«Das Baselbiet trägt mich»
06.03.2026 BubendorfHeute erscheint die erste «Volksstimme-»Kolumne von Rebekka Salm
Rebekka Salm ist Schriftstellerin und in Bubendorf aufgewachsen. Seit zwölf Jahren lebt sie in Olten, aber ihr Herz schlägt noch immer für das Fünflibertal. Heute erscheint ihre erste Kolumne in ...
Heute erscheint die erste «Volksstimme-»Kolumne von Rebekka Salm
Rebekka Salm ist Schriftstellerin und in Bubendorf aufgewachsen. Seit zwölf Jahren lebt sie in Olten, aber ihr Herz schlägt noch immer für das Fünflibertal. Heute erscheint ihre erste Kolumne in der «Volksstimme».
Melanie Frei
Eigentlich wollte Rebekka Salm nie nach Olten. Sie lacht, wenn sie das sagt. So ein kleines, wissendes Lachen, das verrät, dass sie sich mit dieser Wendung ihres Lebens längst abgefunden hat. Damals arbeitete sie in der Erwachsenenbildung der Zürcher Asyl-Organisation, ihr Partner in Basel, und dann «landet man halt irgendwann in der Mitte», sagt Salm. Inzwischen ist Olten ihr Zuhause geworden, und das nicht nur der Umstände wegen. Eine Tochter, die dort aufgewachsen ist, Freundinnen, die sie wirklich kennen, ein Netzwerk, das trägt: All das hält sie in Olten.
Salm beschreibt sich selbst als introvertiert. Neue Menschen kennenzulernen koste sie Energie. Umso mehr schätzt sie, was gewachsen ist. In Bubendorf, wo die Schriftstellerin aufgewachsen ist, war sie früher im Musikverein, mittendrin im Dorfleben. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit hat sie in Olten wiedergefunden. «Eigentlich gehe ich immer an die gleichen drei, vier Orte», sagt sie. «Ich glaube, dass ‹Heimat› genau das meint: Zwei, drei Orte und Menschen, zu denen man immer und immer wieder geht, weil sie einem guttun. Die habe ich in Olten gefunden.»
Einfach war der Start aber nicht. «Ich war gerade Mutter geworden, sass zu Hause und kannte niemanden.» Der Oltner Winter mit dem bekannten Nebel habe ihr das Einfinden nicht leichter gemacht, hatte sie doch zuvor im sonnigen Basel gelebt. Dass sie sich überhaupt ein soziales Netz aufbauen konnte, verdankt sie anfangs vor allem Kita und Hort. Und einem gewissen Christian Meier, dem Besitzer des Buchladens Klosterberg, der sie damals bei einem Bücherverkauf der Stadtbibliothek einfach so angesprochen hat.
Im Zug oder Tanzunterricht
Und trotzdem lässt das Baselbiet Salm nicht los. Wenn sie mit dem Ziefner Kunsthistoriker Remy Suter durch die Baselbieter Wälder streift oder den Posamenterweg entlangläuft, passiert etwas mit ihr, das sich in Olten so nicht einstellt. Die Gedanken fliessen anders, die Geschichten kommen. «Es ist wie eine Schleuse, die sich öffnet», sagt sie. Olten dagegen sei ihr literarischer Aussichtsturm: «Hier bin ich sicher. Von hier aus habe ich einen guten Blick auf die geografischen und menschlichen Landschaften und Abgründe, über die ich schreiben möchte.»
Dabei ist der Schriftstellerin bewusst, dass das Baselbiet, über das sie in ihren mittlerweile zwei Romanen schreibt, auch ein bisschen erfunden ist. Die Distanz verändert den Blick, so wie man vor einem riesigen Rothko-Gemälde ein paar Schritte zurücktreten muss, um es wirklich zu sehen. «Ich weiss nicht mehr genau, was dort geht und läuft», gibt sie zu, «es ist alles in meinem Kopf.» Sie darf das Dorf biegen und die Landschaften neu erfinden.
