«Hitze bereitet uns weniger Sorgen als anderes»
28.07.2023 Bezirk Sissach, Gesundheit, Gesellschaft, SissachMireille Dimetto, Heimleiterin des Zentrums Mülimatt, spricht über die vielen Baustellen in der Alterspflege
Als vor 40 Jahren das Altersheim Mülimatt, wie es damals noch genannt wurde, den Betrieb aufnahm, erfüllte es einen anderen Zweck. Heute verweilen Bewohnerinnen und Bewohner dort ...
Mireille Dimetto, Heimleiterin des Zentrums Mülimatt, spricht über die vielen Baustellen in der Alterspflege
Als vor 40 Jahren das Altersheim Mülimatt, wie es damals noch genannt wurde, den Betrieb aufnahm, erfüllte es einen anderen Zweck. Heute verweilen Bewohnerinnen und Bewohner dort viel kürzer und benötigen viel mehr Pflege als früher. Heimleiterin Mireille Dimetto spricht über ein Jubiläumsjahr, das nicht frei von Sorgen ist.
Jürg Gohl
Frau Dimetto, wie stark hat sich der Betrieb nicht nur im Mülimatt, sondern allgemein in Alters- und Pflegeheimen in den vergangenen 40 Jahren verändert?
Mireille Dimetto: Deutlich. Alleine schon die Begrifflichkeit zeigt es. Früher wurde vom Altersheim gesprochen, doch das Altersheim per se gibt es nicht mehr. In der Anfangszeit zogen hier Leute ein, die sich sagten: «Jetzt leiste ich mir das Altersheim.» Man war umsorgt, betreut, und das Haus sorgte sogar noch für etwas Unterhaltung. Man kam selbstbestimmt und ging ein und aus.
Und heute?
Heute spricht man nicht mehr von Alters-, sondern von Alters- und Pflegeheimen. Aber im Grunde genommen sind vor allem die grösseren Häuser explizite Pflegeheime. Die Tendenz ist spürbar, dass nur noch Leute ab einer gewissen Pflegestufe bei uns eintreten können. Vor 40 Jahren kamen die Leute noch freiwillig, heute nicht mehr. Heute sind die Aufenthalte viel kürzer.
Aber es gibt im Haus immer wieder Jubilare mit fünf, zehn und mehr Jahren.
Tatsächlich reagierte ich 2019 sehr erstaunt, als wir in einer meiner ersten Sitzungen darüber sprachen, wie wir solche Jubiläen feiern. Das kannte ich vorher nicht. Doch das hat sich bereits geändert. Leute, die heute eintreten, werden solch lange Aufenthalte leider nicht mehr erleben.
Wie lange leben die Bewohnerinnen und Bewohner durchschnittlich im Heim?
In Basel-Stadt ist die Aufenthaltsdauer bereits unter zwei Jahre gesunken. Und wir spüren Tendenzen, dass sie sich bei uns auch verkürzen.
Woran liegt das?
Heute werden altersgerechte Wohnformen angeboten, und es wird darauf geachtet, dass hilfsbedürftige Ältere von der Spitex betreut werden, damit sie möglichst lange in ihren gewohnten vier Wänden wohnen können.
Sie nannten vorhin Basel-Stadt. Bemerken Sie einen Unterschied zwischen einem städtischen und einem ländlichen Alters- und Pflegeheim?
Sicher. Basel verfügt mit der Abteilung für Langzeitpflege über eine Koordinationsstelle, die professionell die Pflegestufe abklärt. Auf dem Land sind die familiären Strukturen dafür ausgeweiteter. Man kann zum Teil betagte Angehörige länger selber betreuen.
Wie eng arbeiten Sie mit Hausärzten, Spitex und Gemeinden zusammen?
Wir pflegen einen engen Kontakt mit den genannten Stellen, auch mit den Spitälern. Das funktioniert tadellos. Was wir noch nicht sagen können, ist, wie sich die neuen Versorgungsregionen auf unsere Arbeit auswirken. Da stehen wir im Oberbaselbiet noch am Anfang.
Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit mit den anderen Oberbaselbieter Pflegeheimen wahr?
Sie funktioniert ausgezeichnet. Wir treffen uns im Grüppchen «Heimleiter Oberbaselbiet» – ich als einzige Frau. Gerade im Zusammenhang mit der neuen Versorgungsregion spüren wir, dass wir zusammenhalten und uns regelmässig austauschen müssen. Und das tun wir. Wir müssen als Leistungserbringer geschlossen auftreten.
Denken Sie und Ihre Kollegen auch darüber nach, Ihre Pflegeheime zu spezialisieren, zum Beispiel an einem Ort ein Heim eigens für Demenzkranke zu führen?
