Viel Erfahrung für den Ebenrain
30.04.2024 Baselbiet, Energie/Umwelt, Gesellschaft, NaturDer neue Leiter – Christoph Böbner – im Porträt
Morgen Mittwoch hat Christoph Böbner seinen ersten Arbeitstag als Chef des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Wer ist der 60-jährige Entlebucher? Was sind seine Ideen? Und ...
Der neue Leiter – Christoph Böbner – im Porträt
Morgen Mittwoch hat Christoph Böbner seinen ersten Arbeitstag als Chef des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Wer ist der 60-jährige Entlebucher? Was sind seine Ideen? Und was erhoffen sich Politiker, die selbst in der Landwirtschaft tätig sind, von ihm? Eine Annäherung.
Janis Erne
Auf dem Bölchen war er schon, ebenso bei einem Zeglinger Landwirt, beim Baselbieter Bauernpräsidenten in Buus und natürlich in Sissach. Mehrere Male hat Christoph Böbner in den vergangenen Wochen das Baselbiet besucht, um einen Eindruck vom Kanton und seinen Leuten zu bekommen. Und das mit gutem Grund: Morgen Mittwoch übernimmt der 60-jährige Entlebucher die Leitung des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung in Sissach.
Bei seinen Stippvisiten dürfte Böbner die eine oder andere Erinnerung hochgekommen sein. So hat er als junger Mann einst Militärdienst in Zeglingen geleistet und als Agronomie-Student ein Kurzpraktikum bei der Landi in Gelterkinden absolviert. Darüber hinaus war das Baselbiet zeitweise Trainingsort für den Schwinger Böbner, der in seiner Karriere 18 Kränze gewinnen konnte, darunter zwei prestigereiche Rigi-Kränze.
Später leitete er eine Landwirtschaftsschule, war Vizedirektor des Bundesamts für Landwirtschaft und arbeitete beim Kanton Luzern als Chef der Dienststelle Landwirtschaft und Wald. Und nun – wenige Jahre vor der Pensionierung – erfolgt der Schritt ins Baselbiet. Für das Ebenrain-Zentrum hat Böbner den Direktorenposten bei «Swissgenetics», einer Genossenschaft, die Rindersperma produziert und vermarktet, aufgegeben. Weshalb?
«Das Baselbiet ist aus landwirtschaftlicher Optik ein sehr spannender Kanton. Hier gibt es alles: Nutztierhaltung, Ackerbau, Spezialkulturen», nennt Böbner einen Grund für seinen Wechsel. An der neuen Stelle reizt ihn zudem, dass sie seine bisherigen Tätigkeitsbereiche vereine. «Der Ebenrain ist nicht nur für die Aus- und Weiterbildung von Landwirten zuständig, sondern auch für Ernährungsfragen, den Natur- und Landschaftsschutz sowie den Vollzug von Bundesvorschriften», so der künftige Leiter.
Unterschiedliche Erwartungen
Rund 60 Personen arbeiten momentan beim Ebenrain. Eine Handvoll kennt Böbner bereits aus früheren Zeiten – so etwa den stellvertretenden Leiter, Andreas Bubendorf, oder Pascal Simon, der unter anderem für die Direktzahlungen verantwortlich ist. Mit seinem Vorgänger Lukas Kilcher hatte Böbner einst studiert. Und auch Werner Mahrer, von 1989 bis 2013 Chef des Amts für Landwirtschaft respektive des Ebenrains, gehört zu seinem Bekanntenkreis.
Bevor Böbner seine Bewerbung einreichte, wollte er zusätzlich den für den Ebenrain zuständigen Regierungsrat Thomi Jourdan (EVP) kennenlernen. «Mein Eindruck war von Beginn weg positiv», sagt Böbner. In Jourdans Direktion werde neues Fachwissen geschätzt. Ebenjene Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion sprach in einer Medienmitteilung von einer «erfahrenen und kompetenten Führungsperson», die sie finden konnte.
Ex-Ebenrain-Chef Mahrer bezeichnet Böbner als «umgänglichen Menschen». Der Sissacher hatte vor rund 15 Jahren als Präsident der Konferenz der Landwirtschaftsämter erstmals mit Böbner zu tun, als dieser noch beim Bundesamt für Landwirtschaft tätig war. Dabei ging es um die Ausgestaltung von Direktzahlungen und sonstige agrarpolitische Massnahmen. «Mit Christoph Böbner kann man offen diskutieren», sagt Mahrer. Der neue Ebenrain-Leiter packe Aufgaben an und arbeite gewissenhaft, aber nicht verbissen.
Landräte, die selbst in der Landwirtschaft tätig sind, erachten Böbner ebenfalls als gute Wahl und sind überzeugt von seinem Werdegang. Claudia Brodbeck («Mitte», Biel-Benken) stimmt zuversichtlich, dass der neue Ebenrain-Leiter aus Luzern stammt, «einem Agrarkanton, der die landwirtschaftliche Produktion hoch gewichtet». Diesen Aspekt erwähnt auch Markus Graf (SVP, Maisprach). Er wünscht sich, dass der Umgang mit den Baselbieter Bauern weiterhin pragmatisch erfolge. Der Ebenrain solle seinem bisherigen Kurs treu bleiben.
