«Müssen über die Bücher»
20.08.2026 Baselbiet, Natur, Gemeinden, Politik, BaselbietRegierungspräsident Thomi Jourdan über die Folgen des Hitzesommers
Gesundheit, Landwirtschaft und Wald leiden unter dem Hitzesommer. Regierungsrat Thomi Jourdan sieht das Baselbiet besser vorbereitet als bei früheren Extremereignissen – hält die bisherigen Massnahmen angesichts des ...
Regierungspräsident Thomi Jourdan über die Folgen des Hitzesommers
Gesundheit, Landwirtschaft und Wald leiden unter dem Hitzesommer. Regierungsrat Thomi Jourdan sieht das Baselbiet besser vorbereitet als bei früheren Extremereignissen – hält die bisherigen Massnahmen angesichts des Klimawandels aber für ungenügend.
Janis Erne
■ Herr Jourdan, wie haben Sie persönlich diesen Hitzesommer erlebt?
Thomi Jourdan: Die Situation beschäftigt mich sehr und macht mich persönlich betroffen. Wir erleben die Folgen des Klimawandels in aller Deutlichkeit, und uns wird bewusst, dass vieles von dem, was wir gestern als selbstverständlich genommen haben, morgen infrage gestellt sein kann. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten, damit dieser Planet auch für unsere Kinder eine lebenswerte Umgebung bleibt. Die aussergewöhnlich hohen Temperaturen und die andauernde Trockenheit fordern uns alle. Ich denke dabei an die Auswirkungen auf unser Trinkwasser, an die besonderen Herausforderungen für kranke und ältere Menschen, an die Sorgen der Landwirtinnen und Landwirte sowie an die Belastung, der unser Wald aber auch die Wildtiere und Fische ausgesetzt sind. In den vergangenen Jahren haben wir in vielen Bereichen wichtige Grundlagen erarbeitet, von denen wir in diesem Sommer profitieren können. Klar ist aber auch: Nach diesem extremen Sommer müssen wir nochmals über die Bücher.
■ Gesundheit, Landwirtschaft und Wald gehören zu Ihren Zuständigkeiten und sind besonders von Hitze und Trockenheit betroffen. Wie beschäftigt waren Sie während der Sommerferien?
Die Lage ist dynamisch. Was Ende Juni noch eine herausfordernde Situation war, entwickelte sich im Verlauf des Julis zu einer eigentlichen Krise. Der Regierungsrat aktivierte bereits Ende Juni den Kantonalen Führungsstab. Seither arbeiten alle betroffenen Dienststellen des Kantons integral an der Bewältigung dieser aussergewöhnlichen Situation, die uns trotz Regen noch lange beschäftigen wird.
■ Hitzetage treffen ältere und kranke Menschen besonders stark.
Reichen Verhaltensempfehlungen aus oder braucht das Baselbiet künftig einen Hitzeschutzplan? Als Massnahme wird etwa gefordert, gefährdete Personen präventiv zu kontaktieren oder zu besuchen.
Der Kanton verfügt seit 2020 über einen Statusbericht Klima, der Ausgangspunkt verschiedener bereits getroffener Massnahmen war. Ich denke hier an die Ressourcenprojekte «SlowWater» oder Humusaufbau im Bereich Landwirtschaft, das Programm Wald im Klimawandel, den Hitzeplan des Kantonsarztes und weiteres mehr. Es zeigt sich aber, dass die bisherigen Massnahmen für die Zukunft nicht ausreichen werden. Für die von Ihnen beschriebene Idee, gefährdete Personen präventiv zu begleiten, liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, den wir nächstes Jahr umsetzen könnten, sofern alle Beteiligten mitmachen. Klar ist: Erfahrungen aus anderen Kantonen belegen die direkte Wirkung dieser Massnahme.
■ Braucht es künftig Standards für Gesundheitseinrichtungen wie Pflegeheime oder Spitäler, beispielsweise bezüglich Kühlung?
Der Kantonsärztliche Dienst steht im Austausch mit den betroffenen Institutionen, um die Lage einschätzen zu können. Die Situation ist für die pflegebedürftigen Menschen, aber auch für das Personal sehr herausfordernd. Ich habe grossen Respekt vor den Leistungen, welche die Mitarbeitenden in der Spitex, den Pflegeheimen und Spitälern erbringen. Wir stellen fest, dass die Institutionen bereits heute kompetent mit den Herausforderungen umgehen und wirksame Massnahmen ergriffen haben. Darauf können wir aufbauen.
■ Sollte der Kanton systematisch erfassen, wie viele Notfälle, Hospitalisationen oder Todesfälle tatsächlich mit Hitze zusammenhängen, damit sich das Ausmass und die Wirkung von Schutzmassnahmen besser beurteilen lassen?
Eine fundierte Datenlage hilft in jedem Fall, Massnahmen zu beurteilen und Entscheide zu fällen. Der Kantonsärztliche Dienst steht auch deswegen im Kontakt mit den Gesundheitsinstitutionen.
■ Das Ebenrain-Zentrum zahlt diesen Sommer Direktzahlungen an Landwirte aus, auch wenn diese aufgrund des Extremwetters nicht alle Vorgaben hinsichtlich Tierwohl und Naturschutz erfüllen können.
Ist dieses Vorgehen auch für künftige Hitzesommer sinnvoll oder braucht es grundsätzlich Anpassungen bei den Vorgaben?