Nicht aktuell, aber ich will es nicht ausschliessen. Doch die Bewohnerinnen und Bewohner bei uns bringen komplexe Herausforderungen mit. Da liegt nicht einfach nur Demenz vor, um Ihr Beispiel aufzunehmen, sondern noch Weiteres. Das benötigt gut ausgebildetes Fachpersonal. Zu einem gewissen Grad von Demenz betroffen sind in diesem Alter viele. Ein reines Demenzzentrum im Oberbaselbiet würde man heute nicht mehr bauen, wage ich zu behaupten, die Herausforderungen sind komplexer geworden. Unser Zentrum muss für alle bestehenden Bedürfnisse bereit sein und den Bewohnerinnen und Bewohnern eine gute, umfassende Pflege und Betreuung bieten.
Also eine Absage an die Spezialisierung?
Interessant wäre ein Heim, das sich auf Psychogerentologie spezialisiert, also auf die psychiatrische Pflege und Betreuung älterer Menschen. Psychiatrische Krankheiten, eventuell in einer Mischform mit Demenz, treten im Alter gehäuft auf und sind für die Betreuung sehr herausfordernd. So könnten die Betroffenen im Heim bleiben und müssten nicht in eine Psychiatrie verschoben werden. Aber hier müsste die Initiative nicht von uns ausgehen. Diese Frage hat nationale Dimensionen.
Auf nationaler Ebene wird aktuell hauptsächlich vom Pflegenotstand gesprochen. Wie präsentiert sich die Lage konkret bei Ihnen in Sissach?
Das ist Alltag. Die ersten Fragen am Morgen lauten immer: Wer ist krank? Wen müssen wir ersetzen? Wir verfügen über einen Pool mit rund 30 Personen, die einspringen können und einen entsprechenden Vertrag besitzen. Früher mussten wir zwischendurch vereinzelt in diesem Pool picken gehen, jetzt ständig. Das Pool-Personal ist zum ständigen Mitarbeiter geworden. Diese Quelle ist längst ausgereizt. Dann müssen wir uns fragen, wie wir den Tag mit dieser Lücke am besten stemmen.
Wie gewährleisten Sie in solchen Fällen die Pflege?
Die aktuelle Situation führt oft dazu, dass wir uns am Ende überlegen müssen, nicht mehr alle Betten zu belegen. Das ist bei uns zum Glück aber noch nicht der Fall.
Wie lösen Sie dieses Problem auf die Dauer?
Wir müssen bei der Personalrekrutierung innovativer sein und versuchen, neue Wege zu beschreiten. Wir bemühen uns aktuell, über eine Plattform mit neuen Leuten in Kontakt zu treten. Möglichst niederschwellig, Quereinsteigern eine Möglichkeit bieten, Wiedereinsteiger motivieren. Vermittlungsbüros von Temporärstellen verdienen gegenwärtig unverschämt viel Geld an unserer Misere. Von ihnen wollen wir wegkommen. Das Wichtigste bleibt aber: Wir wollen Sorge zum bestehenden Personal tragen, ihm gute Konditionen bieten und konkurrenzfähig bleiben. Treue zum Haus ist für alle zentral.
Zum Pflegenotstand kommt noch hinzu, dass geburtenstarke Jahrgänge langsam auf das Greisenalter zusteuern und Sie bald mehr Betten und Personal benötigen. Wie lösen Sie das?
Da ist die Politik gefragt. Sie muss die Situation erkennen, reagieren und uns helfen, den Pflegeberuf für Junge attraktiv zu machen. Im Mülimatt haben eben 13 junge Personen die Lehre abgeschlossen, und gesamthaft zählen wir 22 Lernende. Damit gehören wir zu den grossen Ausbildnern. Wir sind über ein Bonus-Malus-System vom Kanton verpflichtet, auszubilden. Der Wille ist da, einzig die Leute dazu fehlen.
Ist sich die Politik der Situation in der Altersfürsorge bewusst?
Teils, teils. Die Zahlen sind bekannt und deutlich. Aber ob die Politik das Problem auch emotional erfasst und Geld bereitstellen wird, steht auf einem anderen Blatt. Insbesondere die Gemeinden müssen sich auf Investitionen gefasst machen – wir bieten uns gerne als Gesprächspartner an.
In Deutschland und der Schweiz wird häufig ausländisches Personal angeworben.
Dieser Ansatz wurde auch uns angeboten, kommt aber aus verschiedenen Gründen aktuell nicht in Frage. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es bei uns über eine gewisse Zeit eine Unterversorgung geben wird. Wir verfügen bereits jetzt im Kanton Baselland über Wartelisten. Bald müssen wir aus Gründen der Kapazität Personen, die ins Heim kommen wollen, zurückweisen.
