Brauntöne und Freiheitsdrang
30.03.2021 Kultur, Porträt, SissachRobert Bösiger
5. April 1903. An diesem Tag – es ist Palmsonntag – erblickt in Diepflingen der spätere Kunstmaler und Holzschnitt-Künstler Hugo «Ugo» Cleis das Licht der Welt. Exakt 43 Jahre später, am 5. April 1946, wird Martin Cleis ...
Robert Bösiger
5. April 1903. An diesem Tag – es ist Palmsonntag – erblickt in Diepflingen der spätere Kunstmaler und Holzschnitt-Künstler Hugo «Ugo» Cleis das Licht der Welt. Exakt 43 Jahre später, am 5. April 1946, wird Martin Cleis geboren.
Abgesehen vom Umstand, dass diese beiden Männer am gleichen Tag Geburtstag haben, anfänglich fast die gleiche AHV-Nummer hatten und verwandt sind – Martins Vater Rudolf ist Ugos Cousin – gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten. Beide haben ihren Lebensunterhalt als freischaffende Künstler bestritten.
Ugo Cleis, der Lieblingsonkel
Martin Cleis, der in Sissach aufgewachsen ist, erinnert sich gerne an seinen Onkel Ugo. «Der Vater von Ugo war der Bruder von meinem Grossvater Albert. Deshalb hatten wir viel Kontakt zu ihm. Ich und mein Bruder Hans mochten ihn sehr, haben ihn auch im Tessin besucht, wohin er gezogen ist!»
Und ja, indirekt sei es gut möglich, dass er selber auch wegen Ugo Künstler geworden ist, räumt Martin Cleis ein. Ugo sei oft zu Besuch gekommen und habe sich bei dieser Gelegenheit immer über seine künstlerischen Versuche als Knabe und Jugendlicher gefreut. Doch im Grunde genommen sei für ihn bereits im Kindergartenalter klar gewesen: «Ich werde mal Künstler oder Grafiker.» Als Vorbilder dienten dabei besagter Ugo Cleis sowie ein anderer Lieblingsonkel in Bern, der dannzumal ein eigenes Grafikatelier führte.
Nein, von den Eltern seien weder er noch sein älterer Bruder Hans dazu gedrängt worden, ins elterliche Geschäft – Waschmaschinen und Apparatebau A. Cleis AG – einzusteigen. «Selbstverständlich wollten sie wie alle Eltern, dass ich einen ‹anständigen› Beruf erlernen sollte.»
Im Alter von 16 Jahren besucht Martin Cleis die Mittelschule in Wettingen, um Primarlehrer zu werden. Er tut dies, weil ein guter Freund von ihm von dieser Schule schwärmte. Doch schon in der Hälfte der Ausbildung ist Martin Cleis klar: «Ich muss eine künstlerische Laufbahn einschlagen.» Gesagt, getan: Nach dem Schulabschluss tritt er in der Kunstgewerbeschule Basel ein, um Zeichnungslehrer zu werden.
«Nulla dies sine linea»
Mit dem Lehrerdiplom in der Tasche gibt Cleis zunächst Zeichenunterricht am Lehrerseminar Aarau, dann realisiert er: Um selber künstlerisch tätig zu werden, muss er die Zelte abbrechen und versuchen, den eigenen Weg zu finden. Dazu sagt er heute: «Die Vorstellung, nun 40 Jahre zu unterrichten und dann mit 65 zu sagen ‹Oh, hätte ich doch …› hat mich sehr geplagt.»
So kündigt er. Und wartet auf die Inspiration – tagelang, wochenlang … Dann stolpert er über einen Satz des römischen Gelehrten Plinius, den sich schon Paul Klee zunutze gemacht hat: «Nulla dies sine linea», was so viel heisst wie «Kein Tag ohne Zeichnung». Martin Cleis beginnt nun damit, täglich mindestens ein Blatt zu be-zeichnen oder zu bemalen. Nach einem Jahr ist das «Buch» mit 365 Blättern komplett. Dieses Buch, so Cleis, habe er nie weggeworfen.
New York und Gundeli
Auch wenn der junge Martin Cleis nun seinen zeichnerischen Flow fürs Erste gefunden hat, so leidet die Ehe mit seiner Frau, einer Primarlehrerin, darunter. «Wir waren viel zu jung damals – und niemand riet uns ab, zu heiraten.»
Martin Cleis fliegt für einige Monate nach New York, um dort in einer Künstlergemeinschaft zu wohnen und zu arbeiten. Danach bereist er Mexiko und kehrt zurück in die USA – nach San Francisco.
Zurück in der Schweiz, bezieht er eine kleine Wohnung in einem für den Abbruch vorgesehenen Haus im Gundeldinger-Quartier. Dem Besitzer, dem er nur versprechen muss, im Fall eines Abrisses keinen Aufstand zu machen, muss er keine Miete bezahlen. Das Provisorium sollte letztlich 15 Jahre dauern. Cleis ist dem damaligen Hausbesitzer, einem Unternehmer aus Dornach, noch heute dankbar: «Dank dieser indirekten Unterstützung habe ich das selbstständige Künstlerleben leben können.» Ironie der Geschichte: Das Haus am Baumgartenweg 8 steht noch heute und ist sanft renoviert; die Mieten dürften mittlerweile markant höher sein als damals.
