Stephan Gutzwiller – «Heiland» oder «Despot»?
29.08.2025 Gesellschaft, BaselbietDer Jurist prägte den jungen Kanton Baselland – heute ist sein 150. Todestag
Der Rechtsstaat, die Staatseinnahmen, die Schulbildung und die Spitalversorgung wären im Baselbiet ohne Stephan Gutzwiller schlechter herausgekommen. Er war der führende Kopf der Revolution ...
Der Jurist prägte den jungen Kanton Baselland – heute ist sein 150. Todestag
Der Rechtsstaat, die Staatseinnahmen, die Schulbildung und die Spitalversorgung wären im Baselbiet ohne Stephan Gutzwiller schlechter herausgekommen. Er war der führende Kopf der Revolution von 1830/32 im jungen Kanton, aber umstritten. Die einen sahen in ihm einen «Heiland», die andern einen «Despoten».
Roger Blum
Stephan Gutzwiller wurde am 21. November 1802 als Franzose geboren, denn die Franzosen hatten sich nach der Revolution von 1789 unter anderem das Fürstbistum Basel einverleibt, zu dem auch das Birseck gehörte. Erst durch den Wiener Kongress von 1815 kam das Birseck zu Basel. Der junge Stephan, Sohn eines Therwiler Hufschmieds, war demnach ein französischer Schüler, der Zeit seines Lebens seine Liebe zur «Grande Nation» behielt.
Da er überdurchschnittlich begabt war, schickte man ihn nach der Grundschulzeit in die Jesuitenschule nach Solothurn, mit dem Ziel, aus ihm einen katholischen Pfarrer zu machen. Er aber liess sich in Aarau im «Lehrverein» des Pädagogen und Publizisten Heinrich Zschokke und des Theologen und Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler vom Liberalismus anstecken und studierte dann in Deutschland Rechtswissenschaft. Mit 25 war er Anwalt, mit 26 Notar, er eröffnete in Basel am Barfüsserplatz eine Anwaltskanzlei. Auch schon mit 25 gelangte er in den Grossen Rat, mit 26 ins Kriminalgericht. Er hatte früh Karriere gemacht.
Entscheidend für sein weiteres Leben war die Pariser Julirevolution von 1830, die den Bourbonenkönig Karl X. hinwegfegte und durch den «Bürgerkönig» Louis-Philippe ersetzte. Die Julirevolution blieb nicht ohne Wirkung auf die Schweiz, in der es zwar keine Untertanen mehr gab, in der sich aber die Städte Vorrechte gesichert hatten. Es gärte. In den Kantonen Aargau, Zürich, Thurgau, Bern, St. Gallen, Solothurn, Schwyz, Luzern, Freiburg, Waadt und Schaffhausen kam es auf der Landschaft zur Bildung von Komitees, zu grossen Volksversammlungen, zu bewaffneten Zügen und Gewaltakten; in einigen Kantonshauptstädten wurde gar das Parlament gestürmt: Das Volk wollte mehr Rechte und Mitsprache.
Diese Bewegung erfasste sofort auch den Kanton Basel, und Gutzwiller war darin in einer Doppelrolle engagiert: Im Grossen Rat beteiligte er sich an der Diskussion über eine neue Kantonsverfassung und stellte – erfolglos – Anträge, das Repräsentationsverhältnis zugunsten der Landschaft zu verbessern. Und ausserhalb der Institutionen berief er eine Versammlung von etwa 40 Notabeln der Landschaft ins Bad Bubendorf ein und las diesen die Gleichheitsurkunde vor, die Stadt und Land 1798 feierlich beschworen hatten, die aber von der Stadt einseitig wieder kassiert worden war. Die Versammelten waren einverstanden, die verlorenen Rechte mit einer Petition erneut einzufordern. 810 Männer unterschrieben.
An der Spitze der Revolution
Im aktuellen Grossen Rat sassen sich 90 Städter und 64 Landbürger gegenüber. Nach Bevölkerungszahl hätte das Verhältnis 51:103 betragen müssen. Der Grosse Rat war aber nur bereit, in der neuen Verfassung ein Verhältnis von 75:79 zuzugestehen. Dies und das Festhalten an belastenden Abgaben bewirkte, dass die Stimmung auf der Landschaft kippte: Die Revolution brach aus. Gutzwiller musste sich entscheiden. Obwohl er mehr Diplomat war als Agitator und Partisan, setzte er sich an die Spitze der Bewegung und liess sich Anfang 1831, nun 29-jährig, zum Präsidenten der Provisorischen Regierung wählen.
