Ernten, weiden und vom Weg abkommen
29.08.2025 Gesellschaft, BaselbietChrista Dettwiler
So, der Mais ist nun auch unter Dach und Fach. Wir haben Kolben um Kolben ausgepackt, aufgefädelt und in der Bodega unters Dach gehängt. Was wir nicht bedacht haben: Die lokalen Mäuse können seiltanzen. Also – Kolben wieder ...
Christa Dettwiler
So, der Mais ist nun auch unter Dach und Fach. Wir haben Kolben um Kolben ausgepackt, aufgefädelt und in der Bodega unters Dach gehängt. Was wir nicht bedacht haben: Die lokalen Mäuse können seiltanzen. Also – Kolben wieder abnehmen, raffeln und einfrieren. Die Ernte vom später gepflanzten Feld hängt jetzt im Haus. Das ist, den Katzen sei Dank, die totale Todeszone. Immerhin haben wir mit den angenagten Kolben unsere beiden Schweine und das Dutzend Hühner beglücken können.
Die Maisstängel, gemischt mit Haferstroh und Heu, haben wir in Plastiksäcke gestopft und luftdicht in Tonnen verpackt. Dort soll das Grünzeug zu Silage vergären. Darauf können sich unsere Kühe freuen, die den Winter im Bergwald verbringen. Dort finden sie so viel Colihue, wie sie zu fressen vermögen, Bergmatten, Bächlein und junge Bäumchen als Snack zwischendurch. Für uns heisst das, alle paar Tage hinaufsteigen, um nach den Kühen zu sehen. Wir haben uns zu echten Fährtenlesern entwickelt, und in der Regel finden wir sie auch irgendwo im weitläufigen Gelände.
Allerdings nicht immer. Wie letzthin, als Johnny allein hochstieg und im dichten Nebel und Dauerregen den Heimweg nicht mehr fand. Es ist ganz einfach, sich im Wald zu verirren, wenn man keinen Horizont und keinen Sonnenstand ausmachen kann. Es gibt zwar eine ganze Menge alter Pfade, aber die enden nicht selten im Nichts. Yvonne und ich waren, gelinde gesagt, beunruhigt, als Johnny nach fünf Stunden immer noch nicht auftauchte. Das Telefon hatte er zu Hause gelassen. Und ihn zu suchen war keine Option, weil wir uns oben am Berg schlechter auskennen als er.
Johnny fand den Heimweg dann doch noch, völlig durchnässt und sichtlich erschöpft. Die Schilderung seines Abenteuers liess nur einen Schluss zu: Glück gehabt, grosses Glück. Er sei einem Bach gefolgt, durch eine Schlucht. Aber eben nicht dem Bach, der zum Haus führt ... Laut unserem Nachbarn Don Chelo passiert das nicht nur Gringos. Immer wieder kommt es vor, dass sich selbst Einheimische in den dichten Wäldern verlieren. Und wo soll man überhaupt mit Suchen beginnen? Es gibt so viele Schluchten und mit Colihue überwachsene Stellen, die keine Sicht auf den Boden zulassen, so dass man im wahrsten Sinn den Boden unter den Füssen verliert, ohne es zu merken.
Er hätte sich am liebsten einfach irgendwo hingesetzt, berichtete Johnny, und auf besseres Wetter gewartet. Doch es wurde langsam dunkel, und der Gedanke an seinen «Chnöpperli» habe ihm immer wieder neuen Schub verliehen. Jedenfalls steht er jetzt unter der Order, nie mehr ohne Telefon allein auf den Berg zu steigen.
Zum Glück hatte Yvonne an eben diesem Nachmittag einen grossen Zopf gebacken. Als Johnny damit fertig war, blieben bloss noch Krümel. Wir haben ihn ihm von Herzen gegönnt.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.