Während der Pandemie wurde in Heimen des Oberbaselbiets mit Sorge noch eine Unterbelegung verzeichnet, weil Angehörige befürchteten, dass ihr Verwandter im Heim vereinsamen und sich anstecken könnte. Schlägt die Situation so schnell um?
Das ist überhaupt nicht mehr der Fall. Damals hiess es oft: «Gehe nicht ins Heim. Dort wirst du eingesperrt und angesteckt.» Doch danach kamen alle, die damals gezögert haben, fast wie eine Welle auf uns zu. Jetzt haben wir Wartelisten, und ich kenne Heime, in denen Sitzungszimmer zu Bewohnerzimmern umgerüstet wurden.
Bedeutet das, dass wir ungeschaut des Pflegenotstands ohnehin mehr Heime bauen müssen?
Das ist immer eine Frage des Abwägens. Nehmen wir einmal an, die Forschung entwickelt ein wirksames Medikament gegen Alzheimer. Da würde der Bedarf an Plätzen plötzlich einbrechen, und wir lassen daneben neue Heime aus dem Boden schiessen. Wir sind stattdessen daran, mit Architekten modulartige und flexible Lösungen zu planen. Bei uns stehen in der Umgebung des Mülimatts zwei Häuser der Genossenschaft Alterssiedlung und dazu noch ein privates Haus mit Alterswohnungen. Es ist wichtig, das gesamthaft als Areal für die Altersbetreuung zu betrachten, denn einige Bauten haben Erneuerungsbedarf.
Zurück zum Alltag: Nach der Pandemie müssen Sie sich aktuell mit der Hitze befassen, die gerade für die Älteren bedrohlich ist. Eine zusätzliche Herausforderung im Jubiläumsjahr?
Es handelt sich für uns nicht um die erste Hitzewelle. Wir sind für solche und ähnliche Fälle wie beim Norovirus oder einer Grippewelle ein eingespieltes Team und ergreifen sogleich die angezeigten Sicherheitsmassnahmen. Das bereitet uns weit weniger Sorgen als anderes.
Zur Person, zum Heim
vs. Seit dem 1. Januar 2019 leitet die 58-jährige Mireille Dimetto als Geschäftsführerin das Zentrum für Pflege und Betreuung Mülimatt in Sissach. Sie löste damals Christoph Ziörjen ab, der zuvor auf den langjährigen Leiter Hanspeter Tschopp gefolgt war. Mireille Dimetto, die bereits zuvor in der Alterspflege tätig war, wohnt in Basel und ist Mutter eines 20-jährigen Sohns. Das Haus zählt 170 Mitarbeitende, die sich 95 Vollzeitstellen teilen, und ist damit der zweitgrösste Arbeitgeber der Standortgemeinde. Das Mülimatt bietet 140 Bewohnerinnen und Bewohnern Platz. Dem Mülimatt sind seit 1978 die Stiftungsgemeinden Diegten, Eptingen, Itingen, Nusshof, Sissach, Tenniken, Wintersingen und Zunzgen angeschlossen. Der Stiftungsrat wird von Astrid Mathys (Zunzgen) präsidiert. Am 3. August 1983, also vor 40 Jahren, konnte das gemeinsame Haus in Betrieb genommen werden. 2008 kam ein zweiter Bau hinzu.
Altersheim?
jg. Obwohl der Begriff längst nicht mehr angezeigt ist, hält sich «das Altersheim» im Volksmund hartnäckig. Damit kann Mireille Dimetto zumindest bei fremden Leuten, etwa Angehörigen, gut leben. «Bei Personen vom Fach oder in Gremien interveniere ich aber schon», sagt sie, «wenn dort von Altersheim gesprochen wird, dann erhält dies vor dem Hintergrund der Finanzierung auch einen politischen Aspekt.» Die Heime im Oberbaselbiet verzichten in ihrem offiziellen Namen häufig auf den Zusatz «Alters- und Pflegeheim» und heissen stattdessen beispielsweise: Zentrum für Pflege und Betreuung Mülimatt in Sissach; Zum Eibach, Betreut wohnen im Alter in Gelterkinden; Gritt Seniorenzentrum in Niederdorf; Zentrum Ergolz in Ormalingen; Begleitung und Pflege Jakobushuus in Thürnen. In Läufelfingen findet sich weiterhin das Alters- und Pflegeheim Homburg und in Reigoldswil das Alters- und Pflegeheim Moosmatt.