Nach fast 100 Jahren ist Schluss
24.09.2026 Bezirk Sissach, Baselbiet, Finanzen, RothenfluhRieder & Co. AG stellt die Produktion ein und befindet sich in Liquidation
Fast ein Jahrhundert lang stellte die Rieder & Co. AG in Rothenfluh Hufstollen, Gitterroste und den «Rico-Marker» her. Nun gibt Inhaber Roland Rieder den Familienbetrieb auf. Gegen die günstigere Konkurrenz könne das Unternehmen längerfristig nicht bestehen.
Christian Horisberger
«Die Kunden sind bereit, für Schweizer Qualität 10 bis 20 Prozent mehr zu bezahlen. Aber nicht das Doppelte, das wir für unsere Produkte verlangen müssten, um längerfristig bestehen zu können.» Damit bringt Roland Rieder auf den Punkt, weshalb er den Metallbaubetrieb, den er in dritter Generation führte, seit Ende Juni herunterfährt. Jetzt befindet sich das Unternehmen in Liquidation. Die Rothenflüher Rieder & Co. AG produzierte während fast 100 Jahren Hufstollen sowie Gitterroste und den patentierten «Rico-Marker», eine im Metallbau bewährte Anreissnadel mit Hartmetallspitze im Kugelschreiberformat.
Mit den individuell gefertigten Gitterrosten erwirtschaftete die Rieder & Co. AG zuletzt rund die Hälfte ihres Umsatzes, sagt der langjährige Inhaber und Geschäftsführer. Aufs Konto des «Rico-Markers» gingen 30 bis 40 Prozent, die restlichen Einkünfte trugen der Firma die Hufstollen ein, mit denen alles begann.
Vom Hufstollen zum «Rico-Marker»
Laut der Firmenchronik wurde das Unternehmen 1931 von Roland Rieders Grossvater Oskar und dessen Bruder Ernst gegründet. Sie stellten in der Remise eines Bauernhofs im Dorf Hufeisenstollen her. Damals wurden Pferde in der Landwirtschaft als Arbeitstiere eingesetzt, was eine grosse Nachfrage nach Stollen bedeutete. Der Zweite Weltkrieg bescherte dem noch jungen Unternehmen grosse Aufträge des Bundes. Bis Kriegsende verliessen rund zwei Millionen Hufeisenstollen den Betrieb.
Mitte der 1950er-Jahre kam als zweiter Geschäftsbereich die Herstellung von Gitterrosten hinzu. 1958 wurde an der Wittnauerstrasse eine neue Fabrikationshalle bezogen. Der von Roland Rieder Senior in den 1960er-Jahren entwickelte «Rico-Marker» wurde in das Sortiment aufgenommen und entwickelte sich rasch zu einem begehrten Artikel.
Auch die Gitterroste seien gefragt gewesen und für ihre hohe Qualität geschätzt worden, sagt Roland Rieder Junior, der Ende der 1990er-Jahre von seinem Vater die Geschäftsführung und 2013 das Verwaltungsratspräsidium übernommen hatte, im Gespräch mit der «Volksstimme». Ab Ende der 1990er-Jahre seien die Roste aus Rothenfluh die letzten gewesen, die das Siegel «Swiss made» zu Recht getragen hätten. Die Mitbewerber hätten importierte Roste lediglich veredelt und als Schweizer Produkte vermarktet, so Rieder. Sein Betrieb habe dagegen den (importierten) Bandstahl zugeschnitten, unter einer Last von bis zu 1500 Tonnen zu Rosten in der gewünschten Form und Grösse gepresst, mit einem Rahmen umgeben und verschweisst.
Der Preisdruck nimmt zu
Mit massgeschneiderten Produkten, ihrem hohen Qualitätsanspruch und den Schweizer Löhnen hatte die Rieder & Co. einen zunehmend schweren Stand gegen die Konkurrenz vor allem aus Osteuropa und Asien, die ihren Stahl teils deutlich günstiger beschaffen könne, wie Roland Rieder ausführt. «Lange Zeit ist die Rechnung für uns dank unserer treuen Kunden aufgegangen.» Nach und nach hätten sich auch langjährige Abnehmer – Metallbauer, Bauunternehmen und Bauzulieferer ausschliesslich aus der Schweiz – günstigeren Gitterrost-Anbietern zugewandt.
