Heimat für alle
23.01.2026 Gesellschaft, SissachGespräch über Tradition und Moderne im «Cheesmeyer»
vs. Heimat ist eine Form der Geborgenheit. Sie entsteht über ein soziales Miteinander. In der Cheesmeyer-Gesprächsreihe «Heimat für alle» diskutiert Ueli Mäder mit ...
Gespräch über Tradition und Moderne im «Cheesmeyer»
vs. Heimat ist eine Form der Geborgenheit. Sie entsteht über ein soziales Miteinander. In der Cheesmeyer-Gesprächsreihe «Heimat für alle» diskutiert Ueli Mäder mit Gästen über das, was ihnen Heimat bedeutet. Am Donnerstag, 29. Januar, nehmen der Sissacher Gemeinderat Robert Bösiger und der Unternehmer Guido Fluri teil, der sich für ehemalige Verdingkinder engagiert. Dabei interessiert auch, wie die beiden den Wandel von der Tradition zur Moderne wahrnehmen.
«Ich habe den Grossteil meines Lebens in Sissach gelebt», erklärt der Publizist Robert Bösiger. Sissach sei seine Heimat. Dazu gehöre das Zusammensein mit seinen Liebsten und befreundeten Menschen. Im weiteren Rahmen fühle er sich auch im Baselbiet, im Emmentaler Trub und der Schweiz beheimatet. In Sissach werde Heimat gepflegt, nimmt der langjährige Gemeinderat wahr. Doch Traditionen benötigten auch Organisation und Institutionen. Wie etwa die Bürgergemeinde, das Heimatmuseum, die Kulturkommission und viele Freiwillige, die Bräuche pflegten. Zudem sorge die bald 150-jährige Lokalzeitung «Volksstimme» mit dafür, dass Heimat lebendig bleibe.
Den Banntag kennt Bösiger von klein auf: «Vater hat uns jeweils mitgenommen. Später haben wir unsere Kinder mitgenommen.» Die Trachtengruppe und andere kulturelle Einrichtungen lernte er später schätzen. Alphorn spielt er, unfallbedingt, erst seit drei Jahren anstelle von Saxofon, Klarinette und Gitarre.
Für die Zukunft wünscht sich Bösiger einen ehrlichen Umgang mit Heimat, keinen Geld getriebenen, wie das andernorts teils der Fall sei. Wichtig ist ihm, «dass alle, die Sissach als ihre Heimat bezeichnen, hier auch etwas dafür tun». Es genüge nicht, am «Goldhügel» zu wohnen, Steuern zu zahlen und sich vornehmlich mit dem Auto im Dorf zu zeigen, ohne je an eine Gemeindeversammlung zu kommen.
Guido Fluri setzt sich, einst selbst fremd platziert, für ehemalige Verdingkinder ein. Er ist Urheber der Wiedergutmachungs-Initiative. Für ihn ist «Heimat kein Punkt auf der Landkarte», sondern «ein Ort der Geborgenheit, dort, wo ein Mensch sein Leben aufbauen und gestalten kann». Sein Verständnis habe sich mit der Zeit verändert. «Nicht der Geburtsort ist entscheidend, sondern Menschen, die da sind und einen tragen.» Wer in schwierigen Verhältnissen aufwachse, merke schnell, wie wichtig so eine Heimat sei.
Vielen ehemaligen Verdingkindern wurde ihre Heimat genommen, so Fluri, «indem man sie ihren Familien entrissen, auf Höfen fremdplatziert und ausgebeutet hat». Ein Urvertrauen hätten diese Kinder so nie entwickeln können. Und im Alter müssten sie nun die eigene Geschichte aushalten, darüber sprechen können und neuen Halt finden. Das brauche viel Mut und Kraft. Zudem Verständnis und Unterstützung vom Umfeld, «also von uns allen».
Heimatpflege wird laut Fluri «oft nostalgisch oder rein konservierend verstanden, als Bewahren von Orten, Bräuchen oder Grenzen». Für ihn greife das zu kurz. Heimatpflege sollte vor allem den Menschen dienen. «Heimat ist dann stimmig, wenn sie Sicherheit gibt und Menschen stärkt, damit sie ihr Leben gestalten können.» Die Schweizer Heimat, wie er sie heute erfahre, erfülle das mehrheitlich, und dafür sei er dankbar. In der Moderne bräuchten wir heute einen offenen Heimatbegriff, der niemanden ausschliesse. Heimat entstehe, «wo Kinder ohne Gewalt aufwachsen können». Das gebe ihnen Rückgrat fürs ganze Leben. Heimat sei mehr als Vergangenheit; nämlich «Beziehung und Verantwortung». Wer Heimat erlebe, könne sie weitergeben – «besonders an jene, denen sie genommen wurde».
Die Reihe «Heimat für alle» umfasst monatliche Gespräche bis Ende dieses Jahres; am 28. Mai mit der «Volksstimme»-Kolumnistin und Sportjournalistin Seraina Degen.
Gesprächsreihe «Heimat für alle», mit den Gästen Robert Bösiger und Guido Fluri, Musik mit Deborah Regez, Moderation Ueli Mäder, Donnerstag, 29. Januar, 19.30 bis 21.00 Uhr, Cheesmeyer, Sissach.

