«Spannungsfelder sind spannend!»
29.08.2025 BaselbietEr ist der neue «Mister Digital» der Baselbieter Gemeinden: Seit etwas mehr als zehn Tagen amtet Ralph Gloor als Geschäftsführer des Projekts «Digitale Gemeinden BL» des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden VBLG. Er arbeitet im Regierungsgebäude in ...
Er ist der neue «Mister Digital» der Baselbieter Gemeinden: Seit etwas mehr als zehn Tagen amtet Ralph Gloor als Geschäftsführer des Projekts «Digitale Gemeinden BL» des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden VBLG. Er arbeitet im Regierungsgebäude in Liestal.
Peter Sennhauser
Herr Gloor, wie haben Sie sich in Ihrem neuen Büro in der Landeskanzlei eingelebt?
Ralph Gloor: (lacht) Hier wurde vor knapp zwei Wochen «FlexDesk» eingeführt, das System, bei dem niemand einen fixen Arbeitsplatz hat. Ich bin das Konzept von anderen Arbeitsorten gewohnt und finde es gut, weil man je nach Aufgabe mit den Leuten zusammensitzen kann, die man braucht.
Sie sind «New Work Professional», «Human System Engineer» und jetzt Geschäftsführer. Was steht auf Ihrer Visitenkarte?
(Denkt nach) «Nur reden kocht keinen Reis»: Das alte chinesische Sprichwort habe ich in einer Ausbildung gelernt. Das würde auf meiner Karte draufstehen. Also «machen» und nicht nur darüber reden.
Sie sind angestellt vom Verband Basellandschaftlicher Gemeinden – wie viele der 86 Gemeinden könnten sie namentlich aufzählen?
Wahrscheinlich noch zu wenige. Ich bin am Zürichsee geboren und habe lange in der Region, dann in der Stadt Zürich gelebt. Der Liebe wegen bin ich einst nach Basel gezogen; nach acht Jahren ging’s dann für drei Jahre nach Berlin, und jetzt bin ich zurück ins Baselbiet gekommen. Ich kenne also einige Gemeinden rund um die Stadt – und jetzt Reigoldswil.
Weil Sie dort hingezogen sind?
Genau: Als Kontrast nach 30 Jahren in Städten – vielleicht bin ich in einer Phase, in der ich wieder mehr Natur brauche.
Wann waren Sie das letzte Mal an einem Schalter in einer Gemeinde?
Vor zwei Wochen stand ich in Reigoldswil am Schalter, um mich mit einem ausgedruckten Formular anzumelden. Sechs Stunden davor hatte ich an einem Zollschalter gestanden, wo man mir sagte, dass ich ein anderes Formular brauche. Und nochmals zwei Wochen davor habe ich in Berlin auf dem Bürgeramt einen Parcours absolviert, um mich abzumelden. Es ist leider noch nicht immer alles so einfach und/oder digital, wie ich mir das vorstelle.
Stichwort E-ID, über die wir bald abstimmen: eine Voraussetzung für die digitale Gemeinde?
Ja, eine E-ID ist nötig. Die Leute beschweren sich stets, wie kompliziert der Umgang mit den Behörden sei: Sie müssen dreimal das gleiche Formular an verschiedene Behörden einreichen, von A nach B fahren und so weiter. All das wäre elektronisch mit der E-ID schneller, einfacher und günstiger zu erledigen. Die Voraussetzungen dafür müssen wir jetzt schaffen und gleichzeitig den «alten» Weg offenhalten: Die Digitalisierung soll eine Erleichterung sein und kein Zwang.
Sie arbeiten in der Landeskanzlei, sind aber dem Gemeindeverband VBLG rapportpflichtig. Das ist ein Spannungsfeld. Macht Sie das nervös?
Keineswegs. Spannungsfelder sind spannend! Da ist Bewegung drin, da ist Energie drin – ich fürchte mich mehr vor Zuständen ohne Spannung.
Gleichzeitig ist der Zeitplan recht eng.
Ich glaube an ein agiles Vorgehen in klaren Schritten. Ja, wir haben eine Vision. Aber den Weg, wie wir dort hinkommen, schauen wir in Sechs-Monats-Schritten an. Die Technologie entwickelt sich auch laufend weiter. Das bedeutet, dass man auch die Prozesse gelegentlich anpassen sollte.
In einer Behörde ist das schwieriger als in der Privatwirtschaft – hier gelten Gesetze und Verordnungen.
Es braucht mehr Sorgfalt, das ist richtig, und das macht die Anpassungen vielleicht etwas langsamer. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft gut funktioniert. Eine gewisse Entschleunigung kann dabei helfen.
Sie haben sich von «Facebook» und «Instagram» verabschiedet. Steht das nicht im Widerspruch zu Ihrer Technologieoffenheit?
Technologieoffenheit heisst nicht, auf jeder Plattform präsent zu sein, sondern den Nutzen der Technologie zu prüfen. Bei «Facebook» und «Instagram» ist der inhaltliche Mehrwert für mich auf null gesunken. Was ja kein Technologie-Thema ist – eher ein gesellschaftliches.
Beeinflusst das die Demokratie?
Wir diskutieren mehr vom Volumen her, aber weniger in der Substanz. Wir hören nicht mehr zu. Ich glaube, wir sollten wieder mehr Fragen stellen und generell etwas entschleunigen. Persönlich bin ich heute auf Authentizität aus. Statt zu provozieren, wie ich es früher getan habe, um Reaktionen zu erhalten, stelle ich Fragen. Ich höre zu und lerne. Und ich bin so transparent wie möglich.
In der Tat: Auf «LinkedIn» haben Sie die Jahressaläre ihrer bisherigen Positionen publiziert. Verraten Sie uns, was Sie jetzt verdienen?
Würde ich, wenn ich es genau wüsste – und sobald ich das nachgeschlagen habe, werde ich das auch auf «LinkedIn» nachführen.
Das Projekt «Digitale Gemeinden BL»
sep. Das Projekt «Digitale Gemeinden BL» des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden (VBLG) soll kommunale Dienstleistungen über die kantonale Online-Service-Plattform BL-Konto digitalisieren, das heisst online verfügbar machen. 82 Gemeinden arbeiten dabei partnerschaftlich mit dem Kanton zusammen, um Verwaltungsgeschäfte künftig zeit- und ortsunabhängig anzubieten.
Das zweistufige Projekt läuft bis 2026 (Projektphase) und geht dann in den Betrieb über. Die Finanzierung erfolgt paritätisch über alle teilnehmenden Gemeinden mit 2.50 Franken pro Einwohner und Jahr.
Die Führung übernimmt ein strategischer Ausschuss aus Vertretern des VBLG, GFV und des Kantons. Die operative Umsetzung leitet seit August Ralph Gloor als Fachstellenleiter, mit Arbeitsplatz in der Landeskanzlei in Liestal.
Kernziele sind effiziente Verwaltungsabläufe, einmalige Datenerfassung und rund um die Uhr verfügbare Online-Services für Bevölkerung und Wirtschaft.