Der Abriss frisst die Kunst
29.05.2026 ReigoldswilAuch Jakob Probsts Gipsskulpturen werden mit dem Ende des Gemeindezentrums zu Schutt
Seit Jahren stehen im Gemeindezentrum von Reigoldswil mehrere überlebensgrosse Gipsskulpturen des Bildhauers Jakob Probst. Anfang August wird das Gebäude abgerissen – und mit ihm verschwinden ...
Auch Jakob Probsts Gipsskulpturen werden mit dem Ende des Gemeindezentrums zu Schutt
Seit Jahren stehen im Gemeindezentrum von Reigoldswil mehrere überlebensgrosse Gipsskulpturen des Bildhauers Jakob Probst. Anfang August wird das Gebäude abgerissen – und mit ihm verschwinden auch die Skulpturen: Sie werden nach dem Willen der Probst-Enkelinnen zerstört.
Martin Stohler
Die Reigoldswiler Gipsskulpturen stammen aus dem Fundus an Probst-Werken, den der Architekt Max Schneider (1916–2010) im Jahr 1966 ins Baselbiet geholt hat. In den Wochen und Monaten nach dem Tod von Jakob Probst am 28. März 1966 gab es einen Einbruch in das Atelier des Bildhauers in der Nähe von Genf. Dabei sollen auch mutwillig Kunstwerke beschädigt oder zerstört worden sein. Daraufhin überführte Max Schneider kurz entschlossen die Atelierbestände ins Baselbiet. Ein Teil davon gelangte so als Leihgabe an Probsts Heimatgemeinde Reigoldswil. Jakob Probst verbrachte dort seine Kindheit und Jugendjahre. Später lebte und wirkte der bedeutende Schweizer Bildhauer in Paris, Basel, Genf und Vira Gambarogno am Lago Maggiore (siehe Box).
Für die überlebensgrossen Werke bot sich seinerzeit das Gemeindezentrum als Ausstellungs- und Aufbewahrungsort an. Dieses muss jetzt einer Überbauung weichen. Eine Sanierung des Baus aus den 1970er-Jahren wäre viel zu kostspielig geworden (die «Volksstimme» berichtete). Damit stand schon seit Längerem die Frage im Raum, was mit den Probst-Werken im Gemeindezentrum geschehen soll. Die Bagger fahren im August auf – es war somit allen klar, dass die Zeit drängt.
Entscheid bei Probst-Enkelinnen
Für Gemeindepräsident Fritz Sutter und Gemeindeverwalter Markus Dörflinger steht fest: Die Gemeinde Reigoldswil hat keinen Platz und keine Verwendung mehr für diese Leihgabe. Damit lag der Ball bei den Enkelinnen und Erbinnen von Jakob Probsts Nachlass, Giulietta Coates und Nikki Drinan Coates. Diese leben in Südfrankreich beziehungsweise in London.
Der Entscheid, wie es mit den Probst-Plastiken weitergehen soll, fiel nun vergangenen Dienstagnachmittag an einer Telefonkonferenz. An dieser waren neben den beiden Enkelinnen von Gemeindeseite Fritz Sutter und Markus Dörflinger beteiligt. Miteinbezogen waren auch Rémy Suter als Kurator des Reigoldswiler Museums «Im Feld» und Rolf Wirz, der eine umfassende Website über die Werke seines Grossonkels Jakob Probst betreibt.
Das Ergebnis dieser Telefonkonferenz lässt sich so zusammenfassen: Die Gipsplastiken sollen beim Abbruch des Gebäudes zerstört werden. Damit soll gewährleistet sein, dass es zu keinen weiteren unautorisierten Abgüssen von Probst-Plastiken kommt. Solche nicht autorisierten Abgüsse scheint es in der Vergangenheit nämlich gegeben zu haben, wie es an der Telefonkonferenz hiess. Dazu muss man wissen, dass Künstler in der Regel von ihren Werken höchstens drei Abgüsse herstellen lassen.
