«Wohlstand wächst entlang funktionierender Mobilitätsachsen»
23.08.2024 Baselbiet, Verkehr, WirtschaftWaren und Mitarbeiter, die im Stau stehen, bereiten den Arbeitgebern Kopfschmerzen, am stärksten denjenigen, die auf Grenzgänger angewiesen sind. Gewerbe-Direktor Christoph Buser fordert einen Befreiungsschlag und nennt Sofortmassnahmen.
Christian ...
Waren und Mitarbeiter, die im Stau stehen, bereiten den Arbeitgebern Kopfschmerzen, am stärksten denjenigen, die auf Grenzgänger angewiesen sind. Gewerbe-Direktor Christoph Buser fordert einen Befreiungsschlag und nennt Sofortmassnahmen.
Christian Horisberger
Herr Buser, welches sind die aus der Sicht des Gewerbes nervigsten Staustellen in der Region?
Christoph Buser: Das Nadelöhr ist eindeutig der Knotenpunkt Schänzli/ Hagnau. Ist das Verkehrsaufkommen hoch, fliesst der Verkehr jeweils wie Wasser in die umliegenden Gemeinden ab und nichts geht mehr. Diese «Stauwurzel» hat Auswirkungen bis weit in die Talschaften. Das ist zu den klassischen Stosszeiten täglich der Fall. Für eine Wegstrecke, die im Normalverkehr in 20 Minuten zurückgelegt werden kann, braucht man dann doppelt bis dreimal so lange.
Welches sind die konkreten Auswirkungen der Staus fürs Gewerbe?
Auf der Hand liegt, dass der Transport von Gütern erschwert und verteuert wird. Hinzu kommt, dass bei den produzierenden Unternehmen viele Grenzgänger arbeiten. Im Raum Bachgraben in Allschwil beträgt der Anteil bis zu 70 Prozent. Die meisten Unternehmen leiden denn auch am meisten unter der schlechten Erreichbarkeit ihrer Mitarbeitenden. Erwartungsgemäss nimmt die Zahl der Grenzgänger in den Unternehmen mit grösserer Distanz zur Landesgrenze ab. Aber auch Unternehmen in den beiden Frenkentälern oder im Laufental beschäftigen eine stattliche Zahl an Personen, die im Elsass oder im süddeutschen Raum wohnen. Und diese Grenzgänger müssen täglich durch die vom Stau stark betroffenen Verkehrsabschnitte Schwarzwaldtunnel und die Hagnau. Sie sind immer weniger bereit, derart viel Zeit für den Arbeitsweg aufzubringen. Der Arbeitskräftemangel verschärft sich dadurch. Man kann nicht genug betonen: Ohne diese Arbeitskräfte hat die produzierende Wirtschaft im Baselbiet ein riesiges Problem.
Wie gehen die Firmen aktuell mit der Situation um?
Es wird alles Erdenkliche unternommen. Beispielsweise beginnen Arbeitstage schon um 4.30 Uhr morgens, um dem Stau zu entgehen. Generell sind Flexibilitätsmassnahmen in der Produktion aber schwierig. Unter dem Strich sind die Unternehmen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Einzelne haben damit begonnen, Fertigungsschritte ins Ausland zu verlagern, weil sie das nötige Personal im Baselbiet nicht mehr finden.
Mit welchen Sofort- und langfristigen Massnahmen liesse sich die Situation entschärfen?
Ohne zusätzliche Verkehrsinfrastruktur im öV oder auf der Strasse drücken wir einfach weiter an einer bereits ausgepressten Zitrone. Dennoch wären Massnahmen möglich: Etwa eine Entflechtung des regionalen Verkehrs vom Transit auf der A2 Richtung Basel, indem die rechte Spur schon ab Pratteln für die Richtung Laufen/Delémont reserviert wäre. Ein Parkhaus auf französischer Seite im Bachgrabengebiet mit einem Fussweg über die Grenze würde vielen Grenzgängern den Arbeitsweg über die staugeplagte Route via Basler Nordtangente ersparen. Und ein gutes Verkehrsinformationssystem wäre ebenfalls rasch realisierbar und würde helfen. Wenn man weiss, dass auf einer Strecke nichts mehr geht, wird man alternative Verkehrsmittel nutzen oder das betroffene Gebiet grossräumig umfahren.
Der Bund hat auf den Stau reagiert: Bei der Verzweigung A3/A2 bei Augst wurde der Pannenstreifen zur Fahrspur und die Einspurstrecke zum Zoll Rheinfelden verlängert. Wie beurteilen Sie diese Massnahmen?
Sie sind im Bereich der «Pflästerlipolitik» anzusiedeln. Eine Lösung des Verkehrsproblems ist das nicht. Ein fehlender Pannenstreifen ist zudem eine Einbusse bei der Sicherheit.
Sie forderten vor Jahren eine Ring-Autobahn um Basel, ohne Erfolg. Ist es Zeit, sie wieder aus der Schublade zu holen?
Wer in der Stadt Basel und in der Agglomeration ernsthaft und merklich den Autoverkehr reduzieren möchte, muss sich für eine leistungsstarke Ringlösung einsetzen. Wir brauchen tangentiale Verkehrsverbindungen. Nicht nur für die Autos, auch für den öffentlichen Verkehr wäre das ein Befreiungsschlag. Der Nutzen wäre riesig, auch volkswirtschaftlich. Wohlstand wächst entlang funktionierender Mobilitätsachsen.
