"Ich kann acht Stunden verharren"
29.04.2022 Baselbiet, Eptingen, Gesellschaft, NaturAusgefragt: Roger Stadelmann, Jäger
Mit einem Dutzend Abschüssen im abgelaufenen Jagdjahr ist Roger Stadelmann der erfolgreichste Wildschweinjäger der Jagdgesellschaft Eptingen. Sein Erfolgsrezept ist Geduld. Viel Geduld.
Christian ...
Ausgefragt: Roger Stadelmann, Jäger
Mit einem Dutzend Abschüssen im abgelaufenen Jagdjahr ist Roger Stadelmann der erfolgreichste Wildschweinjäger der Jagdgesellschaft Eptingen. Sein Erfolgsrezept ist Geduld. Viel Geduld.
Christian Horisberger
Herr Stadelmann, 28 Schwarzkittel hat Ihre Jagdgesellschaft im vergangenen Jagdjahr zur Strecke gebracht. Sie waren der erfolgreichste Eptinger Jäger. Wie oft kehrten Sie mit Beute heim?
Roger Stadelmann: Ich glaube, ich habe knapp die Hälfte geschossen, 11 oder 12 sind es wohl gewesen. Wobei ich im November und Dezember, als die Wildschweine am aktivsten waren, wegen Corona ausser Gefecht war.
In 79 von 80 Gemeinden wurde die Abschussvorgabe von Jagd Baselland erfüllt. In Eptingen auch?
Wir haben keine Quote, die wir erfüllen müssen. In trockeneren Gebieten wie unserem variieren die Wildschweinbestände stark. Erst wenn der Jagddruck auf das Schwarzwild in tiefer gelegenen Gebieten steigt, weichen die Tiere in unser Revier aus. So gibt es Jahre, da verzeichnet unsere Jagdgesellschaft 45 Abschüsse, in anderen erlegen wir kein einziges Tier. Es wäre reine Lotterie, uns eine Vorgabe zu machen.
Was bestimmt in Ihrem Revier denn dann, ob Wildschweine zu bejagen sind?
Wenn uns Landwirte Schäden auf ihren Weiden melden. Erfahren wir rasch davon, können wir uns in der Nacht darauf dort auf die Lauer legen. Die Rotte kehrt in der Regel tags darauf an den «Tatort» zurück – zur selben Zeit. Je länger das erste Auftauchen zurückliegt, desto schlechter stehen die Chancen, die Tiere an dieser Stelle wieder anzutreffen.
Es heisst, Wildschweine seien sehr schlau und deshalb schwierig zu bejagen. Wie klug sind sie denn wirklich und worin zeigt sich das?
Neben einem sehr guten Gehör und einem hervorragenden Geruchssinn haben sie ein gutes Gedächtnis. Anders als Füchse, Rehe oder Dachse sind Wildschweine nicht standorttreu. Wenn sie an einem Ort eine schlechte Erfahrung gemacht haben, meiden sie ihn. Das kann eine Strasse sein, auf der ein Tier einer Rotte überfahren wurde, oder eine Stelle, an der eines geschossen wurde.
Reizt Sie die Wildschweinjagd, weil sie besonders anspruchsvoll ist?
Ja, schon.
Wie oft und wie lange gehen Sie jeweils auf die Jagd?
Nicht häufiger als einmal in der Woche. Mehr wäre kontraproduktiv. Wenn man zu oft im Revier unterwegs ist, werden die Tiere sensibler und verlassen den schützenden Wald statt um 22 Uhr erst um 5 Uhr morgens, wenn keine Gefahr mehr droht. Wenn ich auf Wildschweine aus bin, gehe ich um 21.00 oder 21.30 Uhr los und mache mich spätestens eine halbe Stunde nach Mitternacht auf den Heimweg.
Was sind Ihre Tricks, wenn Sie auf Schwarzkittel aus sind?
Ich komme sehr nahe an die Tiere heran, indem ich mich möglichst leise bewege. Ich versuche, in Erfahrung zu bringen, wo die Rotte zuletzt aus dem Wald getreten ist und überlege mir, wie ich mich aus der Gegenwindrichtung annähere. Ich scheue mich auch nicht davor, weitere Strecken zu gehen. Und ich kann lange ausharren.
