Tiefer Milchpreis setzt den Bauern zu
30.01.2026 SissachLandwirtschaft muss die Milchproduktion zurückfahren
Aufgrund einer hohen Produktion, beschränkter Verarbeitungsmöglichkeiten, einer zu tiefen Nachfrage und Importen sinkt der Milchpreis für die Landwirtschaft drastisch. Die verminderte Liquidität bringt Betriebe ...
Landwirtschaft muss die Milchproduktion zurückfahren
Aufgrund einer hohen Produktion, beschränkter Verarbeitungsmöglichkeiten, einer zu tiefen Nachfrage und Importen sinkt der Milchpreis für die Landwirtschaft drastisch. Die verminderte Liquidität bringt Betriebe in Bedrängnis.
Tobias Gfeller
Aufgrund der Corona-Pandemie und des Kriegs in der Ukraine stieg der Milchpreis des A-Segments für hochwertige Produkte für den Schweizer Markt in den vergangenen Jahren auf einen vorübergehenden Höchststand von 82 Rappen pro Kilogramm an. Dieser Richtpreis entspricht aber nicht dem Preis, den die Landwirtschaft erhält. Die 82 Rappen gelten seit dem 1. Juli 2024. Nach eineinhalb Jahren folgt für die Milchbäuerinnen und Milchbauern ein Rückschlag. Die Branchenorganisation «Milch» reduziert den Milchpreis des A-Segments auf den 1. Februar um 4 auf 78 Rappen pro Kilogramm. Das ist der tiefste Wert seit rund zehn Jahren.
Hintergrund sind sinkende Preise im Ausland und eine Überproduktion aufgrund der guten Futterqualität auf dem heimischen Markt, teilte Stefan Kohler, Geschäftsleiter der Branchenorganisation «Milch», im Dezember mit. Im September und Oktober vergangenen Jahres wurde in der Schweiz im Vergleich zum Vorjahr rund 6 Prozent mehr Milch produziert, bei einzelnen Betrieben sogar noch mehr. Sinkende Preise im Ausland setzen der Schweizer Produktion zusätzlich zu.
Die sinkenden Preise treffen auch die Baselbieter Milchproduzenten, bestätigt Marc Brodbeck, Präsident des Bauernverbands beider Basel und selber Milchbauer auf dem «Grienhof» in Buus. «Die sinkende Liquidität ist bei gleichbleibenden Kosten eine Katastrophe für die betroffenen Betriebe», mahnt Brodbeck.
Kurzfristiges Reagieren schwierig
Die Branchenvertreter fordern die Milchbauern schweizweit dazu auf, ihre Produktion zurückzufahren, um den Markt nicht mit noch mehr Milch zu überschwemmen. Auch Marc Brodbeck appelliert an die Solidarität unter den Milchproduzenten. Er selber fährt reduziert die Beigabe von Kraftfutter für die Tiere, um die Milchproduktion zu reduzieren. Doch nicht alle Landwirte könnten so kurzfristig reagieren, wenn ihre Kühe gerade kalben und damit viel Milch produzieren, sagt der Präsident des Bauernverbands beider Basel. «Die Leistung einer Milchviehherde ist kurzfristig schwierig zu beeinflussen.» Für Milchbauern sei es auch nur schwer möglich, kurzfristig Fleisch statt Milch zu produzieren. Eine Möglichkeit bestehe darin, die Kälber zu mästen, um damit Milch auf dem Betrieb zu verwerten und nicht in den Verkehr zu bringen. Den Grossteil der Milch müsse der Landwirt dann trotzdem auf den Markt bringen, sagt Marc Brodbeck.
Prognosen, wie lange der tiefere Milchpreis anhalten wird, wagt Brodbeck nicht. Mithelfen könnten auch die Konsumenten, indem sie mehr einheimische statt ausländische Milchprodukte kaufen. Brodbeck ist sich aber im Klaren: «Der Markt ist gnadenlos. Angebot und Nachfrage werden es richten.» Die Schwierigkeiten für die Milchbetriebe werden seit Jahren durch die rückläufige Anzahl Milchverarbeiter akzentuiert. Marc Brodbeck spricht dahingehend von einem «Klumpenrisiko». Die Milchverarbeiter haben dadurch gegenüber der Landwirtschaft eine starke Position. In den beiden Basel gibt es noch 230 Milchbetriebe – Tendenz rückläufig.
Ähnlich drastische Worte wählt der Ormalinger Milchbauer Markus Ritter. Als Verwaltungsrat der Genossenschaft «Mooh» und als Vorstandsmitglied der Genossenschaften Miba und der Schweizer Milchproduzenten kennt er die Lage bestens. «Die Situation ist schlimm. Durch die Milchpreissenkungen um bis zu 15 Prozent wird die finanzielle Lage auf den Betrieben prekär.» Ritter ist besorgt, dass die Preissenkung bei vielen Betrieben zu Liquiditätsproblemen führen wird. «Die Kosten in der Milchproduktion sind extrem hoch. Seit der Milchpreis vor rund zehn Jahren zum letzten Mal so tief war, sind die Kosten deutlich gestiegen. Zudem lag damals der Euro-Kurs für den Export bei 1.25 Franken, heute liegt er bei 93 Rappen, was den Import zusätzlich interessant macht und den Export schwächt.»
Importstopp gefordert
Die Genossenschaft «Mooh» organisiert die Verteilung der Milch jede Woche neu. «Einerseits sind in den vergangenen Jahren Verarbeitungskapazitäten verloren gegangen und andererseits haben wir bis 10 Prozent mehr Milch als im Vorjahr», rechnet Ritter vor. Dennoch ist er überzeugt, dass in der Schweiz kein «genereller Milchüberschuss» herrscht, sondern verschiedene Umstände zur jetzigen Lage geführt haben. «Nun braucht es die Landwirte, welche die Menge etwas anpassen, die Grossverteiler und Schokoladenindustrie, die auf Schweizer Milch setzen, die Verbände, die eine gerechte Lastenverteilung umsetzen, die Verarbeiter, die ihre Kapazitäten ausschöpfen und die Konsumenten, die beim Einkauf Schweizer Milchprodukte kaufen. Dann könnte die Problematik entschärft werden.»
Für die SVP-Nationalräte Martin Haab, Marcel Dettling und Sylvain Freymond gibt es nur eine Lösung, wie sie in einem offenen Brief an den Bundesrat schreiben: Agrarminister Guy Parmelin (SVP) soll einen sofortigen Importstopp von Milchprodukten verhängen. «Die Schweizer Milchwirtschaft ist akut bedroht. Der massenhafte Import von Käse, vor allem aus dem EU-Raum, macht den Milchbauern massiv zu schaffen», warnen die drei Nationalräte.