In der Folge blieb er durch die ganzen Wirren hindurch der führende Kopf, und als die 46 Gemeinden, die in der Trennungsabstimmung nicht mit qualifiziertem Mehr fürs Bleiben gestimmt hatten, aus dem Basler Staatsverband ausgeschlossen wurden und am 17. März 1832 den Kanton Basel-Landschaft gründeten, wurde Gutzwiller ganz logisch Präsident der Verwaltungskommission, dann des basellandschaftlichen Verfassungsrats, dann des Landrats, dann des Regierungsrats.
Er war jetzt 30. Die Jungen dominierten in den führenden Gremien: So sassen in der ersten Regierung neben Gutzwiller der Kaufmann Johannes Meyer (31), der Anwalt und Gutsbesitzer Anton von Blarer (32), der Fabrikant Heinrich Plattner (37) und der Landwirt Johannes Eglin (57). Da nicht alles so lief, wie Gutzwiller es sich vorgestellt hatte, verliess er die Regierung bereits nach einem Jahr wieder.
Stephan Gutzwiller war ein Prototyp des klassischen Liberalen. Er setzte auf wirtschaftlichen und technischen Fortschritt und auf gute Schulbildung. Ihm waren Rechtsstaat und Gewaltenteilung wichtig, und er war gegen ausgedehnte Volksrechte, weil er der festen Meinung war, dass das Volk konservativ entscheide und den Fortschritt hemme. Er verabscheute auch eine ungezügelte Pressefreiheit. So reichte er 1837 im Landrat einen Vorstoss ein, mit dem er erstens ein Pressegesetz verlangte, das den betrügerischen Missbrauch der Pressefreiheit unter Strafe stellt, und zweitens die Veröffentlichung der Landratsdebatten durch die Landeskanzlei im Amtsblatt forderte. Der Landrat stimmte dem Vorstoss zwar zu, aber umgesetzt wurde er nie.
Zwei Niederlagen
Gutzwiller war der Kopf der Ordnungspartei, die immer wieder – und meist erfolgreich – versuchte, die Bewegungspartei in die Schranken zu weisen. Die Bewegungspartei, zunächst unter der Führung des Juristen Emil Remigius Frey und später unter der Leitung des Geschäftsmanns Christoph Rolle, verfolgte egalitäre und populistische Ziele, so vor allem möglichst viel Mitbestimmung des Volkes (durch Landsgemeinden, durch das Veto oder durch obligatorische Gesetzesabstimmungen). Die Ordnungspartei war die Partei der politischen Elite und besass Anhang unter Beamten, Handwerkern, Kaufleuten und Freiberuflichen. Die Bewegungspartei war eher bei den Posamentern, Bauern sowie den Benachteiligten und Unzufriedenen aller Art verankert.
1854 gelang es der Bewegungspartei erstmals, die Ordnungspartei von der politischen Macht zu verdrängen. Die Mitstreiter Gutzwillers gründeten darauf die «Basellandschaftliche Zeitung» als Plattform ihrer politischen Richtung. Und 1862/63 stürzte die Bewegungspartei gar das ganze politische System um: Baselland führte umfassende Volksrechte ein. Im Verfassungsrat hielt der mittlerweile 60-jährige Gutzwiller eine engagierte Rede gegen das obligatorische Referendum, die – wie Matthias Lüdin in seinem Blatt schrieb – «sichtlich grossen Eindruck machte». Gutzwiller kämpfte jedoch einen letzten, erfolglosen Kampf.
Auf anderen Feldern war er indes sehr erfolgreich. So war er der Vater des Schulgesetzes und als Präsident des Erziehungsrates wesentlich daran beteiligt, dass nach der Kantonsgründung rasch Bezirksschulen eröffnet werden konnten. Um dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen, liess sich Gutzwiller ins Obergericht wählen, das er auch mehrfach präsidierte. Er war einer der Initianten der Basellandschaftlichen Hypothekenbank und sass in ihrem Verwaltungsrat. Er erkannte die Bedeutung des Salzgewinns bei Schweizerhalle, wurde Agent der Saline und handelte in dieser Funktion mit dem Kanton den Salzvertrag aus. Dank des Salzzehnten erhielt der Kanton sichere Einnahmen und konnte es sich dadurch leisten, bis 1892 keine direkten Steuern zu erheben. Und Gutzwiller wurde als Salzagent reich.
