«Knutschkugel» mit treuem Gefolge
08.09.2023 Auto, Vereine, Verkehr, Bezirk Sissach, SissachDer «Club Estafette Suisse» feiert seinen 20. Geburtstag
Auch wenn kaum noch jemand die «Estafette» auf Anhieb kennt, eine Anhängerschaft hat sie allemal. Im «Club Estafette Suisse» organisieren sich Liebhaber und Freunde dieses Automobils. Der Verein ist bei Christoph Suter in ...
Der «Club Estafette Suisse» feiert seinen 20. Geburtstag
Auch wenn kaum noch jemand die «Estafette» auf Anhieb kennt, eine Anhängerschaft hat sie allemal. Im «Club Estafette Suisse» organisieren sich Liebhaber und Freunde dieses Automobils. Der Verein ist bei Christoph Suter in Sissach beheimatet.
Martin Herzberg
Nein, so richtig im kollektiven Gedächtnis verankert ist sie nicht, die Estafette von Renault. Erwähnt man allerdings die 1970er-Jahre-Filmkomödie «Der Gendarm von St-Tropez» mit Luis de Funès und verweist auf den Kastenwagen mit der Aufschrift «Gendarmerie», dann folgt meist ein «Aha!».
Renault hat 1959 bei seiner Markteinführung mit der Estafette neue Wege beschritten. Es war das erste Fahrzeug von Renault mit Vorderradantrieb. Damit konnte der Wendekreis verkleinert und die Ladefläche durchgängig eben gehalten werden. Die Ladekante befindet sich kaum 40 Zentimeter über Boden, was das Einladen entscheidend erleichterte.
Renault bot die Estafette in verschiedenen Modellen an. Mit offener Ladefläche als Pick-up. In einer Lang- und einer Kurzversion. Als Personentransporter mit acht Sitzplätzen. Mit einem Hochdach, damit man darin aufrecht stehen konnte. Die ersten Modelle verfügten über einen Motor mit 32 PS, später wurde ein 40-PS-Motor verbaut.
«Weil Motor und Getriebe vor den Vorderrädern angebracht sind, musste Renault ein aufwendiges Lenkgestänge konstruieren, was heute noch bei jeder MFK-Vorführung zu Diskussionen führt», erläutert Christoph Suter, «und weil das Getriebe dasselbe ist wie bei jenen Renault-Modellen mit Heckantrieb – einfach verkehrt eingebaut – ist der erste Gang auf dem Schalthebel hinten, der zweite vorne.»
Projekt zur Pensionierung
Suter kam 1977 zu seiner ersten Estafette. In Blau. In Camping-Ausführung. «Ich habe es geliebt, mit der Estafette in die Ferien zu fahren. Meine Kinder eher weniger. Denen wurde es auf der Rückbank immer schlecht», erzählt Suter. Mit der Zeit wurden Reparaturen und Rostbekämpfung des geliebten Autos immer teurer und schwieriger; die Estafette musste wohl oder übel stillgelegt werden. Obwohl die Kinder schlechte Erinnerungen an die Fahrten in der Estafette hatten, war es Suters Sohn, der seinen Vater viele Jahre später auf eine Estafette hinwies, die zum Verkauf stand. Suter konnte nicht widerstehen. So wurde die Estafette zu seinem grossen Projekt im Übergang zur Pensionierung.
In Suters Garage stehen zwei Estafettes. Ein Modell «Alouette» mit Jahrgang 1972 und Veteranenstatus. Mit acht Sitzplätzen, und einer ausgeklügelten, waghalsigen Klappkonstruktion an der mittleren Bank, um die hinterste Sitzbank zu erklimmen.
Daneben steht ein Kastenwagen mit Hochdach, ausgebaut zu einem Camper. Wobei dieser nicht Suter gehört, sondern seiner Frau. Und das kam so: Suters Frau Anja ist ebenfalls Mitglied des «Club Estafette Suisse». Ein Vereinsmitglied musste altershalber zurücktreten und wollte seine Estafette künftig in guten Händen wissen.
Ohne Halt bis Südfrankreich
Beide Estafettes der Familie Suter werden rege bewegt. Vor allem mit dem Camper ist das Ehepaar regelmässig auf Reisen. «Wir fahren gerne durch die Schweiz oder nach Slowenien, Italien, Österreich, Polen, Deutschland und Frankreich. Da kommen innert vier Wochen gut und gerne 2000 bis 3500 Kilometer zusammen. Wir haben in zehn Jahren sicher 40 000 Kilometer zurückgelegt», erzählt Suter. Zuverlässig ist sie ja, die Estafette. Vergangenes Jahr sind Suters in 13 Stunden am Stück von Sissach nach Cannes in Südfrankreich gefahren, ohne dass die Estafette irgendwelche Sperenzchen gemacht hätte.
«Auf so einer Fahrt ist es immer hilfreich, eine Beifahrerin zu haben», so Suter. «Die Estafette hat keinerlei Assistenzsysteme. Der Motor klingt aber auf der Beifahrerseite anders als auf der Fahrerseite. So kann die Beifahrerin frühzeitig Alarm schlagen, wenn das Motörchen hörbar an seine Grenzen kommt.» Überhaupt mag die Estafette mediterrane Temperaturen um die 30 Grad. «Wenn es heiss und trocken ist, läuft die Estafette wie ein Örgeli und kommt mit etwa acht Litern Benzin aus. Ist es jedoch feucht und kühl, gönnt sie sich auch schon mal neuneinhalb Liter», sagt Suter.
Wie kommt es jetzt eigentlich zu dieser Liebe zur Estafette? Suters Augen beginnen zu leuchten: «Wenn wir mit der Estafette durch Frankreich fahren, oder wenn wir mit dem Klub mit vielen Fahrzeugen unterwegs sind, dann winken uns die Leute vom Strassenrand zu, und alle haben ein Lächeln auf den Lippen. Wenn du irgendwo anhältst, kommt es sofort zu Gesprächen mit Passanten. Die Estafette macht alle glücklich.»
20 Vereinsmitglieder und Autos
Präsident Christoph Suter und der Klub setzen sich dafür ein, das Kulturgut Estafette zu erhalten. Rund 20 Mitglieder – und etwa genauso viele Fahrzeuge – gehören zum Klub. Sie unterstützen sich gegenseitig bei technischen Anliegen und bei der Beschaffung von Ersatzteilen, was zunehmend schwieriger wird. Die gemeinsamen Ausfahrten im Estafette-Konvoi sind jeweils ein Highlight.
Das Fest zum Vereinsjubiläum ist nicht öffentlich, weswegen an dieser Stelle auch keine Werbung dafür gemacht wird. Es findet vom 8. bis 10. September in Otelfingen auf dem Privatgelände eines Vereinsmitglieds statt.
Und wie geht es in die Zukunft mit dem «Club Estafette Suisse»? «Kein Problem», sagt Suter, «wir haben Vereinsmitglieder, die Ende 20, Anfang 30 sind. Einem 30- oder gar 40-Jahre-Vereinsjubiläum steht also nichts im Weg.» Es bleibt zu hoffen, dass dannzumal – mittels aufopfernder Pflege, viel Leidenschaft und noch mehr Zuwendung – auch noch viele Estafettes mit dabei sind.