Rekorddürre erhöht Gefahr im Wald
31.07.2026 BaselbietDie Situation hat sich zugespitzt – Forstrevier Sissach warnt vor herabfallenden Ästen
Experten warnen: Dürre Äste können jederzeit abbrechen und herunterfallen. Das Forstrevier Sissach ruft Waldbesucher deshalb zu besonderer Vorsicht auf. Die Gefahr wird noch ...
Die Situation hat sich zugespitzt – Forstrevier Sissach warnt vor herabfallenden Ästen
Experten warnen: Dürre Äste können jederzeit abbrechen und herunterfallen. Das Forstrevier Sissach ruft Waldbesucher deshalb zu besonderer Vorsicht auf. Die Gefahr wird noch eine Weile bestehen bleiben.
Janis Erne
«Die Trockenheit ist extremer als in den Rekordjahren 2003 und 2018», sagt Manuel Lauber vom Amt für Wald und Wild beider Basel. Allein diese Worte sagen einiges über die derzeitige Dürreperiode in der Region aus, die sich seit Anfang Juni verschärft hat, nachdem es bereits im Frühling wenig Regen gab. Während die Folgen auf den braunen Feldern weitherum sichtbar sind, sieht der Wald auf den ersten Blick noch gesund aus. Doch auch hier ist die Situation mehr als nur angespannt.
An manchen Stellen im Wald wirkt es bereits herbstlich: Einige Buchen haben sich wegen des Wassermangels braun verfärbt, andere werfen nach und nach ihre Blätter ab. Dürre Äste liegen am Boden, vereinzelt mussten abgestorbene und umgestürzte Bäume weggeräumt werden, wie Philipp Zehnter berichtet. Er ist Co-Präsident des Verbands Forstpersonal beider Basel und arbeitet als Förster bei den Forstbetrieben Frenkentäler. Auch Thomas Tanner, Leiter des Forstreviers Sissach, erzählt von Bäumen und Ästen, die auf Wanderwege gestürzt sind. Sein Revier betreut die Wälder in Böckten, Itingen, Nusshof, Sissach, Thürnen, Wintersingen und Zunzgen.
Aussergewöhnlich ist, dass die aktuelle Trockenperiode das ganze Baselbiet betrifft. Manuel Lauber sagt: «Während 2018 vor allem der untere Kantonsteil, etwa der Hardwald, betroffen war, treten dieses Jahr überall Schäden auf.» Auch die höchsten Lagen seien betroffen – etwa Wälder auf der Wasserfallen auf rund 1000 Metern Höhe. Dürre Bäume und Pflanzen sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Im schlimmsten Fall sterben sie sogar ab. Dadurch leidet der Wald als Erholungsort, Holzlieferant oder Schutzgarant vor Naturgefahren.
Unmittelbar stellt der Wald zudem eine Gefahr für Spaziergänger, Jogger und Biker dar. «Es gibt viel dürres Holz in den Bäumen. Da dieses Holz nicht mehr belastbar ist, fällt es irgendwann herunter», sagt Amtsförster Lauber, der für einen von drei kantonalen Forstkreisen zuständig ist. Die Gefahr liegt dabei häufig im Verborgenen: «Bäume werden von oben nach unten dürr. Blickt man als Spaziergänger um sich, kann es also aussehen, als wäre der Wald gesund, doch in den Baumkronen sieht es ganz anders aus», so Lauber.
Angespannte Lage
Wegen der akuten Verletzungsgefahr hat das Forstrevier Sissach reagiert. In Absprache mit den Waldeigentümern hat es an verschiedenen Stellen Hinweistafeln aufgestellt. Mit ihnen warnt das Forstrevier in den sieben Gemeinden Waldbesucher vor herabstürzenden Ästen. Die Schilder sind an häufig frequentierten Waldeingängen und Wegen platziert worden, sagt Niggi Bärtschi von der Sissacher Bürgergemeinde, der grössten Waldeigentümerin im Bezirkshauptort. Zusätzlich wurde über die Zweckverband-Gemeinden ein Informationsschreiben in Umlauf gebracht. Darin schreibt das Forstrevier Sissach: «Vermeiden Sie Aufenthalte unter älteren, grossen Bäumen!»
Die Sensibilisierungskampagne wurde laut Bärtschi nötig, weil vielen Waldbesuchern der Ernst der Lage und die Verletzungsgefahr bisher nicht bewusst seien: «Das Treiben im Wald läuft, als gäbe es keine Ausnahmesituation.» Wegen der Hitze suchen derzeit viele Menschen Abkühlung im schattigen Wald. Falls sich das Verhalten der Waldbesucher und die Trockenheit nicht ändern, erwägt die Sissacher Bürgergemeinde in einer zweiten Phase, bestimmte Waldwege zu sperren, so Bärtschi.
Auch Manuel Lauber sagt, dass der Aufenthalt «im Naturraum Wald» stets mit Risiken verbunden sei. Das Sperren von Waldwegen erachte der Kanton dennoch als allerletzte Massnahme. Der Grund: Die Wege müssten irgendwann auch wieder geöffnet werden, was implizieren würde, dass sie wieder sicher seien. «Doch absolute Sicherheit gibt es im Wald nie», so Lauber. Kommt hinzu: Eine Sperrung zu vollziehen, ist nicht so einfach, wie es tönt. Laut Niggi Bärtschi müssten Waldeigentümer in einem solchen Fall alternative Wege bereitstellen und alle Benutzer möglichst gleich behandeln, also zum Beispiel auch Bike-Routen sperren.
Amtsförster Lauber betont, dass die Situation im Einzelfall analysiert werden müsse und der Entscheid letztlich bei den Verantwortlichen liege. Dabei handelt es sich meist um Bürger- oder Einwohnergemeinden. Der Kanton ist mit ihnen laufend im Austausch, hat jedoch noch keinen Gesamtüberblick darüber, wo welche Schutzmassnahmen ergriffen worden sind.
Entwarnung nicht in Sicht
Die Nervosität unter Waldeigentümern und Forstleuten ist gross. Verstärkt wurde sie durch ein kürzliches Urteil des Kantonsgerichts Freiburg: Es verurteilte gemäss SRF einen Forstwart wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe, nachdem ein Baum auf eine Spaziergängerin gestürzt war und sie schwer verletzt hatte. Laut Gericht hätte der Forstwart entlang des stark frequentierten Wegs jeden Baum einzeln kontrollieren oder den Zugang sperren müssen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; der betroffene Förster zieht es mit Unterstützung des Kantons Freiburg an das Bundesgericht weiter.
Im Baselbiet beschäftigte die Haftungsfrage die Politik bereits 2019. Damals wurde der Hardwald in Muttenz und Birsfelden nach zwei Trockenjahren für die Bevölkerung gesperrt. Der Regierungsrat kam zum Schluss, dass im Wald grundsätzlich die Eigenverantwortung gelte. Entlang stark frequentierter Wege oder bei Grillplätzen stünden Eigentümer jedoch stärker in der Pflicht, für die Sicherheit der Waldbesucher zu sorgen, so die Regierung.
Unabhängig von der rechtlichen Bewertung bleibt das Verletzungsrisiko bestehen – und zwar über den Sommer hinaus. «Die durch die aktuelle Trockenperiode ausgelösten Schäden treten jetzt und auch in den folgenden Jahren auf», sagt Lauber. Äste könnten jederzeit abbrechen und Bäume umstürzen, besonders bei Sommergewittern oder Herbststürmen. Aufmerksamkeit bleibt im Wald also der wichtigste Begleiter.


