Ein Herz für arme Leute
11.09.2025 Bezirk Sissach, Baselbiet, Gemeinden, SissachDie Mitglieder des Sissacher Vereins Nikodemus waren bereits rund 130 Mal in Rumänien, um armen Menschen zu helfen. Ein Ende der Hilfsaktionen ist nicht in Sicht. Denn Armut und Ungleichheit sind nach wie vor grosse Probleme im osteuropäischen Land.
Janis ...
Die Mitglieder des Sissacher Vereins Nikodemus waren bereits rund 130 Mal in Rumänien, um armen Menschen zu helfen. Ein Ende der Hilfsaktionen ist nicht in Sicht. Denn Armut und Ungleichheit sind nach wie vor grosse Probleme im osteuropäischen Land.
Janis Erne
Ein Holztisch, eine Kaffeemaschine und ein kleiner Kühlschrank mit Getränken: Daniel Löffel (66) empfängt uns im schlichten, aber gemütlichen Znüni-Raum der Brockenstube am Bahnhof Sissach. Noch wenige Stunden zuvor war er in Rumänien im Einsatz und half, ein neues Lager für Hilfsgüter einzurichten. «Das Alters- und Pflegeheim Frenkenbündten hat uns 160 Spinde gespendet, die wir nun der Grösse nach sortieren, damit sie für die Weitergabe bereit sind», erklärt Löffel. Bald dürften die Spinde in einer rumänischen Schule, einer Psychiatrie oder einem Spital stehen.
Es sind solche Aktionen, die Löffel und sein Team der Hilfsorganisation Nikodemus seit 35 Jahren durchführen – zugunsten armer Menschen im Nordosten Rumäniens, an der Grenze zur Ukraine und zu Moldawien. Angefangen hat alles im Winter 1989, nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu, der das Land heruntergewirtschaftet hatte. Die Bilder frierender und hungernder Kinder, die über die Bildschirme in den Schweizer Stuben flimmerten, gingen Löffel so nahe, dass der damals 30-Jährige kurzerhand eine Spendensammlung ins Leben rief und erstmals nach Rumänien fuhr.
In der «Volksstimme» erschienen daraufhin regelmässig Berichte über seine Hilfsaktionen. Gesucht wurden Nahrungsmittel, Kleider, Medikamente, Schulbücher, Büromaterialien – und vieles mehr. Denn in den frühen 1990er-Jahren mangelte es in Rumänien so ziemlich an allem, wie die «Volksstimme» damals schrieb: «In Rumänien gibt es nichts zu kaufen, auch nicht mit Geld.» Die jahrzehntelange kommunistische Planwirtschaft Ceausescus hatte ihren Tribut gefordert.
Grosse Ungleichheit
Heute sind die Supermarktregale in Rumänien längst wieder gefüllt – doch vor allem in den ländlichen Gebieten ist die Armut geblieben. «Die Schere ist enorm, es gibt sehr reiche Leute, aber auch solche, die kaum über die Runden kommen oder tagtäglich ums Überleben kämpfen müssen», sagt Sabina Gagliardo (57), die Partnerin von Daniel Löffel, die sich mittlerweile zu uns gesellt hat.
Sie zeigt Fotos von alten Menschen, die völlig auf sich allein gestellt sind und ihre vier Wände – häufig ist es tatsächlich nur ein einziges Zimmer – nicht mehr verlassen können. Gibt es keine Verwandten, Freunde oder Nachbarn, die nach ihnen schauen, sind sie ihrem Schicksal überlassen, denn der Staat kümmert sich nicht um sie. Spitex-ähnliche Organisationen existieren kaum. So leben etwa 35 Prozent der Seniorinnen und Senioren in Rumänien in Armut.
Die Schicksale der alten Menschen gehen Gagliardo und Löffel auch nach etwa 130 Reisen jedes Mal aufs Neue nahe. Da ist die 90-jährige Frau, die sich nicht mehr bewegen kann und niemanden zum Trauern hat, seit ihr Sohn gestorben ist. Oder der blinde Senior, der zwar eine Heizung hat, aber zu schwach ist, um Holz zu holen – und weil ihm niemand hilft, bleibt das Haus im Winter eiskalt.
Strategiewechsel
Vor fünf Jahren hat der Nikodemus-Verein entschieden, nicht mehr Kleidersammlungen für ganze Dörfer zu organisieren, sondern gezielt alleinstehende Personen und Familien zu unterstützen. Die Helferinnen und Helfer ziehen dabei von Tür zu Tür und schauen, was die Menschen am dringendsten benötigen. Das kann zum Beispiel ein Bett, ein Lebensmittelpaket oder Brennholz sein. Die meisten Güter werden vor Ort eingekauft. Darüber hinaus unterstützt Nikodemus soziale und gesundheitliche Einrichtungen wie Psychiatrien, Spitäler, Schulen oder Kindergärten.