Wie lange denn?
Wenn ich glaube, dass die Erfolgschancen gut stehen, kann ich auch einmal acht Stunden an einer Stelle verharren. Je länger man sich an einer Stelle befindet, desto mehr gehen die Geräusche vergessen, die man auf dem Weg dorthin gemacht hat.
Tauschen sich Jäger über ihre Tricks aus oder machen sie daraus ein Geheimnis?
Ich denke, dass die meisten Jäger die Methoden, die sie ausgetüftelt haben, nicht gerne weitergeben. Allerdings: In Eptingen war einer der besten Wildsaujäger des Kantons Pächter. Er hatte mich auf einige Dinge aufmerksam gemacht, die ich weiterentwickeln konnte. Von ihm habe ich sehr profitiert.
Wie gut schiessen Sie?
Als gelernter Büchsenmacher und ehemaliger Servicemann der Schweizer 300-Meter-Nationalmannschaft bin ich auch ein guter Schütze. Normalerweise lege ich aus 40 bis 100 Metern Distanz mit Zielfernrohr und Nachtsichttechnik auf ein Tier an – wenn immer möglich auf dem Feld und nicht im Wald. Seit sieben Jahren habe ich nicht mehr daneben geschossen.
Was gefällt Ihnen an der Jägerei am besten?
Nichts gegen eine Gesellschaftsjagd, aber ich bin eher der Einzelgänger. Ich geniesse in der Dunkelheit die Geräusche der Natur und finde dabei auch einen willkommenen Ausgleich zum fordernden Beruf.
Obendrein schaut dabei auch etwas für den Teller heraus. Welches Wild mögen Sie am liebsten?
Reh ist das feinste Wildfleisch. Von der Wildsau mag ich Bratwürste vom Grill am meisten. Auch Hackfleisch vom Wildschwein ist hervorragend. Man kann es ganz normal für alles Mögliche verwenden.
Zur Person
vs. Roger Stadelmann (45) lebt im solothurnischen Fulenbach und geht seit 2009 in Eptingen, wo seine Mutter aufwuchs, auf die Jagd. Das Patent machte er bereits als 20-Jähriger. Der gelernte Büchsenmacher besitzt einen Master in Umwelttechnik-Management und ist designierter Teamleiter bei der Kehrichtverbrennungsanlage Oftringen. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter.
Schwarzwildabschüsse: «Sensationeller Erfolg»
vs. Die Baselbieter Jägerinnen und Jäger haben im vergangenen Jahr Ausdauer und Treffsicherheit bewiesen. Mit 1448 erlegten Wildschweinen übertrafen sie die von Jagd Baselland definierte hohe Vorgabe von 1400 Tieren. In 79 von 80 Gemeinden ist die Zielvorgabe erreicht worden. Besonders viele Abschüsse verzeichneten die Jagdgesellschaften in Sissach, Wintersingen, Arisdorf, Liestal, Frenkendorf, Pratteln, Muttenz, Münchenstein, Arlesheim und Röschenz. Deren Jäger erlegten 45 bis mehr als 70 Schwarzkittel. Das grösste Tier wurde in Allschwil erlegt. Der Keiler wog ohne Innereien 106 Kilogramm. Dies geht aus dem kürzlich veröffentlichten Bericht zur Schwarzwildstrecke von Jagd Baselland hervor. Das Ergebnis wird als «sensationeller Erfolg» beurteilt. In den vergangenen zehn Jahren wurden nur in einer Saison (2017/18) mehr Wildschweine erlegt: 1449, also ein einziges mehr als im abgelaufenen Jagdjahr.
Der Wildschaden an landwirtschaftlichen Kulturen und Wiesen im vergangenen Jahr wird von Jagd Baselland auf knapp 300 000 Franken beziffert. Mit gut 20 000 Franken verzeichnete die Gemeinde Eptingen nach Muttenz (35 000 Franken) und Röschenz (28 000 Franken) den dritthöchsten Wert im Kanton.