Sissacher Umzug: «Ändlich widr Fasnacht»
28.02.2023 Baselbiet, Fasnacht, Bezirk Sissach, SissachMit dem Umzug in Sissach kehrt die Strassenfasnacht nach der Corona-Zwangspause ins Oberbaselbiet zurück. Zwei Stunden lang wird dem Ohr und vor allem dem Auge viel geboten. Trotz Bise wagen sich auch die Passiv-Fasnächtler wieder an den Strassenrand.
Neofütt
Sie ...
Mit dem Umzug in Sissach kehrt die Strassenfasnacht nach der Corona-Zwangspause ins Oberbaselbiet zurück. Zwei Stunden lang wird dem Ohr und vor allem dem Auge viel geboten. Trotz Bise wagen sich auch die Passiv-Fasnächtler wieder an den Strassenrand.
Neofütt
Sie rollen zwar erst gegen Ende des Umzugs durch die Begegnungszone, und das dominierende Schwarz am Wagen, an Larven und Kostümen verheisst aus der Ferne mehr Frust als Freude. Doch die Banane Waggis aus Gelterkinden bringen im Gegenteil das Besondere des Sissacher Umzugs auf den Punkt: «Ändlich widr Fasnacht». Vor ihnen haben sich bereits die Gugge der Fasnachtsgesellschaft Sissach mit «Zägg, so schön! Do sy mir widr» zurückgemeldet und sich in noble Roben gestürzt. Und die Nuggisuuger, die Gugge aus Arisdorf, dürften mit ihrem Sujet «Vive la Fasnacht» das Gleiche meinen und kehren als Figuren aus dem Totenreich zurück.
Nach der kurzfristigen Absage von 2020, dem schändlichen Nachspiel in Sissach und danach zwei weiteren Ausfällen können die Gruppen wieder im Einbahnregime durch Sissachs Begegnungszone ziehen und sich ausgelassen den Fasnachtsfreuden hingeben. 64 Gruppen sind angemeldet, beim letzten Umzug vor vier Jahren waren es noch 73.
Doch irgendwie scheint der Funke nicht richtig zu springen. Das mag zuerst an der starken Bise liegen, die von Zunzgen her unablässig bläst. Doch müssen sich insbesondere mehrere Wägeler den Vorwurf gefallen lassen, die Zwangspause nicht für Kreatives genutzt zu haben. Das Team Lauch, Waggisse in lauchgrünen Blusen, bekennt sogar ganz offen, dass ihnen Energie fehle und es deshalb an einer «Sujetkrise» leide.
Da wird lieber jubiliert und sich selber gefeiert: Die Hiicher Waggis aus Thürnen präsentieren einen ansehbaren Wagen und laden sogar zur Fahrt auf einer Schaukel ein, das Sujet «10+ 1 Johr Jubiläum» lässt uns allerdings etwas ratlos zurück. Auch die erwähnten Graffiti-Spränger melden sich mit «10 Johr Jubiläum» an. Die Burn-Out-Rugger feiern wenigsten das Zwanzigjährige und tragen zur Feier ein Gänseblümchen auf der Nase. Gleich alt sind die Wisäbärg-Heuer mit ihrem Irokesen-Schnitt. Die Spoot-Zünder jubilieren als klassische Waggisse trommelnd und pfeifend und stellen mit ihrem Gründungsjahr (1985) Adam Riese vor ein Riesenrätsel.
Ihr stolzes Jubiläum verbinden die Wolfloch-Rueche aus Böcken gleich mit ihrem Sujet, dem Stromsparen, wobei sie bei ihrem Sujet «50 Johr Strom» den Nachsatz («in dä Hosä») mangels Originalität besser weggelassen hätten. Sparen im Allgemeinen und von Strom im Speziellen beschäftigt überraschend viele Cliquen. «Mir spare», verkündet etwa die Nuggi-Clique, die traditionell den Sissacher Umzug eröffnet. So bleiben ihre Clown-Larven zur Hälfte unbemalt, und in den Schriftzügen ist der eine oder andere Buchstabe herausgepurzelt. Besonders originell wird das Thema Energie von der FG Rickenbach umgesetzt: Gemächlich fahren oder gehen sie als Duracell-Häsli am Publikum vorbei. Auch die Wirr-Warr Waggis sparen Strom.
Tradition, Betrieb und Lokales
Ja, der Auftakt des Umzugs hatte es in sich, weil die Nuggi-Clique in Fasnachts-Tradition eröffnet, die Graffiti-Spränger aus Gelterkinden sogleich das Fasnachts-Treiben nachliefern und schliesslich die Söidryyber vormachen, wie regionale Sujets einfallsreich umgesetzt werden. Sie sind stets zu Fuss unterwegs und befassen sich dieses Jahr mit dem verwaisten Restaurant «Stöppli», das sie nachgebaut auf einem Handkarren mit sich schleppen. Die kleine Beiz dämmert unter den Fittichen der Bürgergemeinde, und das Sujet «Mir häi’s, mir wäi’s» deutet ein neues Kapitel in der Sissacher Beizenszene an.
