«Der Absentismus nimmt stark zu»
11.06.2025 Baselbiet, Gesellschaft, Gemeinden, Bildung, BaselbietSP-Landräte reichen Vorstösse ein, weil Schulkinder zu häufig dem Unterricht fernbleiben
Die Landräte Ernst Schürch und Jan Kirchmayr sind Sek-Lehrer. Ihnen missfällt, dass Kinder häufig zu spät kommen. Eltern wiederum würden vermehrt ...
SP-Landräte reichen Vorstösse ein, weil Schulkinder zu häufig dem Unterricht fernbleiben
Die Landräte Ernst Schürch und Jan Kirchmayr sind Sek-Lehrer. Ihnen missfällt, dass Kinder häufig zu spät kommen. Eltern wiederum würden vermehrt Standortgesprächen unentschuldigt fernbleiben. Nun fordern sie die Regierung auf, zu prüfen, ob es ein Modell braucht, damit Schulen frühzeitig eingreifen können.
Tobias Gfeller
Herr Schürch, der Kanton soll das Gesetz anpassen, damit Erziehungsberechtigte in die Pflicht genommen werden und dafür sorgen, dass ihre Kinder nicht zu spät in die Schule kommen und Prüfungen schreiben, also das erfüllen, was eigentlich selbstverständlich ist. Sind die Zustände an den Schulen schon so schlimm, dass dieser Eingriff nötig ist?
Ernst Schürch: Ich fordere nicht eine Änderung des Bildungsgesetzes. Ich habe das Postulat bewusst offen formuliert, weil ich keine einzelne Massnahme in den Vordergrund stellen möchte. Nach der Beantwortung des Postulats müssen allenfalls einzelne Verordnungen angepasst werden. Die Coronavirus-Pandemie hat bereits vorhandene Missstände verstärkt. Auch ist die Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Kindern und Eltern schwieriger geworden. Die kleine Minderheit an fehlbaren Schülerinnen und Schülern und Eltern ist grösser geworden. Ich muss aber auch klar sagen, dass die grosse Mehrheit ihre Aufgaben immer noch sehr gut erfüllt.
Konkret: Wo gibt es Missstände?
Schürch: Der Absentismus, also das häufige Fernbleiben, nimmt stark zu und ist gravierend. Das fängt schon im Kindergarten an. Das zieht sich über alle Schulstufen durch. Einzelne Eltern entschuldigen teilweise jede Fehlstunde mit sonderbarsten Argumenten. Es gibt Schulen, in denen ein Absenzenheft geführt werden muss, und da unterschreiben gewisse Eltern zu Beginn des Schuljahres die ersten 20 leeren Seiten prophylaktisch.
Jan Kirchmayr: Wir können nichts als unentschuldigt erklären, das von den Eltern unterschrieben und entschuldigt wird. Die anspruchsvollen Fälle und der Absentismus bei Schülerinnen und Schülern haben zugenommen. Wir müssen Eltern wieder klarer machen, dass Kinder haben nicht nur bedeutet, dass man Rechte hat, sondern auch Pflichten. Dass man dafür sorgt, dass das Kind regelmässig an der Schule ist und pünktlich erscheint. Die Volksschule bis zur 9. Klasse ist keine weiterführende, freiwillige Schule.
Herr Kirchmayr, in Ihrem Vorstoss geht es um Eltern, die zu Elternabenden und Standortgesprächen nicht erscheinen. Da sollte doch bei den Eltern ein Interesse bestehen?
Kirchmayr: Ich weiss von Beispielen, bei denen Eltern Kita-Mitarbeitende an Elternabende und Standortgespräche schicken möchten. Zum Elternsein gehören all die schönen Erlebnisse, die man mit Kindern haben kann, aber es gehört auch dazu, dass man jährlich am Standortgespräch teilnimmt, an dem besprochen wird, wo die Stärken des Kindes liegen und wo es sich noch verbessern kann. Auch geht es darum, die Laufbahn des Kindes zu besprechen und dafür als Eltern Verantwortung zu übernehmen. Es gibt Eltern, die solch wichtigen Terminen mit der Schule mehrfach unentschuldigt fernbleiben.
