Billie Dove – heimatlicher Glanz in Hollywood
30.01.2026 Baselbiet, PorträtEine «Swiss Girl»-Karriere zwischen Sissach und Filmmetropole
Sie trug einen Künstlernamen, der wie ein Versprechen klang: Billie Dove. In den 1920er-Jahren gehörte sie zu jenen Gesichtern, die das Publikum in den Kinosälen sofort erkannte – elegant, ...
Eine «Swiss Girl»-Karriere zwischen Sissach und Filmmetropole
Sie trug einen Künstlernamen, der wie ein Versprechen klang: Billie Dove. In den 1920er-Jahren gehörte sie zu jenen Gesichtern, die das Publikum in den Kinosälen sofort erkannte – elegant, kühl, zugleich mit einer Spur Melancholie.
Hanspeter Gautschin
Geboren wurde sie als Lillian Bohny in New York, als Tochter von Schweizer Einwanderern. Ihre Lebensgeschichte ist von Anfang an eine zwischen zwei Welten: dem amerikanischen Traum und einer Herkunft, die sich – zumindest in der Erinnerung – hartnäckig nach Europa zurückbindet.
In Schweizer Quellen wird dieses Band gern noch enger geknüpft. So ist von einem Aufenthalt der Familie im Baselbiet die Rede, konkret in Sissach. Billie Dove soll später mit Wärme davon gesprochen haben: von einer «schönen Zeit», von Ausflügen nach Bern, Luzern und Zürich und von einer Grossmutter, die ihr besonders nahegestanden habe. Solche Sätze sind mehr als Folklore: Sie zeigen, wie wichtig ihr die Wurzeln waren – oder mindestens das Bild davon. Und manchmal geht die Begeisterung noch weiter: In einer Quelle wird sie gar als «gebürtig von Frenkendorf, Baselland» bezeichnet. Ob das präzise ist oder eher Ausdruck lokalen Stolzes, lässt sich heute kaum restlos klären. Sicher ist: Man nahm sie hierzulande als «eine von uns» wahr.
Von der Bühne vor die Kamera
Der Weg ins Rampenlicht begann früh. Bereits 1917 startete sie als «Follies»- Girl (Musical-Darstellerin) – eine Laufbahn, die Disziplin verlangte und Präsenz. Die Bühne war eine Schule der Wirkung: Wer dort bestehen wollte, musste mit einem Blick erzählen können. Doch ihr Ziel lag nicht im Variété, sondern vor der Kamera. 1921 erhielt sie eine erste kleine Filmrolle in «Getrich-quick Wallingford». Es war ein Einstieg, wie er damals typisch war: klein beginnen, sichtbar werden, sich Schritt für Schritt in die vorderen Reihen spielen. Ein früher Meilenstein war «All the Brothers Were Valiant» (1923), in dem sie neben Lon Chaney auftrat. Im gleichen Jahr heiratete sie den Regisseur Irvin Willat. In der Folge spielte sie in mehreren seiner Filme Hauptrollen, darunter «The Wanderer of the Wasteland» (1924), «The Air Mail» (1925) und «The Ancient Highway» (1925). Diese Phase zeigt, wie eng Karriere und Privates im alten Studiosystem verschränkt waren: Wer Zugang zu Projekten hatte, blieb im Gespräch und wer im Gespräch blieb, bekam die Rollen.
Der grosse Durchbruch kam 1926, als Douglas Fairbanks sr. ihr eine Rolle in «The Black Pirate» anbot. Mit einem Schlag war Billie Dove international bekannt. Zeitgenössische Berichte sprechen von einem wahren Fan-Ansturm, von Stapeln an Briefen aus aller Welt. In einer Ära ohne Soziale Medien war das der Gradmesser für Berühmtheit.
In den folgenden Jahren drehte sie eine Reihe erfolgreicher Stummfilme. Dazu gehörten «The Marriage Clause» (1926) und «Sensation Seekers» (1927), beide inszeniert von Lois Weber – einer der bemerkenswerten Regisseurinnen jener Zeit. Es folgten «The Stolen Bride» (1927), «American Beauty» (1927), «Night Watch» (1928) und «Adoration» (1928). Wer diese Filmtitel liest, spürt den Atem der Epoche: Liebe, Gefahr, Sehnsucht und Skandal – das ganze Arsenal der Traumfabrik.
Übergang zum Tonfilm
1927 lernte Billie Dove Howard Hughes kennen – jung, exzentrisch, ehrgeizig. Er soll von ihr besessen gewesen sein und ihrem Ehemann eine enorme Summe angeboten haben, damit er sich scheiden lasse. Hughes kaufte später ihren Vertrag bei First National und nahm sie bei «Caddo Pictures» unter Vertrag. Doch die Filme «The Age of Love» (1931) und «Cock of the Air» (1932) blieben hinter den Erwartungen zurück. Die Illusion, dass Geld und Macht automatisch Kinoerfolge erzeugen, erfüllte sich auch damals nicht.
Trotzdem gelang ihr der Übergang zum Tonfilm durchaus: «Her Private Life» (1929), «The Painted Angel» (1929), «A Notorious Affair» (1930) und «The Lady Who Dared» (1931) zeigen, dass sie im neuen Medium bestehen konnte. Und doch zog sie 1932, nach «Blondie of the Follies», einen Schlussstrich: Sie beendete ihre Karriere auf dem Höhepunkt und zog sich aus dem Filmgeschäft zurück. 1933 heiratete sie Bob Kenaston; das Paar hatte zwei Kinder.
Zurück blieb die Erinnerung an eine glanzvolle Zeit. Billie Dove rangierte in den goldenen Jahren der 1920er neben den ganz Grossen: Colleen Moore, Clara Bow, Mary Pickford, Gloria Swanson, Greta Garbo. Heute ist sie eine «fast vergessene» Ikone. Gerade deshalb passt sie in diese Rubrik. Denn ihre Geschichte erzählt von Ruhm, der vergeht, und von Herkunft, die bleibt: manchmal als Fakt, manchmal als Legende, oder beides.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.
«Stern am Filmhimmel»
vs. 1928 ist in der «Volksstimme» über Billie Dove nachzulesen: «Der ergreifende Roman ‹Verlorenes Glück› hat durch die First National Filmgesellschaft eine grandiose Verfilmung erfahren. Und was daran das seltene und grossartige ist: Die berühmte Gesellschaft hat eine Schweizerin, eine Sissacherin, zur Trägerin der Hauptrolle auserkoren. Aus dem fernen Hollywood sendet die Filmdiva herzliche Grüsse in ihr Heimatdorf. Unterm Künstlerpseudonym ‹Billie Dove› hat sie eine glänzende Karriere hinter sich und wird das Publikum in Scharen zum Sissacher Kino ‹Bölchen› ziehen. Denn in der Heimat ist ihr bereits schönste Anerkennung teilgeworden und die ‹Schweiz. Illustrierte Zeitung› brachte sogar ihr Bild in einer der letzten Nummern.
Billie Dove ist die Bruderstochter des R. Bohny, Gartenbaugeschäft in Sissach, und weilte schon mehrere Male in Sissach. Sie steht heute in der Blütezeit der Jahre. Nach kurzer Zeit ward sie zu dem anforderungsreichen Amt der Tragödin berufen und gilt heute als Stern am Filmhimmel, dessen Schönheit und Ausdruckskraft ungeschmälert anerkannt wird.»

