«Nurse Practitioners» könnten Ärzte entlasten
07.03.2025 Baselbiet, Baselbiet, GesundheitDer Gelterkinder Hausarzt Christian Gürtler wirbt als Co-Präsident der Baselbieter Kinder- und Hausärzte für seinen Beruf. Es brauche mehrere Massnahmen, um die medizinische Grundversorgung zu garantieren. Unter anderem könnte die Politik Pflegepersonal mit ...
Der Gelterkinder Hausarzt Christian Gürtler wirbt als Co-Präsident der Baselbieter Kinder- und Hausärzte für seinen Beruf. Es brauche mehrere Massnahmen, um die medizinische Grundversorgung zu garantieren. Unter anderem könnte die Politik Pflegepersonal mit Zusatzausbildung zulassen.
Peter Sennhauser
Sie verursachten nur 8 Prozent der Kosten, könnten aber 94 Prozent der Fälle abschliessend behandeln: Mit diesem Statement wirbt der Verband der Haus- und Kinderärzte Schweiz (MFE) um mehr Nachwuchs. Dabei, meint der Gelterkinder Hausarzt Dr. Christian Gürtler, sei der Beruf attraktiv und abwechslungsreich: «Wir haben mit allen medizinischen Gegebenheiten zu tun. Vor allem aber haben wir mit Menschen zu tun, die wir in der Regel über längere Zeit begleiten.»
Nichtsdestotrotz sinkt die Zahl der Hausarztpraxen stetig. Wer als Zuzüger neu eine Hausärztin oder einen Hausarzt sucht, muss meist Dutzende Adressen abklappern, bis er bei jemandem aufgenommen wird. Ein «Ampel-System» in einem Online-Ärzteverzeichnis, das hätte aufzeigen sollen, wer noch Patienten aufnimmt (grün), habe sich sofort als untauglich erwiesen, sagt Gürtler: «Die Ampeln standen alle sofort auf rot.» Inzwischen ist auch die Politik alarmiert: Neben der Bürokratie, welche das Gesundheitswesen verteuert und kompliziert, ist auch der Hausärztemangel Thema im Landrat. Eine Interpellation des Münchensteiner SVP-Vertreters Stefan Meyer verlangt von der Regierung Auskunft zum Problem. Er weist darauf hin, dass von den 247 Allgemeinpraktikern im Baselbiet laut FMH-Statistik nicht weniger als 87 oder rund 35 Prozent 60 Jahre oder älter sind.
Christian Gürtler ist Co-Präsident der Baselbieter Sektion der MFE. Er sieht mehrere Wege aus der sich anbahnenden Versorgungskrise. Einer davon ist die Zulassung von «Advanced Nurse Practitioners», Pflegefachkräften mit Zusatzausbildung, die mehr Kompetenzen erhalten sollen. Beispielsweise in Altersheimen oder auch in der Rettungssanität könnten viele Einweisungen verhindert werden, wenn das geschulte Personal mehr Kompetenzen erhielte. In diese Richtung zielt auch Stefan Meyers Interpellation: Er will von der Regierung wissen, wie sie zum «Advanced Nurse Practitioner-Modell» steht, welches in Luzern und Bern derzeit getestet wird. Für Christian Gürtler ist die Kompetenzausweitung nur einer von mehreren Lösungswegen. Um den akuten Mangel langfristig zu bekämpfen, brauche es mehr.
40 Prozent aus dem Ausland
«Wir bilden zu wenig aus und beziehen zu viel Fachwissen aus dem Ausland», sagt er: 40 Prozent aller in der Schweiz tätigen Mediziner sind laut FMH-Statistik im Ausland ausgebildet worden. Der MFE fordert deshalb eine Aufstockung der Medizinstudienplätze von derzeit 1300 auf 1800 pro Jahr. «Dabei muss man wissen, dass gut ein Drittel der Studierenden selbst im Abschlussjahr noch einen Wechsel der Studienrichtung ins Auge fasst oder sogar aussteigt», sagt Gürtler.
Und wer das Studium durchzieht, schlägt meistens eine Spezialarztkarriere ein. So ist zu erklären, dass trotz zunehmender Ärztedichte (von 1,9 pro 1000 Einwohner vor 20 Jahren auf 2,4 im Jahr 2023) die Versorgung mit Hausärzten inzwischen unter 0,8 pro 1000 Einwohner liegt.
