Schulbus auf Kinderfüssen
07.08.2026 RegionDer «Pedibus» ist eine Alternative zu den «Elterntaxis», die vielerorts kritisiert werden
Das Projekt ermöglicht es, dass Kinder in Gruppen mit Begleitperson sicher zu Fuss zur Schule gehen können. In anderen Teilen der Schweiz existiert das Projekt bereits. ...
Der «Pedibus» ist eine Alternative zu den «Elterntaxis», die vielerorts kritisiert werden
Das Projekt ermöglicht es, dass Kinder in Gruppen mit Begleitperson sicher zu Fuss zur Schule gehen können. In anderen Teilen der Schweiz existiert das Projekt bereits. Nun gibt es mit Aaron Rudolf von Rohr auch in der Region Basel eine Koordinationsstelle.
Lea Wieser
Herr Rudolf von Rohr, was genau ist der «Pedibus» und wie funktioniert er?
Aaron Rudolf von Rohr: Der «Pedibus» ist ein Bus, der nicht fährt, sondern auf Kinderfüssen läuft, aber ansonsten wie ein Schulbus funktioniert. Es gibt eine Linie – also eine vordefinierte Strecke –, für die ein «Pedibus» jeweils zuständig ist. Entlang dieser können Haltestellen etabliert werden, an denen die Kinder «ein- und aussteigen». Pro «Pedibus» ist eine erwachsene Person mit dabei, um dafür zu sorgen, dass die Kinder sicher in der Schule und wieder zu Hause ankommen. Angedacht ist der «Pedibus» für Kinder aus dem Kindergarten und der Primarschule.
Wer sind die erwachsenen Begleitpersonen? Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen?
Es handelt sich dabei um Eltern und Erziehungsberechtigte der Kinder. Oder teilweise auch Grosseltern und freiwillige Senioren, da diese häufig zu den nötigen Uhrzeiten verfügbar sind, während Eltern arbeiten müssen. Besondere Voraussetzungen müssen sie keine erfüllen. Die Organisation liegt bei den Erziehungsberechtigten. Es ist somit ihre Entscheidung, wem sie ihre Kinder anvertrauen.
Warum lohnt sich der «Pedibus»?
«Elterntaxis» werden vielerorts als zunehmendes Problem wahrgenommen. Besonders auf dem Land scheint die Zahl der «Elterntaxis» zu steigen. Dem will der «Pedibus» entgegenwirken. Dazu kommt, dass das Projekt ein tolles gemeinsames Erlebnis bieten kann. Eltern, die sonst vielleicht nichts miteinander zu tun haben, lernen sich kennen. Gleichzeitig werden sie entlastet, da sie die Begleitung der Kinder untereinander aufteilen können. Begleitpersonen wie Grosseltern können etwas für die Gemeinschaft tun und die Kinder dürfen gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden in die Schule gehen – ganz ohne Lärm oder Luftverschmutzung.
In der Romandie und im Tessin ist der «Pedibus» deutlich verbreiteter als in der Deutschschweiz. Warum?
Gemäss einer Studie der Versicherung AXA von 2023 werden Kinder in der Romandie häufiger mit dem Auto zur Schule gebracht als in der Deutschschweiz. Deshalb gibt es für das Projekt dort eine höhere Dringlichkeit. Ausserdem existieren dort schon viel länger «Pedibus»-Koordinationsstellen, während es jene in der Region Basel erst seit Juni gibt. Wenn man die Menschen im Tessin oder der Romandie fragt, kennen sie den «Pedibus». In den meisten Städten gibt es mehrere «Linien». Manche sind schon seit mehr als zehn Jahren «in Betrieb». In der Deutschschweiz kennen die Leute das Projekt kaum.
Welches Potenzial hat der «Pedibus» in der Region Basel?
Es gibt auf jeden Fall genügend Bedarf. In Pratteln wurde in den vergangenen Jahren wiederholt über Stau vor der Primarschule Erlimatt berichtet.
Dort sollte sich also auf jeden Fall etwas ändern. Eine Gemeinde, die von selbst auf den «Pedibus» gestossen ist, ist Tecknau. Die dortige Schulleiterin kam vor einer Weile auf mich zu. Besonders wegen der Hauptstrasse, die durch den gesamten Ort führt, gilt der Schulweg als weniger sicher.
Inwiefern unterscheidet sich das Interesse am Angebot in der Stadt und auf dem Land?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es einen Unterschied gibt. Vielmehr sind die Herausforderungen andere: In der Stadt sind der starke Verkehr und die vielen Menschen ein klarer Grund, wieso man sein Kind ungern alleine in den Kindergarten oder die Schule gehen lässt. Auf dem Land ist zum einen auch der Verkehr eine Herausforderung, beispielsweise wegen viel befahrener Hauptstrassen – teilweise ohne Trottoir oder Fussgängerstreifen. Zum anderen sind auf dem Land die Kindergarten- und Schulwege für viele Kinder zu lang, als dass die Eltern sie allein gehen lassen würden.
Was müssen Eltern tun, wenn sie eine «Pedibus»-Linie ins Leben rufen wollen?
Zunächst sollten sie abklären, ob bei den anderen Eltern in der Klasse oder im Quartier Interesse besteht, das Projekt mitzutragen. Wenn man gut vernetzt ist, kann man die anderen Eltern einfach einmal ansprechen. Einfacher ist es wahrscheinlich, über die Lehrperson oder die Schulleitung zu gehen und die Informationen über diese zu verbreiten. Auf unserer Website kann man hierfür kostenloses Infomaterial bestellen. Eine andere Option ist es, den «Pedibus» an Veranstaltungen wie Elternabenden vorzustellen. Sobald sich genügend Interessierte gefunden haben, können die Linie und der Einsatzplan vereinbart werden, die gegründete «Pedibus»-Linie bei uns angemeldet werden und der neue «Bus auf Füssen» kann starten.
Was gehört zu Ihren Aufgaben als Koordinator des «Pedibus» beider?
Mit meiner Anstellung wurde die neue Koordinationsstelle beider Basel ins Leben gerufen. Mein Job ist es, den «Pedibus» hier bekannter zu machen, damit idealerweise neue «Linien» entstehen. Deshalb bin ich viel unterwegs und in Kontakt mit verschiedensten Menschen. Für die Verbreitung des Projekts arbeite ich gerade daran, die Schulen mit Flyern auszustatten. Ausserdem ist geplant, den «Pedibus» an Events zum Thema Mobilität oder Schulsicherheit vorzustellen.
Zur Person
lwi. Der 29-jährige Aaron Rudolf von Rohr ist seit Mitte Juni Leiter der «Pedibus»- Koordinationsstelle beider Basel. Die ersten Jahre seiner Kindheit hat er in Basel verbracht.
Danach zog er mit seiner Familie nach Ziefen. Da er sowohl auf dem Land als auch in der Stadt in die Schule gegangen ist, bringt er gute Voraussetzungen für die neue Stelle des Projekts mit. In den Niederlanden hat Rudolf von Rohr Business Administration studiert.
Bevor er beim «Pedibus» angefangen hat, arbeitete er an verschiedenen Orten im Nachhaltigkeitsbereich, unter anderem bei «UN Global Compact» und beim Heks. Organisator des Projekts ist der Verkehrs-Club Schweiz (VCS).