Dieses Jahr ist aussergewöhnlich, und aussergewöhnliche Situationen erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Zusammen mit dem Bundesamt für Landwirtschaft haben wir verschiedene Massnahmen zur Entlastung der Landwirtschaftsbetriebe ergriffen. Dazu gehört bei den Direktzahlungen selbstverständlich auch, dass wir auf jene Vorgaben verzichten, die aufgrund der grossen Trockenheit nicht eingehalten werden können. Dieser Sommer macht allen deutlich, dass wir auf die Folgen des Klimawandels vielerorts noch besser vorbereitet sein müssen. Wir werden künftig vermehrt Extremsituationen erleben. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns zusammen mit allen Beteiligten – aber auch im Austausch mit Bund und Gemeinden – für die Zukunft noch besser rüsten.
■ Viele Landwirte schätzen die unkomplizierte Hilfe von Bund und Kanton, etwa durch zinslose Darlehen bei Zahlungsschwierigkeiten. Gleichzeitig sagen sie, dass kaum zusätzliches Tierfutter auf dem Markt erhältlich ist. Wären regionale Futterreserven eine Möglichkeit?
Die Gesamtsituation ist für die Landwirtinnen und Landwirte eine grosse psychische und finanzielle Belastung. Die Futtersituation trägt wesentlich dazu bei. Das Problem ist schlicht, dass kein Futter verfügbar ist. Der Aufbau ausreichender Futterreserven wird künftig wichtiger. Grundsätzlich ist man sich einig: Die Sicherstellung solcher Reserven muss primär eine Aufgabe der Futterbranche bleiben – eine Aufgabe, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird.
■ Wegen der Trockenheit warnen Waldeigentümer vor abbrechenden Ästen und umstürzenden Bäumen. Teilweise wurden beliebte Orte wie Waldspielplätze gesperrt. Einige Waldeigentümer, etwa Bürgergemeinden, fühlen sich mit der Verantwortung alleingelassen. Muss der Kanton künftig stärker eingreifen und klarere Vorgaben machen?
Die Zuständigkeiten im Bereich Sperrungen sind grundsätzlich klar geregelt: Die gesetzliche Verantwortung liegt bei den Werkeigentümern und den Einwohnergemeinden. Der Kanton unterstützt beratend. Aus der Erfahrung der Trockenheitsereignisse von 2018 hat der Kanton gemeinsam mit den Waldeigentümern und den Forstbetrieben ein Waldschadenhandbuch erarbeitet, das die Aufgaben und Verantwortlichkeiten aller Beteiligten bei Waldschäden wie Trockenheit umschreibt. Auch hier gilt es nun, gemeinsam mit den Waldeigentümern, Forstbetrieben und Gemeinden, die Erfahrungen dieses Hitzesommers auszuwerten und bei Bedarf Anpassungen vorzunehmen.
■ Das Amt für Wald hat keinen vollständigen Überblick darüber, welche Massnahmen die einzelnen Waldeigentümer aufgrund der aktuellen Situation ergriffen haben. Welche Schlüsse ziehen Sie aus diesem Hitzesommer hinsichtlich der Zusammenarbeit und des Informationsaustauschs zwischen Kanton und Waldeigentümern?
Die Situation ist für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung und erfordert aktuell flexible Massnahmen. Gleichzeitig pflegen wir einen intensiven Austausch mit den Waldeigentümern und Betrieben. Über die langfristige Bewältigung der Folgen des Klimawandels im Wald hinaus werden wir auch bei der Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren die nötigen Lehren aus diesem Sommer ziehen.
■ Muss der Umbau hin zu einem klimaresistenteren Baselbieter Wald schneller vorangetrieben werden?
Der Kanton hat bereits 2020 mit dem Programm «Wald im Klimawandel» Massnahmen für den Umbau hin zu einem klimaresilienteren Wald ergriffen. 2024 wurden diese Beiträge erneuert und um fast 50 Prozent auf insgesamt 6,52 Millionen Franken für die Jahre 2025 bis 2028 erhöht. Im Zentrum stehen dabei zukunftsfähige Baumarten, um widerstandsfähige, artenreiche Waldbestände zu erhalten. Künftig wird es darum gehen, den Umbau zu einem klimaresilienten Wald zu beschleunigen – damit dieser seine vielfältigen Leistungen, etwa für die Trinkwasserversorgung, auch weiterhin erbringen kann. Ein besonderes Augenmerk wird auch dem Schutzwald gelten müssen.
■ Die Trockenheit hat enorme Auswirkungen auf Landwirtschaft und Wald. Gleichzeitig will der Gesamtregierungsrat beim Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung sowie beim Amt für Wald sparen. Ist das nach diesem Hitzesommer noch angebracht?
Die Einsparungen bei den beiden Dienststellen betreffen aktuell keine Projekte oder Massnahmen im Zusammenhang mit Hitze, Trockenheit oder Klimawandel, sondern die Gemüsevermittlung, die Tierzucht und -vermarktung sowie Einsparungen innerhalb der Verwaltung beider Dienststellen – etwa durch den Abbau von Doppelspurigkeiten. Ob neue Massnahmen aus den Ressourcenprojekten «SlowWater» und Humusaufbau über die aktuelle Projektdauer hinaus lanciert werden können, entscheidet sich nach Vorliegen der jeweiligen Wirkungsanalysen.


