AHNIG VO BOTANIK
16.12.2022 Baselbiet, NaturWir brauchen Licht – Mittagsblumen in Südafrika
Andres Klein
Nicht nur wir Menschen brauchen Licht, um das Leben zu geniessen, sondern auch alle Pflanzen. Eine Pflanzenfamilie ist besonders hungrig auf Licht. Die 1900 Mittagsblumen-Arten, die vor ...
Wir brauchen Licht – Mittagsblumen in Südafrika
Andres Klein
Nicht nur wir Menschen brauchen Licht, um das Leben zu geniessen, sondern auch alle Pflanzen. Eine Pflanzenfamilie ist besonders hungrig auf Licht. Die 1900 Mittagsblumen-Arten, die vor allem in Südafrika leben, haben sich optimal an die starke Sonneneinstrahlung und die saisonale Trockenheit angepasst. Sie blühen in fast allen Farben von leuchtend Gelb, über Aschblond, weisslich, Knallrot, Orange, Violett und Lila. Oft haben die Blüten auch einen Durchmesser von mehr als fünf Zentimetern. Wenn sie blühen, dann blühen sie selten einsam und alleine, sondern zu Tausenden. Dann verwandeln sie die südafrikanischen Landschaften in einen unvergesslichen Farbenteppich. Die intensiv leuchtenden, zum Teil fluoreszierenden Blütenfarben sind ein Schutz gegen das für uns sichtbare Sonnenlicht und gegen die unsichtbaren UV-Strahlen.
Will man dieses Wunder der Natur geniessen, so muss man wissen, dass, wenn es draussen bedeckt, regnerisch oder sehr kühl ist, die Blüten geschlossen bleiben. Man hat dann das Gefühl, der Frühling sei vorbei. Scheint die Sonne aber plötzlich intensiv, dann öffnen sich die Mittagsblumen wie in einem Wunder.
Die Mittagsblumen haben viele Möglichkeiten entwickelt, sich vor dem Austrocknen zu schützen. Sie bilden sehr dicke Blätter aus, die mit einem dickflüssigen Zellsaft gefüllt sind. Dort, aber auch in sehr dicken nicht verholzten Stängeln oder in Wurzeln speichern sie Wasser, das sie bei grosser Hitze oder langer Trockenheit nutzen können. Fachleute nennen diese Anpassung Sukkulenz. Diese Pflanzen sind somit Sukkulenten wie die Kakteen.
Einige Mittagsblumen bilden ihre Blätter direkt unter der Bodenoberfläche aus und nur ganz wenige Zellen kommen an die Oberfläche. Diese sind transparent und lassen das Licht wie durch ein Fenster in das Innere der Pflanze eindringen, wo dann der notwendige Zucker gebildet wird. Diese Mittagsblumen werden auch Fensterpflanzen genannt.
Wieder andere Arten haben die Anzahl der Blätter bis auf zwei reduziert, die so verwachsen sind, dass sie wie Steine aussehen. Dies reduziert die Oberfläche und somit die Verdunstung. Zusätzlich ist die Anpassung an den Boden dieser Halbwüsten so gross, dass man die circa drei Zentimeter grossen Pflanzen nicht sieht. Diese Anpassung nennt man Mimikry und sie schützt natürlich auf vor den Fressfeinden wie Antilopen, Ziegen oder anderen Weidetieren. Weil diese kleinen steinähnlichen Pflanzen oft auch sehr bunte und grosse Blüten haben, sind sie als «blühende Steine» berühmt geworden.
Da es in vielen Gebieten in Südafrika monatelang nicht regnet, haben diese Pflanzen auch eine spezielle Methode entwickelt, um die Samen im richtigen Moment in die Umgebung zu verteilen. Die Samenkapseln springen erst auf, wenn es richtig regnet. Dann werden die Samen mit dem Regenwasser in der Umgebung verteilt und mit dem nächsten Regen beginnen sie zu keimen. Dies ist auch eine mögliche Erklärung dafür, warum immer sehr viele Individuen der gleichen Art sehr nahe beieinander sind und gleichzeitig blühen und dadurch viel Farbe in den Alltag bringen.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.