Laura Ineichen (Grüne, Oberwil) dagegen hofft, dass der Fokus noch stärker auf die Nachhaltigkeit gerichtet wird: «Die Landwirtschaft im Baselbiet muss ökologisch ausgestaltet sein.» Nur so könne die Natur geschützt und die regionale Lebensmittelversorgung langfristig sichergestellt werden.
«Interessen in Einklang bringen»
Lebensmittelproduktion und Ökologie – zu diesem Spannungsfeld hat Böbner, der seine Worte stets mit Bedacht wählt, eine klare Meinung: «Die Landwirtschaft ist primär da, um Lebensmittel zu produzieren und die Bevölkerung zu ernähren.» Den derzeitigen Selbstversorgungsgrad der Schweiz von rund 50 Prozent bezeichnet er als «unteres Limit». Gerade in Krisenzeiten sei die produzierende Landwirtschaft von essenzieller Bedeutung.
Dabei keine Rücksicht auf die Natur, die Landschaft oder das Tierwohl zu nehmen, ist für Böbner aber auch nicht der richtige Weg: «Die verschiedenen Interessen müssen in Einklang gebracht werden.» Insbesondere den zunehmenden Ressourcenverbrauch erachtet der Agronom als Problem. Er erwähnt, dass rund 30 Prozent der in der Schweiz produzierten Lebensmittel verschwendet werden – «eine wahnsinnige Zahl». Food Waste sei deshalb ein möglicher Schwerpunkt, den er als Ebenrain-Leiter angehen wird. Bezüglich Ernährung betont Böbner ausserdem die Wichtigkeit regionaler und saisonaler Lebensmittel, «denn aus ökologischer Sicht ergibt es keinen Sinn, Lammfleisch aus Neuseeland oder Erdbeeren im Winter zu konsumieren».
Sensibilisieren will er die Menschen auch für die Arbeit der Bauern. «Das Verständnis für die Landwirtschaft nimmt insbesondere bei der städtischen Bevölkerung mit jeder Generation ab», sagt Böbner, der selbst aus einer Bauernfamilie stammt. Kinder, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, müssten wieder stärker an die Landwirtschaft herangeführt werden. Und den Erwachsenen will er die Vorteile des Direktzahlungssystems – «eine Errungenschaft, um die uns halb Europa beneidet» – aufzeigen. Hierfür sieht er den jährlichen Ebenraintag als optimale Gelegenheit.
Ein anderes wichtiges Projekt des Ebenrain-Zentrums ist «Slow Water», bei dem verschiedene Gemeinden und Landwirte aus dem Oberbaselbiet mitmachen. Ziel dahinter ist es, Regenwasser zu speichern und der Landwirtschaft zugänglich zu machen (die «Volksstimme» berichtete mehrmals darüber). «In Zeiten längerer Trockenperioden und vermehrter Starkniederschläge ist das Wassermanagement für viele Bauernbetriebe im Jura von zentraler Bedeutung», sagt Böbner. «Slow Water» sieht er als sinnvolle Sache, jedoch müsse er die einzelnen Massnahmen zuerst noch genauer analysieren, um beurteilen zu können, ob sie im Umgang mit dem Klimawandel genügten.
Den Bauern die Arbeit erleichtern
Nach seinen Besuchen im Baselbiet zieht Böbner ein positives erstes Fazit. Rückmeldungen aus der Bauernschaft und von Angestellten des Ebenrains hätten ihm gezeigt, dass das Zentrum auf dem richtigen Weg sei. Für den neuen Leiter steht fest: «Wir wollen weiterhin für die Landwirte und alle anderen Anspruchsgruppen da sein.» Den kleinen Spielraum, welcher der Bund den Kantonen überlässt, will er nutzen, um den Bauern die administrative Arbeit zu erleichtern. «Denn die Landwirtschaftspolitik ist schon genug reguliert», so Böbner.
Seinem ersten Arbeitstag sieht der Luzerner mit Vorfreude entgegen. Ins Baselbiet ziehen wird er jedoch nicht, denn er ist im Entlebuch verwurzelt, hat dort Freunde und Familie. Mit seiner Frau zog er drei Töchter auf, eine von ihnen ist heute erfolgreiche Profi-Beachvolleyballerin und wird diesen Sommer vielleicht an den Olympischen Spielen in Paris teilnehmen können.
Dann steht auch für Christoph Böbner ein sportlicher Höhepunkt an: In seinem Wohnort Hasle findet am 2. Juni das Luzerner Kantonalschwinget statt, das er als OK-Chef mitorganisiert. Als Vorbild dient ihm dabei das «Eidgenössische» in Pratteln im Jahr 2022: «Das war ein richtiges Volksfest!»