Dem alljährlichen Lästern über Jubiläen an dieser Stelle zum Trotz steht ein runder Geburtstag auf der Liste der importierten Sujets weit oben: der bevorstehende 700. Geburtstag von Zunzgen. Sowohl die Wurlitzer Clique als auch zuvor die Gugge Windläfurzer, beide in Zunzgen zu Hause, treten als prächtige Hunnen verkleidet und als König Attila auf, der neben einem Schatz, so geht die Sage, unter dem Büchel vergraben sein soll. Auf der Laterne stellt der König aber sogleich klar: «Hier möcht’ ich nicht einmal begraben sein.»
Diesbezüglich wird Attila nur noch von der Queen und ihrem Thronfolger Charly übertroffen. Die Ütiger Rueche kommen als englische Gardesoldaten in Rot, mit Bärenfellmützen und mit Halbmasken daher und führen am Ende einen mit Rosen geschmückten Sarg hinter sich her. Der Wagen der Aerdwybli kümmerte sich dafür um den Nachfolger der Queen. Die Gugge der Thürner Gross-Clique legt sich zu ihrem 50. Geburtstag wohl mit «Back tot he roots» ein englisches Sujet zurecht, marschiert dabei aber als erdverbundene, bärtige Kobolde auf.
Mut zum Lokalen
Abgesehen vom Zunzger Jubiläum, dem erwähnten Stöppli der Söidryyber, den Viertel-ab-Zwölfi-Waggis, die sich in Bauhosen an der Tschudy-Villa zu schaffen machen, sind in diesem Jahrgang die Sujets mit lokalen Themen dünn gesät. Da können sich die Gruppen in den 348 Tagen, die uns von der nächsten Sissacher Fasnacht trennen, noch steigern.
Überhaupt sind die Guggen für viele optische Höhepunkte zuständig. Die Gugge-Rugger stehen hier einmal mehr an erster Stelle. Sie rücken aus Buus wieder mit einem Wagen-Ungetüm (und dafür ohne Larven) an, äusserlich eine zerfressen, rostige Dose; die Motorräder, die sie vorausschicken, nehmen wie die Schlammsuuger den Film «Mad Max» auf. Der dicht besetzte Kinder-Wagen, der ebenfalls zu diesem Auftritt gehört, erinnert an eine Müllhalde. Ein beklemmender Auftritt. In ähnlichen Farben begeben sich am Schluss des Umzugs die Ruine Geischter auf Drachenjagd.
Mit Glace zur Gelassenheit
Mit zarten Farben freuen sich die Büchelgrübler bei eisigem Wetter bereits auf die Glacezeit. Ihr Tambourmajor gibt ihnen mit einem riesigen Glacestängel den Takt vor. Erst auf den zweiten Blick ist auszumachen, dass sie Glaceheit (nicht Glacezeit!) als Sujet führen, also für mehr Glace und zugleich für mehr Gelassenheit plädieren. Beides soll ihrem Nachwuchs, den die Gugge aus Zunzgen in süsse Farben steckt und in einem riesigen Wagen als fahrender Vortrab mitführt, zugutekommen. Sie sind längst nicht die einzige Gugge, die ihren stattlichen Nachwuchs auf diese Weise mitführt und so das Kita-Geld in Kostüme investieren kann.
Zwischen den 64 offiziellen Gruppen reihen sich immer wieder Einzelmasken, etwa ein Büchel-Bläser mit Büchel-Wappen oder Rahmtäfelifrässer, ein und würzen so das Treiben zusätzlich. Laut «bz» hatten sich sogar fasnächtliche «Klimakleber» auf die Strasse geklebt. Die vielen bunten Auftritte der Kinder waren zudem sehr liebevoll. Ihnen, so scheint es, kann die bissige Bise nichts anhaben.
Der Stuubebank
Der Bluemethal bechunnt ufs Dach,
will är so vill … wie gar nüt mach.
Syyni Kommissione häige
chuum Presänz-Zyt chönne zäige.
Är häig doch nume – hesch erfahre –
Sitzigsgälder wölle spare.
Der Chluuribou muess allem aa
e nöie Chluuri-Bouplatz haa.
Y dänk, me chönnt es Plätzli finde
bi der Tschudy-Villa hinde.
Und das Chluuri chönnt me denne
grad an Ort und Stell verbrenne.
Der Bürgerroot het Gäld wie Heu.
Das isch Euch alle jo nit neu.
Vor Johre het me d «Linde» kauft.
Und wo die denn au äntlig lauft,
häi sy grad no s «Stöpli» boschtet.
Wäiss äin vo Euch, was d «Sunne» choschtet?
Wettsch e Kommentar abgee,
muesch Di häilloos zämeneh.
Äis isch aktuell ganz wichtig:
Mach gendermeessig alles richtig.
Wort-Ändig bitte feminin,
zum Byschpiil: «Tschüss, Sollbergerin!»
Sy fyyre siibehundert Johr
und bhaupte fescht, die Zahl syg wohr.
Wenn d daas bezwyyflisch, sy sy hässig.
Und ebe daas dunkt mii halt gspässig.
Y glaub, ass käin vo deene Gselle
au nume bis uf drüü cha zelle.