Gelebte christliche Solidarität
30.09.2021 Baselbiet, Kirche, Lausen175 Jahre «Protestantische Solidarität Baselland»
Verschiedene Diasporagemeinden im In- und Ausland könnten ohne das Engagement des Vereins Protestantische Solidarität Baselland kaum überleben. Dieses Jahr kann er auf seine 175-jährige Tätigkeit zurückblicken.
Elmar ...
175 Jahre «Protestantische Solidarität Baselland»
Verschiedene Diasporagemeinden im In- und Ausland könnten ohne das Engagement des Vereins Protestantische Solidarität Baselland kaum überleben. Dieses Jahr kann er auf seine 175-jährige Tätigkeit zurückblicken.
Elmar Gächter
Er steht kaum je im Rampenlicht, wirkt fast ein wenig im Verborgenen, und doch wäre es für diverse kirchliche Organisationen im In- und Ausland ein grosser Verlust, würde es ihn nicht geben. 1846 in Lausen gegründet, hat es sich der heutige Verein Protestantische Solidarität Baselland von Anfang an auf seine Fahnen geschrieben, protestantische Glaubensgeschwister beim Aufbau oder bei der Erhaltung evangelischer Gemeinschaft oder kirchlichen Gemeindelebens zu unterstützen – «zwischenkirchliche Hilfe» war das Leitmotiv. Seine finanziellen Mittel, erbracht von verschiedenen Spenderinnen und Spendern, kommen protestantischen Kirchen, Gemeinden und Werken in der Diaspora zugute. Diaspora bezeichnet in diesem Kontext eine Gruppe, die eine religiöse Minderheit darstellt. Diese kann sowohl im eigenen Land als auch im Ausland angesiedelt sein.
Der Protestantisch-kirchliche Hilfsverein Baselland (PKHV BL) oder «Baselbieter Hülfsverein», wie er ehemals bezeichnet wurde, war von Anfang an offen für die Not zerstreuter Protestanten auch im Ausland. Eine der ersten Unterstützungen galt der Gemeinde Neu-Glaris im US-amerikanischen Wisconsin mit 200 Franken. Bargeld war in jenen Zeiten rar, und so fand der Kassier in der Sammelbüchse auch einen Ring und eine Uhrenkette, die er erst verkaufen musste. Daneben wurden auch zwei Schafe, ein altes Pferd und die Bereitschaft, einen ganz Tag lang Holz zu fällen, als Beiträge verbucht.
Beiträge für Kirchenbauten
Noch bis in die 1930er-Jahre unterstützte der PKHV mehrere Kirchgemeinden des unteren Baselbiets, so bei Kirchenbauten wie 1926 in Allschwil, etwas später in Arlesheim, samt Pfarrhaus,1931 in Oberwil und 1944 das Kirchgemeindehaus in Reinach. Ohne diese Beiträge wäre die Errichtung mehrerer Kirchgemeinden des untern Baselbiets gar nicht möglich gewesen, wie im geschichtlichen Rückblick festgehalten wird.
Dabei sticht hervor, dass keine Kirchgemeinden im Oberbaselbiet als Beitragsempfängerinnen genannt sind. «Diese sind von den politischen Gemeinden unterstützt worden. So war es auch in Oltingen, wo die drei Kommunen in unserer Kirchgemeinde jeweils praktisch diskussionslos unsere Ausgaben mitfinanziert haben», wie Markus Christ, der lange Zeit Pfarrer in Oltingen war, sich zur damaligen Zeit äussert. Mit der Einführung der Kirchensteuer 1991 war die Situation ohnehin eine ganz andere. Bemerkenswert, dass verschiedene Kirchgemeinden im Oberbaselbiet in neuerer Zeit nur dank des Finanzausgleichs aus den grossen Agglomerationsgemeinden überleben können.
Lukas Alber aus Langenbruck ist seit rund drei Jahren Mitglied des Vorstands des Vereins Protestantische Solidarität Baselland, wie er heute heisst. Dieses Gremium legt fest, an welche Projekte die Spendengelder von jährlich rund 35 000 bis 40 000 Franken geleistet werden. Eines davon ist in Argentinien angesiedelt, wo eine Kirchgemeinde samt dazugehörende Schule unterstützt wird.
«Erst kürzlich hat ein Unwetter eines der Gebäude zerstört. Am Wiederaufbau beteiligten wir uns mit rund 6000 Franken. Dies ist für diese Diasporagemeinde ein grosser Betrag», hält Lukas Alber fest. Gerade solche Minderheiten wirkten oft als Scharnier zwischen den grossen Strömungen und könnten die Ökumene am Leben erhalten.
Seit Jahren leistet der Verein auch Beiträge im Tessin. Dort gelte es vor allem, den Religionsunterricht für Kinder in den abgelegenen Tälern sicherzustellen, indem man sich beispielsweise an den Fahrkosten für die Religionslehrpersonen beteilige.
Sowohl für Lukas Alber als auch für Markus Christ, der mehrere Jahre im Vorstand mitwirkte, ist es wichtig, mit dem Fortbestehen des Vereins dem solidarischen Gedanken auch weiterhin Kraft zu verleihen. Pfarrer Hanspeter Plattner aus Muttenz, der den Verein Protestantische Solidarität Baselland seit 2006 leitet, hält zur Zukunft der Organisation fest: «Mag der Verein gegenwärtig auch nicht mehr so bedeutungsvoll wie früher sein, so kann sich dies in den nächsten Jahren durchaus ändern. Es findet nach und nach eine Diasporisierung statt, dergestalt, dass unsere reformierte Kirche je länger, je mehr selber zur Minderheit wird.»
Geld von Kirchen, Privaten und Kollekten
emg. Mitglied des Vereins kann jede reformierte Kirchgemeinde im Baselbiet sowie jede Einzelperson werden, die einen jährlichen Beitrag von 20 Franken leistet. Neben Einzelspenden ist seit jeher jeweils die kantonale Osterkollekte für die Ziele des Vereins bestimmt. Auch die Kollekte am Reformationssonntag, heuer am 7. November, ist für die protestantische Solidarität bestimmt, allerdings für jene auf gesamtschweizerischer Ebene. Sie kommt heuer dem «Temple de la Fusterie» zugute, der ersten protestantischen Kirche innerhalb der Genfer Stadtmauern, durch und für hugenottische Flüchtlinge gebaut. Die Protestantischen sind in Genf seit 1860 eine Minderheit. Es ist ihnen nicht möglich, die Renovation des Bauwerks von 1715 allein aus eigenen Kräften zu finanzieren. Die «Protestantische Solidarität Schweiz» ist die Dachorganisation der verschiedenen Hilfsvereine, zu denen auch die «Protestantische Solidarität Baselland» gehört.