Im Hinblick auf das 35-Jahre-Fest, das am Freitag und Samstag gefeiert wird, hat Sabina Gagliardo eindrückliche Zahlen zusammengestellt. Sie verdeutlichen das grosse Engagement, das die 4 Vorstandsmitglieder, 15 Helferinnen und Helfer sowie die Mittelsmänner vor Ort leisten. So profitierten bisher mehr als 200 000 Menschen von den Hilfsaktionen der Sissacher Organisation.
Ein Ende der Hilfeleistung ist nicht in Sicht. Denn obwohl Rumänien seit 2007 Teil der EU ist und Milliarden an Entwicklungsgeldern erhalten hat, bleiben Korruption, Eigeninteressen und Misswirtschaft grosse Probleme. «Es ist leider normal, dass ein Teil der staatlichen Entwicklungsgelder abfliesst», sagt Daniel Löffel. Die Tricks seien bekannt. So würden etwa gewisse Strassen nur oberflächlich erneuert, obwohl auch ein Untergrundbelag verrechnet wird.
Solche Dinge lassen ihn zwar nicht kalt, doch Löffel grenzt sich mit seiner Hilfsorganisation bewusst von der Politik ab – ebenso von der Kirche, die in Rumänien eine wichtige Stellung hat. «Wir wollen allen Menschen helfen, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Herkunft», betont der Oberbaselbieter.
«Sie haben kaum eine Chance»
Zu tun gibt es noch einiges. Löffel und Gagliardo sehen das auf jeder Reise – etwa, wenn ein BMW einen Pferdekarren überholt oder neben der heruntergekommenen Hütte eine moderne Villa steht. Ein Problem für viele alte Menschen ist, dass ihre Kinder irgendwo sonst in Europa leben, wo sie Arbeit gefunden haben. Für die Jungen gibt es im Nordosten Rumäniens nur wenig Perspektiven. «Sie haben kaum eine Chance, aus der Armut herauszukommen», sagt Gagliardo. Es fehlt an Bildung und an Möglichkeiten, einen Beruf zu lernen. Gelegenheitsjobs sind oft die einzige Option.
Das Nikodemus-Team arbeitet seit vielen Jahren mit Rumänen zusammen, die ihr Land voranbringen möchten. Dank ihrer Orts- und Sprachkenntnisse leisten sie wertvolle Hilfe. Kürzlich hat sich Gabi, ein junger Familienvater, ebenfalls bereit erklärt, bei den Hilfsaktionen mitzumachen. «Ein Glücksfall für uns», so Daniel Löffel. Er sieht darin die Bestätigung für die langjährige Arbeit des Vereins.
Eines ist klar: Daniel Löffel und Sabina Gagliardo möchten so lange wie möglich weitermachen. Für ihre gemeinnützige Arbeit investieren sie viel Freizeit – der Lohn ist die Dankbarkeit der Menschen. «Was man gibt, bekommt man zurück», sagt Gagliardo. «Jeder Tropfen hilft. Das Schlimmste ist es, nichts zu machen», ergänzt Löffel. An Weihnachten wollen sie erneut nach Rumänien reisen.
«35 Jahre Nikodemus Rumänienhilfe».
Freitag, 12. September, 19.30 Uhr,
Jubiläumsfilm in der reformierten Kirche
Sissach, Eintritt frei;
Samstag, 13. September, ab 10 Uhr,
Kaffee und Kuchen sowie ab Mittag grillieren in der Brockenstube am
Bahnhof Sissach.
Ein Land muss sparen
je. Mit rund 19 Millionen Einwohnern ist Rumänien das sechstgrösste Land der 27 EU-Mitgliedstaaten. Flächenmässig belegt es Rang acht und ist etwa sechsmal so gross wie die Schweiz.
Politisch ist in Rumänien derzeit einiges in Bewegung: Angesichts der rekordhohen Verschuldung des Landes hat die Regierung umfassende Reformen beschlossen, die Staat und Bevölkerung gleichermassen betreffen. In den vergangenen Wochen kam es gegen die Sparmassnahmen beinahe täglich zu Demonstrationen und Protestaktionen, an denen sich unter anderem Lehrkräfte und Richter mit besonderer Vehemenz beteiligten.