Und wie steht es um das Bachgraben-Zubringer-Projekt? Dieses Jahr sollte es vorgelegt werden. Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?
Leider nein. Wie viele Jahre hören wir nun schon von Baudirektor Isaac Reber, dass es bald losgehe? Passiert ist nichts. Wie auch? Seit bald einem Jahr stellt er keinen neuen Tiefbauchef ein. Dieser Stillstand ist selbstverschuldet.
Der Verkehr stockt auch auf der A22 täglich, weil der Schönthaltunnel über keine durchgehende Doppelspur verfügt. Eine Fehlplanung?
Ja. Und das war absehbar. Damals wurde von einer Mehrheit argumentiert, ein ausgebauter öV würde dafür sorgen, dass diese Kapazität reicht. Ein kolossaler Irrtum. Wenn ich sehe, wie allein Liestal und die Talschaften im oberen Baselbiet bevölkerungsmässig wachsen, wird sich der Engpass sukzessive zuspitzen. Eine Nachbesserung sollte umgehend in Planung gegeben werden.
Es steht die Forderung im Raum, dass die A22 bei Liestal und Lausen unter den Boden kommt. Mit wie vielen Spuren?
Wenn wir den Verkehr aus den Dörfern und damit aus den Wohngebieten kriegen möchten, braucht es leistungsstarke Umfahrungsmöglichkeiten. So will es im Übrigen die Bevölkerung, die im September 2020 mit über 60 Prozent Ja gesagt hat zum Ausbau des Hochleistungsstrassennetzes. Leider ist seither noch gar nichts passiert.
Auch der öV ist während der Pendlerzeiten überlastet. Was sind hier die Forderungen der Wirtschaft?
Die Wirtschaft unterstützt einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Allerdings reicht ein einfaches Hochschrauben der Kapazitäten auf bestehenden Achsen im ländlichen Raum nicht. Es fehlen Umsteigehubs, also leistungsfähige Park&Rides, damit die «letzte Meile», der Weg von zu Hause zur S-Bahn, nicht länger dauert als die Autofahrt zum Zielort.
2018 hörte man letztmals etwas von der «Task Force Anti Stau». Sollte man sie aufgrund der aktuellen Situation auf den Strassen in der nicht reaktivieren?
Solange der Baudirektor den Wert eines beratenden Expertengremiums mit Leuten aus der Praxis nicht erkennt, bringt das leider herzlich wenig. Somit würde die Arbeit in diesem Gremium zu einer unliebsamen Pflichtübung verkommen – dafür fehlt allen Beteiligten die Zeit.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
«Baselland Business Report»
vs. «Baselland Business» ist eine strategische Initiative der Wirtschaftskammer Baselland im Bereich der Bestandespflege. Die Initiative umfasst 100 grosse produzierende Unternehmen im Baselbiet mit insgesamt rund 15 000 Arbeitnehmenden. In einer Befragung im vergangenen Jahr beklagte eine grosse Zahl dieser Unternehmen die immensen Stauzeiten, sagte Christoph Buser, Direktor der Wirtschaftskammer, kürzlich an der ersten «Baselland Business Night». Besonders betroffen seien Betriebe in der Agglomeration Basel, unter anderem im Allschwiler Gebiet Bachgraben. 85 Prozent der für den «Baselland Business Report» befragten Unternehmen sähen dringenden Handlungsbedarf im Bereich Mobilität und Erreichbarkeit.
Mitwirkungsprozess zu Rheinstrasse-Projekt
sda. Der Kanton Baselland startet einen Mitwirkungsprozess zur Erneuerung der Rheinstrasse zwischen Pratteln und Liestal. Bei einer längeren Sperrung des Schönthaltunnels muss diese Strasse einen Teil des Durchgangsverkehrs aufnehmen können, wie die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) gestern mitteilte. Der Entwurf des Bauprojekts zeigt auf, welche Massnahmen für einen solchen Notfallbetrieb sowie für eine Erhöhung der Sicherheit auf der Rheinstrasse getroffen werden müssten. Betroffen ist die Strecke nach dem Hülften-Kreisel in Füllinsdorf und dem Schauenburg-Kreisel in Liestal. Vorgesehen ist, dass ab der Kreuzung Kittler in Füllinsdorf, beim Standort der «McDonald’s»-Filiale, bis kurz vor dem Liestaler Kreisel Schauenburgerstrasse ein durchgehender Mehrzweckstreifen erstellt wird. Autos und Velos sollen so sicherer und einfacher abbiegen können.
Auf der Höhe «Läckerli Huus» in Frenkendorf wird die Flachsackerstrasse mit der Rheinstrasse verbunden. Die neue Kreuzung mit Ampel verbessere die Erschliessung des Industriegebiets und entlaste die Kreuzung Kittler. Beim Kreisel Liestalerstrasse ist ein zusätzlicher Fahrstreifen in Richtung Liestal geplant. Damit solle der Rückstau kürzer werden, wovon auch der Busverkehr profitieren solle, wie es weiter heisst.
Die öffentliche Mitwirkung zum Entwurf des Bauprojekts läuft vom 26. August bis zum 27. September.