Der MFE will deshalb im Ausbildungsgang die Hausarztmedizin so weit stärken, dass sich mindestens 50 Prozent der Studierenden dafür entschieden. Denn der Bedarf an Allgemeinpraktikern übersteigt die Zahl der altersmässig ausscheidenden Ärzte und Ärztinnen: «Wir brauchen für jeden Hausarzt oder jede Hausärztin, die aufhört, zwei bis drei Nachfolger», sagt Christian Gürtler. Den jungen Medizinerinnen und Medizinern liege die Work-Life-Balance näher als 16-Stunden-Tage in der eigenen Praxis: «Weil sie heute länger für die Ausbildung brauchen, haben viele bereits früh Familie.» Ausserdem ist die Karriereplanung heute eine andere. Früher stammten viele Hausärzte aus Arztfamilien und hätten die Praxis mitsamt Patienten ganz natürlich übernommen.
Heute hingegen stelle es für Einsteiger oft eine zu grosse Verpflichtung dar, sich für die nächsten 20, 30 Jahre mit einer beträchtlichen Investition an eine Praxis zu binden. «Dazu kommt das unternehmerische Risiko, das viele nicht eingehen wollen. Lieber lassen sie sich anstellen», sagt Gürtler. Das Konzept von profitorientierten Ärztezentren mit angestellten Ärzten, die nach rein ökonomischen Gesichtspunkten geführt wurden, fand eine begrenzte Zahl Ärzte, die sich in den Beruf dreinreden lassen wollten.
Zeit und Verantwortung teilen
Damit schlägt die Stunde der Gemeinschaftspraxen, in denen sich ein Kollegium aus Ärztinnen und Ärzten Kosten, Arbeitszeit und bis zu einem gewissen Grad auch die Verantwortung teilen kann. Auch im Oberbaselbiet wächst die Zahl solcher Einrichtungen, allerdings nicht im gleichen Tempo, wie Praxen geschlossen werden.
Einen wichtigen Weg zur Wiederbelebung des Patienten «Hausarztpraxis» sieht Christian Gürtler in den Praktika für Mediziner bei den Hausärzten. Ein solches Programm bieten die beiden Basel im Rahmen der Hausarztförderung an. «Derzeit finanziert der Kanton ungefähr sechs Assistenzarztstellen bei Hausärzten vollständig. Diese Zahl sollte man mindestens verdoppeln.» Letztlich sei es eine Frage der Werbung für den Beruf, die ihn am Leben erhalte: «Denn wenn den jungen Leuten, die als Assistentin oder Assistent bei mir mitarbeiten, der Job gefällt, dann bleiben sie auch», ist Gürtler überzeugt.
Notfall ist nicht gleich Notfall
sep. Die Zeiten, als der Hausarzt praktisch rund um die Uhr verfügbar sein musste und auch einmal morgens um drei Uhr auf den abgelegenen Hof gerufen wurde, sind weitgehend vorbei. Zum einen leisten die Hausärzte den früheren Notfalldienst heute in einem gut organisierten System vor Ort im Kantonsspital Baselland, wo sie mit ihrer Präsenz einerseits die 24-Stunden-Notfall-Infrastruktur des Spitals entlasten, umgekehrt aber jederzeit auf diese zugreifen können.
Für Hilfe vor Ort steht den Patientinnen und Patienten in lebensbedrohlichen Notfällen der Notruf 144 zur Verfügung, der in der Regel einen Rettungswagen mit Sanitätern losschickt; bei offensichtlich nicht lebensbedrohlichen Fällen ist die Medizinische Notfallzentrale MFZ die beste Anlaufstelle. Sie ist in der Region Basel unter 061 261 15 15 erreichbar. Nach einer Lagebeurteilung bietet sie den passenden Dienst auf: Das können eben neben den Rettungssanitätern beispielsweise auch die Mobilen Ärzte sein, allenfalls aber auch die Nacht-Spitex.
Christian Gürtler (siehe Hauptartikel) sieht vor allem in diesem Dienst, an dessen Einrichtung im Bezirk Sissach gearbeitet werde, eine wichtige Ergänzung des gesamten Systems: Pflegenotfälle wie herausgefallene Katheter oder andere, von geschultem Personal behebbare Missgeschicke oder kleine Unfälle könnten so von einem Dienst übernommen werden, der dafür bestens gerüstet ist.