Das rentabelste Produkt des Rothenflüher Metallbaubetriebs war der «Rico-Marker», der zu 50 Prozent in den Export ging, während die Hufstollen immer mehr ein Nischendasein fristeten. Dies auch, weil sich im Reitsport der Trend weg vom Hufeisen und hin zum Barhuf bewege, wie Rieder sagt – und damit auch weg vom Hufeisenstollen.
In den vergangenen zehn Jahren ist der Jahresumsatz stetig leicht zurückgegangen und hat zuletzt eine knappe Million Franken betragen. Für die Firma mit ihren zehn Mitarbeitenden wurde es immer schwieriger, Gewinne zu erwirtschaften. An Rücklagen für den Kauf neuer, automatischer Anlagen sei deshalb nicht zu denken gewesen, so Rieder: «Das hätte Investitionen im Bereich von 2 bis 3 Millionen Franken bedeutet.»
Noch vor sechs Jahren wurde auf dem Firmengelände für eine halbe Million Franken ein zweistöckiges Bürogebäude erstellt. Der Chef in dritter Generation hegte die Hoffnung, dass er den Familienbetrieb an die nächste Generation, seinen Sohn Matthias (32), würde übergeben können. Der gelernte Maurer, der sich zum Technischen Kaufmann weitergebildet hatte, arbeitete etliche Jahre als Bauführer und Projektleiter. Mit vielseitigem Fachwissen und Führungserfahrung stieg er vor einem Jahr denn auch ins Unternehmen ein, um sich ein Bild vom Tagesgeschäft und von dessen Perspektiven machen zu können.
Die Anfang dieses Jahres vorgenommene Auslegeordnung führte bei den beiden zu einer ernüchternden Erkenntnis: Aufgrund der herrschenden Marktverhältnisse ist ein langfristig rentabler Betrieb nicht realistisch. Roland Rieder: «Unter den gegebenen Umständen in Zukunft mit der Konkurrenz mitzuhalten, ist aussichtslos.» Er hätte gerne übers Pensionsalter hinaus weitergearbeitet und die Verantwortung fliessend abgegeben, sagt er. Daher schmerze ihn das Ende des Familienunternehmens. Auf der anderen Seite sei mit dem Entscheid viel Druck von ihm abgefallen und er und sein Sohn könnten sich jetzt einem anderen Plan zuwenden: die Gebäude zu räumen, um sie anschliessend zu vermieten.
Hallen sollen vermietet werden
Ohne die Immobilien ausgeschrieben zu haben, hätten sich bereits Interessenten gemeldet und sowohl die Büroräume als auch die Produktionshallen besichtigt, sagt Rieder zur «Volksstimme».
Das Areal der Rieder & Co. AG, die sich in Liquidation befindet, umfasst eine rund 4000 Quadratmeter grosse Liegenschaft ausgangs des Dorfs in Richtung Wittnau. Das Areal ist etwa zur Hälfte bebaut – mit dem neuen, zweistöckigen Bürogebäude sowie drei eingeschossigen, hohen Werkhallen. In den Werkräumen befinden sich noch sämtliche Maschinen, die für die Produktion von Gitterrosten, Reissnadeln und Hufstollen verwendet wurden und noch immer werden: Vater und Sohn führen gemeinsam letzte Aufträge aus und brauchen so die restlichen Materiallagerbestände auf. Parallel dazu werden Abnehmer für die Maschinen gesucht. Es gebe Interessenten, spruchreif sei noch nichts. Mindestens ein Teil der Hallen soll Ende dieses Jahres, spätestens Anfang 2027, geräumt sein und Platz für Neues bieten.
Den zehn Mitarbeitenden wurde auf Ende Juni gekündigt. Laut Roland Rieder haben alle vollzeitangestellten Fachkräfte in der Fertigung eine neue Stelle gefunden, teils bei Lieferanten und Kunden: «Wir haben sie bei der Suche unterstützt.» Auch für den Metallbau-Lernenden habe eine Anschlusslösung gefunden werden können. Noch nicht «versorgt» seien die ungelernten Teilzeitangestellten im Betrieb und die Fachkraft im Büro.