Geschichten findet Rebekka Salm überall: im Gespräch beim Mittagessen, in einem Zuggespräch, das sie beim Pendeln aufschnappt, oder im Tanzkurs, den sie zurzeit belegt. Dass der dortige Tanzlehrer eines Tages als Romanfigur auftauchen wird, weiss sie jetzt schon. Salms nächster Roman erscheint im Januar 2027 und erzählt von einem älteren Ehepaar, das sich auf den Weg zum Flughafen macht. Richtung Thailand, für einen vermeintlichen Urlaub, wie die Leserschaft wohl zuerst vermuten wird. Dabei wird aber immer tiefer in Erinnerungen abgetaucht, in eine stille Geschichte über Demenz und das Vergessen, angesiedelt in einem Dorf, das auch im Fünflibertal hätte liegen können ...
Für die «Volksstimme» schreibt Rebekka Salm ab heute Kolumnen, ein Format, das sie gerade wegen seiner Kürze reizt. Keine Figur, hinter der man sich verstecken kann, kein Plot, dem man folgen muss – einfach direkt, ungefiltert, frisch. Die erste Kolumne in der Reihe «Meine Welt» handelt – wie könnte es anders sein – von ihrer alten Heimat Bubendorf im Fünflibertal.
MEINE WELT
Yoknapatawpha liegt im Baselbiet
Meine Kindheit verbrachte ich im oberen Baselbiet, zwischen Schnäggeberg und Blomd, der hinteren Frenke und den mit Gelbflechten überzogenen Apfelbäumen auf der Bündte. Mit knapp zwanzig kehrte ich dem Fünflibertal den Rücken. Heute lebe ich in Olten (ja, ich weiss: der Nebel). Mein Geld verdiene ich in Zürich, in Basel und in Berlin. Lange Zeit war ich der Meinung, ich hätte das Baselbiet längst hinter mir gelassen – bis ich anfing, Bücher zu schreiben.
Die Geschichten, die ich erzähle, spielen allesamt in einem Dorf. Es liegt im Talschoss zweier Hügelzüge, ein Bach fliesst hindurch. Da stehen ein Feuerwehrmagazin, ein Milchhüsli und ein Schulhaus im Dorfkern, und wer zum Wald hochblickt, sieht Höfe, die sich an den Hügelbuckeln festkrallen. Kalkgestein drückt aus dem Waldboden; die Menschen sind ihm nicht unähnlich. Schmucklos, aber robust. Und nie, nie hat es Nebel (ich bin sehr neidisch). Immer wieder lande ich beim Schreiben in der Heimat meiner Kindheit.
Und so passiert es: Ich denke mir eine Geschichte aus. Dann denke ich mir die Figuren aus, die es für meine Geschichte braucht. Und kaum sind die Figuren erfunden, eilen sie zum Bahnhof Olten und studieren die Verbindungen von Zug und 70er-Bus. Ich sage zu ihnen: «Wo wollt ihr denn hin? Bleibt hier bei mir im Mittelland.» Sie aber wollen nach Hause. Dorthin, wo sie als Kinder in der Gumpe des Bachlaufs gebadet haben. Wo sie Sommernachtsfeste feiern, an Banntagen teilnehmen und Grümpelturniere spielen. Und wo sie einmal begraben werden wollen, auf dem Friedhof am Chilchrai. «Bitte bleibt doch hier», rufe ich ihnen panisch hinterher. «Ich kann doch nicht schon wieder eine Geschichte schreiben, die in diesem Baselbieter Dorf spielt. Irgendwann ist doch alles erzählt, was es auf diesen knapp elf Quadratkilometern zu erzählen gibt. Und dann?» Aber sie hören nicht auf mich.
Anderen Autoren ging oder geht es nicht besser als mir. Die Erzählungen der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro etwa spielen im Südwesten der kanadischen Provinz Ontario. Und der Amerikaner William Faulkner, ebenfalls Nobelpreisträger, hat seine Romane fast ausschliesslich im fiktiven Yoknapatawpha County angesiedelt – einem Abbild seiner Heimat in Mississippi. 1956 sagte er in einem Interview mit der Literaturzeitschrift «The Paris Review» sinngemäss, dass dieses kleine Stück Boden ausreiche, um die ganze Welt zu erzählen. Er werde nicht lange genug leben, um es auszuschöpfen.
Na, wenn das so ist, werde ich wohl noch eine ganze Weile über das Fünflibertal schreiben können. Das hat Potenzial zur Weltliteratur. Zumindest theoretisch.
Die Schriftstellerin Rebekka Salm wurde 1979 geboren und ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt seit 2014 in Olten.


