl Kinder wurde aufs laufende Schuljahr hin eine zweite Lehrerin eingestellt.
Im Sommer werden zwei Schülerinnen altersbedingt die Schule verlassen: Eine von ihnen wird eine Berufslehre in Angriff nehmen, die andere nach bestandener Aufnahmeprüfung die FMS besuchen. Neu zur Lerngruppe stossen werden drei Geschwisterkinder, welche in die 1. Klasse kommen. Anfragen habe es mehr gegeben, sagt Pädagogin Petri, doch aufgrund der aktuellen räumlichen und personellen Situation hätten nicht mehr Schulkinder aufgenommen werden können.
Alle Beteiligten im Boot
Anders als ein weiteres Oberbaselbieter «Private Schulung»-Projekt mit Standorten in Zunzgen und Gelterkinden, das nach einem Jahr aus finanziellen Gründen eingestellt wurde (die «Volksstimme» berichtete), scheint sich das Wenslinger Projekt bester Gesundheit zu erfreuen. Dies bestätigt die Schulleiterin. Dafür ausschlaggebend sei das gemeinschaftliche Wirken von Schulrat und Lehrerschaft und das Qualitätsmanagement. Heisst: Elternvertreter und Lehrerinnen haben das Konzept gemeinsam entwickelt und entscheiden jedes Jahr aufs Neue, wo die Schule steht, wohin sie soll und was es dazu braucht. Und auch mit den Eltern stehe man in regelmässigem Kontakt.
Freilich müssen auch die Finanzen stimmen: Der Kanton zahlt nichts, nicht einmal für die Lehrmittel gibt es Beiträge aus Liestal. Um das Schulgeld für normalverdienende Familien bezahlbar zu machen, leisten alle Beteiligten ihren Beitrag. Die Eltern müssen zweimal im Monat einen Einsatz leisten, sei es beim Kochen, Putzen oder bei der Lernbegleitung. Zudem begleiten sie ihre Kinder beim Lernen jede Woche an einem bis zwei Halbtagen während der Unterrichtszeit zu Hause. Ferner werden die beiden Lehrerinnen, die im Vergleich zu staatlichen Schulen tiefere Gehälter beziehen, an einem Tag in der Woche von einer pensionierten Lehrerin unterstützt, die ehrenamtlich arbeitet. So wird pro Monat und Kind ein Schulgeld bis zu 900 Franken fällig, wie Schulleiterin Buess sagt; für weitere Kinder aus einer Familie gibt es Rabatt.
Natur als Klassenzimmer
Was bekommen die Eltern für ihr Geld? Welchen Mehrwert haben die Kinder gegenüber der Regelschule? Freiraum zum Entdecken, Lernen im eigenen Tempo und viel Zeit im «Klassenzimmer Natur», erklärt Lehrerin Petri. Der Unterricht findet je nach Jahreszeit und Witterung an einem oder mehreren Tagen in der Woche draussen statt. Im «Moos» bei den Gewächshäusern an der Strasse in Richtung Oltingen befindet sich ein Aussenstandort, ein zweiter im Wald wird diesen Frühling neu hinzukommen.
Auf spielerische Art würden Entdeckungen der Schülerinnen und Schüler aus der Natur zum Lerngegenstand gemacht und gemeinsam beleuchtet. Dabei würden oft unterschiedliche Fächer tangiert. Die Lehrerin macht ein Beispiel: Finde ein Kind Harz, könne sich daraus Wissen aus den Bereichen Mensch/Natur/Gesellschaft ergeben: Warum sondert ein Baum Harz ab? Welche Bäume tun das? Ebenso aus der Mathematik: Wie lässt sich die Höhe des Baums berechnen? Oder aus der Physik: Wie lässt sich die Hebelwirkung nutzen, um den Baumstamm zu bewegen? Und beim Holz Sägen und Hacken könnten sportliche oder handwerkliche Skills verbessert werden. Für sie als Lehrerin sei diese Form des Unterrichtens spannend, aber auch fordernd, sagt Petri: «Oft weiss ich nicht, was der Tag in der Natur bringen wird. Das macht das Lernen lebendig.»
Lernen, wenn Kinder bereit sind
Anders als in vielen Volksschulklassen werden die Kinder bei «TurTur» nicht in 9 Klassen, sondern in die drei Zyklen des Lehrplans eingeteilt: 1. und 2. Klasse, 3. bis 6. Klasse, 7. bis 9. Klasse. Die Lernziele sind innerhalb eines Zyklus’ zu erreichen. Damit kann der individuellen Entwicklung der Kinder Rechnung getragen werden. «Wir geben den Kindern den Raum und die Freiheit zu spielen, denn spielen bedeutet lernen und sich die Welt erschliessen», sagt Petri. Die Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen werden in geführten Inputs erarbeitet. Vertieft wird individuell und mit Unterstützung der Eltern. Wenn die Kinder bereit sind, «dann lernen sie unglaublich effizient und schnell».
Noten gibt es keine – ausser, die Schülerinnen und Schüler wünschen dies für eine persönliche Standortbestimmung. Je älter sie werden, desto häufiger sei dies der Fall, erklärt Petri. Als weitere Besonderheit der Lerngruppe «TurTur» nennt sie das häufige selbstständige Lernen allein oder in Gruppen, ebenso den hohen Grad an Selbstständigkeit und die gegenseitige Unterstützung der Kinder. Darauf seien die Lehrerinnen angewiesen, da ein Frontalunterricht mit Schülern in so vielen unterschiedlichen Entwicklungsstufen schlicht nicht machbar wäre.
«Hätte mir jemand vor fünf Jahren gesagt, wir würden eine Privatschule gründen, so hätte ich es für unmöglich gehalten», sagt Gisela Buess. Das nun Erreichte erfülle sie mit tiefer Dankbarkeit: «Es ist momentan genau das Richtige für alle Beteiligten.» Sie freut sich nicht nur über das Angebot, das den Kindern geboten werden kann, sondern auch über die persönliche Erfahrung: Die vergangenen Jahre hätten ihr gezeigt, wozu man gemeinsam fähig ist, wenn man sich etwas traut, was man eigentlich für unmöglich hält.
Zeit schenken
Die Privatschule scheint im Dorf angekommen zu sein: Die Gemeinde stellt der Lerngruppe bei Bedarf Turnhalle und Gemeindesaal zur Verfügung und das Einvernehmen mit den lokalen Behörden sei gut, sagt Schulleiterin Buess. Ausserdem hätten interessierte Lehrpersonen der Volksschule schon bei «TurTur» hereingeschaut und Klassen der Kreisschule das Theater im Marabu besucht. Auf die Akzeptanz der Privatschule im Dorf nach ihrer Gründung möchte die Schulleiterin nicht eingehen und bekräftigt: «Jetzt ist es gut.»
In «Momo», das die Schüler vor den Osterferien aufgeführt haben, steckt viel von der «TurTur»-Philosophie: Momo will den Menschen Zeit schenken und Freiräume geben, in denen sie ihre Kreativität ausdrücken können. Zeit, nicht zu müssen, sondern zu dürfen.