Da mangelt es an Interesse am Wohlergehen des eigenen Kindes …
Kirchmayr: Betrachten wir den Prozess der Berufswahl der Jugendlichen: Eltern sind in zwei Dritteln der Fälle mitentscheidend, welchen Weg die Schülerinnen und Schüler gehen. Die Teilnahme an Standortgesprächen, an Elternabenden zum Übertritt und dem dualen Bildungssystem sind hier entscheidend. Da können wir sie nicht aus der Pflicht nehmen.
Gibt es Zahlen zu Fehlzeiten?
Schürch: In den Sekundarschulen, in die ich Einblick habe, hat in den vergangenen zwei, drei Jahren ein Viertel bis ein Drittel und in Extremfällen die Hälfte der Schülerinnen und Schüler einen Eintrag im Zeugnis wegen entschuldigten Absenzen. Das gibt es ab zehn Prozent der Lektionen eines Schuljahres. Das sind vier Wochen Unterrichtszeit, die man verpasst hat. Und es betrifft den ganzen Kanton. Es gibt keine Schwerpunkte in einzelnen Gemeinden oder Bezirken.
Was sehen Sie für Optionen, um der Problematik zu begegnen?
Schürch: Eine Lehrperson kann maximal einen Arrest von zwei Stunden aussprechen. Die Schulleitung kann einen temporäreren Schulausschluss verfügen. Der Schulrat kann Bussen bis zu 5000 Franken aussprechen. Dazwischen bräuchte es meiner Meinung nach zusätzliche Massnahmen. Diese müssen nicht unbedingt bestrafenden Charakter haben. Man muss alle Kinder, Eltern und Lehrpersonen frühzeitig an einen Tisch bringen können. Das muss kantonal geregelt sein, damit sich die Schulen und Gemeinden daran orientieren können und es keinen Flickenteppich gibt.
Herr Schürch, in Sissach, wo Sie beruflich tätig sind, hat man auf kommunaler Ebene zusätzliche Massnahmen ergriffen.
Schürch: Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mehr als 100 Lektionen Absenzen hat, muss ich als Lehrer der Schulleitung eine Meldung machen, damit wir gemeinsam das weitere Vorgehen besprechen können.
Kirchmayr: Dass es an einer Sekundarschule so und an anderen wiederum anders geregelt ist, empfinde ich als unbefriedigend. Es wäre für die Übersichtlichkeit wichtig, dass wir eine einheitliche Handhabe im ganzen Kanton haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir bei zu vielem Zuspätkommen über einen Zeugniseintrag nachdenken. Ich vernehme von Schulleitungen, dass die Androhung einer Busse hilft. Ich möchte aber festhalten, dass ich kein Fan von Bussen bin. Es muss das letzte Mittel sein. Bis dahin brauchen wir mehr Optionen, eine klare Kaskade, eine Abfolge davon, was wann passiert und welche Konsequenz hat.
Ist das Vorgehen in Sissach erfolgreich?
Schürch: (überlegt). Die Folge an unserer Schule ist, dass einer von drei Schulleitern hauptsächlich damit und mit disziplinarischen Massnahmen beschäftigt ist. Aber ja, eine eher kleine Wirkung kann festgestellt werden.
Man muss eine Situation proaktiv früher angehen, bevor es zum grossen Knall kommt?
Kirchmayr: Exakt. Dafür braucht es auch eine Sensibilisierung. Wir als Institution Schule müssen darauf pochen, dass die Schülerinnen und Schüler regelmässig und pünktlich zur Schule kommen. Gleichzeitig müssen wir als Staat dafür sorgen, dass Eltern ihre Pflichten wahrnehmen. Volksschule ist nicht freiwillig.
Schürch: Es ist nicht meine Absicht, einen Strafenkatalog zu installieren. Es braucht einen Katalog an Instrumenten und Massnahmen, die man den Schulen in die Hand geben kann. Essenziell ist auch, dass die Pflichten den Eltern regelmässig aktiv kommuniziert werden. Erziehung im Rahmen der Schule ist eine gemeinsame Aufgabe aller Beteiligten. Eltern und Lehrpersonen wissen, dass Kinder und Jugendliche schwierige Zeiten durchmachen können und dass es dabei Geduld und klare Haltungen braucht. Damit das im Rahmen der Schule gelingen kann, müssen alle Beteiligten ihre Pflichten wahrnehmen und miteinander im Gespräch sein.