«Die Trauernden teilen etwas miteinander»
16.01.2026 Persönlich, GelterkindenDas Trauercafé in Gelterkinden lädt einmal im Monat dazu ein, dem Thema «Abschied und Trauer» Raum und Zeit zu geben. Katja Maier erklärt, worum es bei diesem Angebot der Reformierten Kirchgemeinde geht.
Brigitte Keller
Frau Maier, ...
Das Trauercafé in Gelterkinden lädt einmal im Monat dazu ein, dem Thema «Abschied und Trauer» Raum und Zeit zu geben. Katja Maier erklärt, worum es bei diesem Angebot der Reformierten Kirchgemeinde geht.
Brigitte Keller
Frau Maier, wie ist das Trauercafé in Gelterkinden entstanden?
War es Ihre Idee?
Katja Maier: Nein, das wäre nie von mir gekommen, denn bis vor ein paar Jahren hatte ich emotional recht Mühe mit dem Thema und ging auch nur sehr ungern zu Beerdigungen. Wenn Leute traurig waren, hat mich das sehr mitgenommen. Ich musste lernen, mich selber abzugrenzen und zu sagen, ich habe meine Trauer und andere haben ihre.
Dann waren Sie selber auch mit dem Thema konfrontiert?
Ja, ich habe zweimal in der Schwangerschaft ein Kind verloren. Leider gab es damals kein Angebot, welches mich in dem Verlust und meiner Trauer begleitet hätte. Das war einer der Gründe, dass ich irgendwann gefunden habe, jetzt muss ich mich mit meiner Trauer auseinandersetzen. Und etwa zur selben Zeit kam die Anfrage der Kirchgemeinde für den Aufbau des Trauercafés. Ich brauchte etwa ein Jahr Zeit, bis ich sagen konnte: «Doch, jetzt bin ich bereit.»
Wie haben Sie sich vorbereitet?
Im Studium Soziale Arbeit hatte ich das Modul «Tod, Trauer und Abschied» absolviert, damals noch ohne Pläne dazu. Diese Unterlagen dazu habe ich dann wieder hervorgeholt und gemerkt, dass ich ja bereits sehr viel über das Thema gelernt hatte. Zusätzlich habe ich mir viel Literatur zum Thema zu Herzen genommen und verschiedene Trauercafés in der Umgebung besucht. Im Sommer 2024 sind wir dann mit dem Angebot gestartet.
Wer kommt ins Trauercafé?
Es sind meistens acht bis zehn Personen. Ein Teil kommt jedes Mal oder jedes zweite Mal, andere kommen nur einmal. Es kommen auch Personen aus umliegenden Gemeinden. Wir sind offen für alle, die mit einem Verlust umgehen müssen. Trauer ist individuell – und wichtig.
Wie läuft so ein Nachmittag ab?
Etwa zehn Minuten vor Beginn öffne ich den Raum in unserem Unterrichtshäuschen, wo alles für Kaffee, Tee und Kuchen bereitsteht. Und natürlich Taschentücher. Ich begrüsse die Teilnehmenden und biete jedem das Du an. Ich finde es schön, diese Nähe zu haben und zu zeigen, dass man gegenseitig etwas preisgibt. Am Anfang sage ich gar nicht allzu viel, ich mache einzig auf die Regeln aufmerksam. Die wichtigste ist, dass alles, was im Raum besprochen wird, im Raum bleibt. Oder auch, dass man jederzeit den Raum verlassen darf oder nur so viel sagt, wie man mag. Es kam schon vor, dass jemand zwei Stunden schweigend dabeisass und das für sich gut empfunden hat. Auch das ist okay. Auch beim Zuhören kann man viel mitnehmen. Vielen fällt es beim ersten Besuch schwer, sich zu öffnen.
Wie geht es dann weiter?
Ich habe einen grossen Würfel mit sechs Symbolen, wie beispielsweise einer Gewitterwolke. Dieser wird in der Runde am Tisch herumgereicht und jede Person kann sich ein Symbol aussuchen und dazu einen kleinen Einblick in ihre momentane Situation geben, ohne zu sehr in die Tiefe gehen zu müssen. Zusätzlich kann für diejenige Person, die einem gerade sehr nahe ist, eine kleine Kerze angezündet werden. Man kann dabei den Namen der Person nennen, muss aber nicht. Für mich ist es wichtig, dass die Teilnehmenden nur so viel sagen, wie sie können, denn manchmal geht Reden einfach noch nicht.
Wie gehen Sie auf Menschen zu, die neu dazukommen?
Nach dem Anzünden der Kerzen frage ich nach, ob ich wissen darf, für wen die Kerze angezündet wurde. Damit ich mindestens den Namen weiss und um wen es geht. Wenn ich merke, dass ich weiterfragen darf, erkundige ich mich auch, wie viel Zeit seit dem Verlust vergangen ist, damit ich es für mich einordnen kann.
Ist es ein Unterschied, ob jemand einen Partner, einen Elternteil oder gar ein Kind verloren hat?
Verlust und Trauer sind für jeden individuell schlimm. Ich finde, man sollte es nicht gegeneinander abwägen. Wir alle haben unsere emotionalen Bindungen, die man von aussen nicht sieht.
Wie hilft das Trauercafé den Trauernden?
In unserer Gesellschaft ist Trauern etwas, das normalerweise in den eigenen vier Wänden stattfindet. Trauer ist jedoch ein Gefühl, wie Glück, wo es das Teilen braucht. Mit dem Trauercafé setzen wir ein Zeichen. Ja, wir trauern, und das ist gut und wichtig. Es ist wichtig, Gefühle zuzulassen und so viel darüber reden zu können, wie nötig. Wenn wir die Trauer wegsperren, holt sie uns später wieder ein. Auch die Gruppe fängt sehr gut auf, hier mal eine Hand auf der Schulter, da ein tröstender Blick. Die Anwesenden teilen etwas miteinander, obwohl sie sich ja zum Teil gar nicht kennen. Wir sind zusammen unterwegs und es ist ermutigend zu sehen, wie sich Dinge ändern und sich Leute ihren Alltag zurückerobern.
Wie kann man jemandem, der eine nahe Person verloren hat, im Alltag sonst noch helfen?
Möglichst keine Floskeln verwenden, sondern nach dem Befinden fragen, wenn die fragende Person echtes Interesse hat und auch wirklich da ist. Anstatt zu sagen: «Melde dich, wenn du etwas brauchst», sollte man lieber konkrete Hilfsangebote machen. Und dies nicht nur ganz zu Anfang, sondern auch über eine längere Zeit. Also beispielsweise jemanden einladen oder vielleicht einen Anlass gemeinsam besuchen oder anbieten, die Kinder einen Nachmittag zu hüten. Wir können so viel machen aus Nächstenliebe. Manchmal reicht es, einfach zuzuhören.
Zur Person
bke. Katja Maier (33) ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie hat Soziale Arbeit studiert und ist mit Anfang 20 in Frenkendorf zur kirchlichen Jugendarbeit gekommen. Sie hat weitere theologische Weiterbildungen absolviert und die ausserordentliche Anerkennung als Sozialdiakonin erlangt. Seit sechs Jahren ist sie in Gelterkinden tätig, wo sie vor drei Jahren begann, sich nach der Jugendarbeit verschiedenen Generationen zu widmen, unter anderem mit dem Trauercafé. Aktuell macht sie zudem mit ihrer Hündin, welche auch Teil des Trauercafés ist, die Ausbildung zum Therapiehunde-Team. Katja Maier ist Mutter von zwei Töchtern, sechs und sieben Jahre alt, und wohnt wieder in Bubendorf.

