Der Bauernsonntag
14.11.2019 Bezirk Sissach, Gastronomie, Wirtschaft, SissachAm Herbstmarkt gehört die Rheinfelderstrasse der Landwirtschaft
Probesitzen auf einem Traktor, ein Schwatz unter Bauern, ein Ersatzteil für die Kettensäge: das alles bietet der landwirtschaftlich geprägte Teil des Sissacher Herbstmarkts. Die «Volksstimme» sah und hörte sich in der ...
Am Herbstmarkt gehört die Rheinfelderstrasse der Landwirtschaft
Probesitzen auf einem Traktor, ein Schwatz unter Bauern, ein Ersatzteil für die Kettensäge: das alles bietet der landwirtschaftlich geprägte Teil des Sissacher Herbstmarkts. Die «Volksstimme» sah und hörte sich in der Rheinfelderstrasse um.
Christian Horisberger
Es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. Trocken und kühl, stahlblauer Himmel. Entsprechend gut besucht ist der Sissacher Herbstmarkt schon am Vormittag. Besonders geschäftiges Treiben herrscht in der Rheinfelderstrasse, wo Landmaschinen, landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge und Kleinmaterial oder Armee-Ausschussware feilgeboten werden.
«Solange es den Bauernmarkt gibt, solange werden wir auch nach Sissach kommen.» Für den Lausner Landmaschinenhandelsbetrieb Hugo Furrer AG ist der Herbstmarkt ein Pflichttermin – einer von der angenehmeren Sorte. Hier biete sich die Gelegenheit, mit Kunden und Bekannten einmal nicht nur über Traktoren, Laubbläser, Motorsägen oder Hochdruckreiniger zu sprechen, sagt Inhaber Thomas Haegler. Prompt erkundigt sich ein Passant bei ihm nach dem Befinden seiner Mutter.
Am Herbstmarkt gehe es für ihn aber auch darum, Präsenz zu markieren, sagt Haegler. «Würden wir nicht mehr kommen, hiesse es noch, wir hätten es nicht nötig», scherzt der Patron. Allenfalls verkaufe er am Markttag die eine oder andere Kleinmaschine. Die grossen Geschäfte würden hier aber nicht getätigt.
Nicht mehr: Haegler erinnere sich noch gut daran, dass am Herbstmarkt Traktorenkäufe per Handschlag besiegelt wurden. Diese Tradition mag verloren gegangen sein, aber nicht die des Herbstmarkts als Oberbaselbieter «Bauernsonntag». An jenem Mittwoch im November nehmen sich die Bauern einen halben oder ganzen Tag frei und pilgern nach Sissach.
Für Hof, Stall und Weide
Rund 100 Meter von der Hugo Furrer AG entfernt hat René Kalt seine Artikel für den landwirtschaftlichen Bedarf ausgebreitet. Das Sortiment reicht vom Nuggi für Kälber über Elektrodraht für Viehweiden bis hin zum Hufnagelhammer. 2000, vielleicht 2500 Geräte, Werkzeuge, Ersatzteile und Zubehör für Hof, Stall und Weide hat er am Firmensitz in Kleindöttingen in seinen Bus geladen. Der Chef von Kalt + Co. und seine beiden Helfer sind gefragte Leute, der Verkaufsstand ist gut besucht.
Die Teilnahme am Herbstmarkt in Sissach sei mehr als nur ein Schaufenster für seinen Betrieb, sagt der Händler. Der Aufwand, den der Markttag mit sich bringt, zahle sich für ihn aus. Die Landmaschinenaussteller würden die Bauern anlocken und diese wüssten, dass sie bei ihm Ware von bester Qualität und eine fundierte Beratung erhielten. Neben Sissach besucht Kalt pro Jahr nur noch zwei weitere Märkte – in Oberstammheim (ZH) und in Reconvillier im Berner Jura. Sein Vater habe jedes Jahr rund 100 Märkte besucht, er konzentriere sich vor allem auf den Verkaufsladen am Firmensitz.
Die Marktaktivitäten ebenfalls massiv heruntergefahren hat Beat Delaquis. Doch auch er hält mit seinem Angebot von Armeeschuhen, «Gnägis», Glöckchen, Gürteln, Wintermutzen, Handschuhen und so weiter seit Jahrzehnten dem Herbstmarkt die Treue. Er habe eine treue Stammkundschaft. Ob Doktor, Arbeiter oder Bauer, bei ihm kämen die unterschiedlichsten Typen auf ihre Kosten, sagt er. Nicht zuletzt, weil er zum Teil sehr seltene Ware in seinem Angebot hat, die von der Armee ausgemustert wurde. Auf solche Dinge – als Beispiele seien ein ungebrauchtes Lederetui für eine Parabellum-Armeepistole für 125 Franken und Schneeschuhe für 72 Franken genannt – hätten es vor allem Sammler abgesehen.
Schirm im «Buurehemmli»-Design
Ehe sich ein grosser Teil des Handels ins Internet verlagerte, war Delaquis’ Coro-Handels AG pro Jahr während 70 bis 80 Tagen an Märkten präsent. Heute seien es noch 15 Tage. Die Marktpräsenz würden vor allem ältere Kunden schätzen – einerseits für einen Schwatz, andererseits, weil sie dabei die Ware anfassen, an- und ausprobieren könnten. Für den Freiburger ist der Landwirtschaftsmarkt in Sissach wegen seiner Exklusivität attraktiv: Weil er nur einmal im Jahr stattfinde, sei er etwas Besonderes. Daher gilt auch für ihn: «Sissach» im November ist Pflicht.
Zwischen Velopumpen, Kartentaschen und Taschenlampen entdecken wir niegelnagelneue Hosenträger im «Buurehemmli»-Design. Beim weiteren Gang über den Markt, fernab von Heuwendern und Melkschemeln, sticht uns das Muster wieder ins Auge: auf Regenschirmen!
Der heimatverbunde Kunde hat die Wahl zwischen dem klassischen Hellblau und Grau. Grau verkaufe sich besser, sagt Roland Schulz, der seit 50 Jahren in Sachen Regenschirme von Markt zu Markt reist. Als gestern Morgen die Sonne vom Himmel lachte, verdarb dies dem Ostschweizer die Laune keineswegs. Denn in seinen 50 Jahren im Regenschirm-Business habe er die Erfahrung gemacht: «Bei schlechtem Wetter verkauft man die billigen Schirme, bei gutem die schönen.» Schulz hat übrigens auch Schirme mit Kühen im Sortiment. Allenfalls ist es für ihn eine Überlegung wert, nächstes Jahr mit seinem Stand in die Rheinfelderstrasse zu zügeln …