Als die Eisenbahnen die Schweiz erreichten, setzte er sich für die Linie der Centralbahn durch das Baselbiet ein, weil er dadurch eine weitere Industrialisierung erwartete. Er wurde auch Centralbahn-Verwaltungsrat. Sein Vermögen erlaubte ihm schliesslich, mit einem Legat von 50 000 Franken den Einkauf des Birsecks ins Landarmengut des alten Kantons zu ermöglichen, so dass in Liestal ein Krankenhaus für den ganzen Kanton gebaut werden konnte.
Umstrittener Staatsmann
Man würde erwarten, dass Gutzwiller dank all seiner Wohltaten immer nur gelobt und gefeiert wurde. Dem war aber nicht so. Zwar wussten die Baselbieterinnen und Baselbieter unmittelbar nach der Trennung, was sie ihm zu verdanken hatten, und an einem Fest begrüsste ihn ein Transparent als «Vater des Vaterlandes». Mütter streckten ihm ihr Kind entgegen, damit es den «Heiland von Therwil» sehe. Ein Pfarrer fand, Gutzwiller sei «vom Himmel gesandt worden», und die «Allgemeine Zeitung» in Stuttgart schrieb, Gutzwiller sei der «Washington der Basel-Landschäftler». 1875, nach Gutzwillers Beisetzung, hielt die «Basellandschaftliche Zeitung» fest: «Solange der Kanton Basellandschaft bestehen wird, so lange wird in seiner Geschichte Gutzwillers Name mit Ehren genannt werden.»
Doch Gutzwiller erlebte auch viel Gegenwind. Das hatte zunächst mit seinem Charakter zu tun. Er neigte zu einsamen Entscheiden, war sehr ehrgeizig und darauf bedacht, Konkurrenz auszuschalten. Gleichzeitig warf man ihm während der Wirren auch Wankelmut und Unentschlossenheit vor. Seine Gegner bezeichneten ihn als herrschsüchtig, Christoph Rolle schrieb ihm gar eine «Despoten-Natur» zu. In Basel drohten Mütter während der Wirren ihren Kindern, die nicht gehorchten, mit dem Satz: «Der Gutzwiller kömmt!»
Als Gutzwiller dann reich geworden war, galt er in der Gegenpartei als «Geldsackpatriot» oder «Neuaristokrat». Man missgönnte ihm den Erfolg. Spätestens seit den 1840er-Jahren wurde ihm nichts leicht gemacht. Bei den Landrats- oder Verfassungsratswahlen musste er regelmässig den zweiten Wahlgang bestreiten oder gar den Wahlkreis wechseln, um einen Sitz zu ergattern. 1848, bei den ersten Nationalratswahlen, als es im Kanton Baselland um zwei Sitze ging, landete er nur auf dem fünften Platz.
Der Landrat wählte ihn dann zum Ständerat. Gutzwiller wollte aber nach der ersten Legislaturperiode 1851 lieber in den Nationalrat wechseln, der damals als wichtiger galt als die kleine Kammer. Dies gelang ihm, und von den sechs weiteren Wahlen in die grosse Kammer, die er bestritt, wurde er vier Mal gleich im ersten Umgang wiedergewählt, zweimal hingegen musste er zittern: 1854 schaffte er die Wahl erst im dritten Wahlgang, 1863 erst im zweiten.
Weil er Freimaurer war, wurde er auch als «Geheimbündler» befehdet. Zu den Freimaurern gehörten neben ihm der Schulinspektor Johannes Kettiger, der Arzt Christian Jakob Rippmann, der Offizier und Beamte Karl Kloss, der Wirt Johannes Mesmer sowie die Journalisten Benedikt Banga, Johann Ulrich Walser und Heinrich Zehntner.
Gutzwiller war zweimal verheiratet, beide Ehen blieben kinderlos. Mit zunehmendem Alter und mit zunehmend angeschlagener Gesundheit fuhr er häufig zur Kur, im Sommer an schöne Orte in der Schweiz, im Winter nach Nizza oder Rom. Am 29. August 1875, also heute vor 150 Jahren, starb er in Interlaken. Obwohl er Bürger von Therwil war und obwohl er fast 30 Jahre bis zu seinem Tod in Arlesheim gelebt hatte, wollte er in Liestal begraben werden. Sein Grabstein erinnert noch heute an ihn.
Autor Roger Blum wuchs in Liestal auf und war 1971–1978 Landrat (FDP). Als Journalist sass er in der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» (Zürich). Danach war er 20 Jahre lang Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bern. Heute lebt er in Köln.