Sollten sich unter den Werken im Gemeindezentrum noch Modelle oder Entwürfe finden, dann sollen diese laut dem Willen der Enkelinnen erhalten bleiben. Das Gleiche gilt für Gipsplastiken, für die sich kein Abguss nachweisen lässt. Vereinbart wurde auch, dass das Reigoldswiler Museum «Im Feld» einen kleinen Gipskopf übernimmt; für grössere Werke hätte das Museum auch gar nicht über den nötigen Platz verfügt (siehe auch Seite 2).
Die beiden Enkelinnen werden der Gemeinde ihren Willen noch schriftlich mitteilen, aber im Prinzip ist die Sache seit der Telefonkonferenz vom Dienstag beschlossen.
Blick ins Gemeindezentrum
Bei einem anschliessenden Augenschein mit Rémy Suter und Rolf Wirz im inzwischen weitgehend leeren Gemeindezentrum liessen sich keine Modelle oder Plastiken, von denen es keine Abgüsse gibt, finden. Bei einigen der Gipsplastiken handelt es sich um bekannte Werke Probsts, so etwa «Der Schwörende» (Ebenrain, Sissach), «Kolumbus» (Wirtschaftsgymnasium, Basel) oder «Die Säerin» (Mohrhaldenanlage, Riehen). An einigen zeigten deutliche Spuren, dass sie einmal in einer Giesserei waren. Mehrere Skulpturen weisen auch Schäden auf. «Kolumbus» etwa fehlen die Arme. Das Bedauern darüber, dass diese Plastiken demnächst in die Grube fahren werden, hielt sich bei diesem Augenschein in Grenzen.
«Ikarus» bleibt
Nicht aus Reigoldswil verschwinden wird Probsts gegossene Plastik «Ikarus» vor dem Gemeindezentrum. Sie wird in der neuen Überbauung einen angemessenen Platz finden. Auch «Diana» bleibt Reigoldswil erhalten. Und wer den Weg zur Schule unter die Füsse nimmt, kann dort Davids Triumph über Goliath bewundern. Dieser «David» ist die letzte Grossfigur, die zu Lebzeiten Probsts gegossen wurde.
Ausgesucht hatte das Werk eine grosse Delegation der Gemeinde Reigoldswil zusammen mit Mitgliedern der staatlichen Kunstkreditkommission Baselland, die anlässlich von Probsts Geburtstag am 17. Juni 1964 zum Bildhauer in die Westschweiz gereist war.
Mehr zu Jakob Probst und Reigoldswil ist in einem Beitrag von Rémy Suter in den «Baselbieter Heimatblättern» 1/2026 nachzulesen. Die «Volksstimme» hat Probst am 27. März aus Anlass seines 60. Todestags eine Doppelseite gewidmet. Am 14. August findet in Reigoldswil eine Führung mit Rémy Suter auf Jakob Probsts Spuren statt (19 Uhr, Dorfplatz).
Jakob Probst
vs. Jakob Probst wurde 1880 in Reigoldswil geboren und zählt zu den bedeutenden Schweizer Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Nach einer Zimmermannslehre besuchte er die Bauschule in München; in Paris fand er bei Antoine Bourdelle zur Bildhauerei. Ab 1913 arbeitete Probst in Basel, später lebte er bei Genf und in Vira Gambarogno am Lago Maggiore. Bekannt wurde er mit monumentalen Figuren, Reliefs und Plastiken in Stein, Bronze und Gips. Zu seinen Werken gehören die Reliefs am Bahnhof Cornavin in Genf, das Wehrmannsdenkmal in Liestal, «Kolumbus» in Basel, «Der Schwörende» in Sissach oder «Ikarus» in Reigoldswil. 1952 nahm Probst an der Biennale in Venedig teil, 1964 verlieh ihm Reigoldswil das Ehrenbürgerrecht. Er starb am 28. März 1966 in Vira. Seine Urne wurde auf seinen Wunsch in einer Nische des Wehrmannsdenkmals in Liestal beigesetzt.