Martin Cleis zieht es regelmässig für längere Aufenthalte ins Ausland: 1981–1987 nach Spanien, davor aber auch nach Italien. Dort, 1976 in der Toscana, war es, als er wieder einmal in einer Schaffenskrise feststeckte. Er erinnert sich: «Ich hatte nichts mitgenommen, kein Papier, keine Farben, keine Stifte. Kaum dort, durfte ich ein kleines Atelier beziehen. Als Erstes besorgte ich mir alle möglichen braunen Stifte, weil mir die braunen Äcker der sommerlichen Toscana so gut gefielen.»
Dann habe er wie wild zu malen und vor allem zu zeichnen begonnen. Zu dieser Zeit sei ihm sein Göttibueb Rolf, der Sohn seines Bruders Hans, in den Sinn gekommen. Martin Cleis erklärt: «Rolf hat als Kleinkind ein Blatt zur Hand genommen und einen Stift. Dann hat er irgendwo an einer Ecke des Blattes ein paar Striche und Formen hingekritzelt und gesagt: ‹Traktor!›» Im Bewusstsein, im Grunde genau über diese künstlerische Freiheit zu verfügen, habe er fortan gearbeitet. Entstanden sind ganze Serien abstrakter Bilder in verschiedenen Brauntönen.
Diese Toscana-Bilder – Cleis nennt sie «Höhlenzeichnungen» oder «Siena gebrannt» – seien nachher wegweisend geworden für ihn als selbstständiger Künstler. Gleichzeitig habe er sich damit endlich vom Einfluss seines ehemaligen Lehrers Lenz Klotz (1925–2017) befreien können. Denn die Schule für Gestaltung habe er damals im Bewusstsein verlassen «Zeichne chasch, aber moole chasch nid».
Von Arlesheim nach Weil
Nach seiner Zeit im Gundeli baut Martin Cleis in Arlesheim ein Atelierhaus mit acht Wohn-Ateliers plus einem grossen Raum, um Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen zu machen. Nach 30 Jahren, bereits im Pensionsalter, verlässt er Arlesheim und zieht nach Weil am Rhein. Auch dort hat er die Chance, ein finanzierbares Projekt von Atelier mit Wohnung zu realisieren. Hier in Weil habe er sich gut akklimatisiert, werde von den Einheimischen akzeptiert. Das zeigt sich auch daran, dass das Kulturamt der Stadt Weil am Rhein in der Städtischen Galerie «Stapflehus» zu seinem 75. Geburtstag eine Ausstellung (zusammen mit Ulrich Wössner) zeigt.
Der Künstler gibt im Gespräch mit der «Volksstimme» zu, dass er nun weniger arbeite als früher («I tue nümm so wüescht»). Derzeit beschäftige ihn vermehrt die Frage des Älterwerdens. Dank seines Umzugs von Arlesheim nach Weil habe er die Gelegenheit genutzt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Konkret bedeutet das: «Ich habe stundenlang über meinen Bildern gebrütet und dann entschieden, was mitkommt und was nicht.» So seien viele Werke buchstäblich entsorgt und vernichtet worden. Handkehrum sei auch viel Gutes und Schönes wieder ans Tageslicht gekommen.
Übrigens: Eine Serie solcher «Fundstücke» von einem «Artis in Residence»-Aufenhalt in Galesburg, Illinois, USA, kann man noch bis zum 11. April in der Galerie Mollwo in Riehen bewundern.
Familie Cleis und Sissach
rob. Martin Cleis ist zusammen mit seinem um sieben Jahre älteren Bruder Hans in Sissach aufgewachsen. Sein Vater Rudolf Cleis-Wagner leitete die Waschmaschinenfabrik und Apparatebau A. Cleis AG in der Neumatt. Im Juni 1966 schied der Vater, erst 57-jährig, freiwillig aus dem Leben. So sind die Erinnerungen von Martin Cleis an das Dorf seiner Kindheit und Jugend nicht mehr so gross. Mit 16 verliess er Sissach und kehrte nie mehr wirklich zurück. Sein Bruder Hans Cleis und dessen Familie hingegen sind noch immer in Sissach beheimatet. Der Göttibueb von Martin Cleis, Rolf, war ab 1997 für einige Jahre Mitglied des Gemeinderats Sissach.
«Der Prophet gilt nichts …
rob. … im eigenen Land». Martin Cleis kennt diese Redewendung aus eigener Erfahrung. Seine Kunst sei fast überall, nur nicht im Heimatkanton Baselland selbst geschätzt worden, sagt der mittlerweile in Weil am Rhein wohnhafte ehemalige Sissacher.
Tatsächlich existiert zum Beispiel in Barcelona ein Kunstwerk im öffentlichen Raum; es handelt sich um ein Relief, das er 1986 für die Schweizer Schule dort hat schaffen dürfen. Zwischenzeitlich sei dieses Werk ins städtische Register der Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt aufgenommen worden. Zwei Jahre zuvor hat Cleis in der Fundacio Miro die erste Ausstellung mit Schweizer Künstlern kuratieren und gleich selber ausstellen dürfen. Und auch in Tokio und Taiwan hat Martin Cleis Ausstellungen kuratiert.
In der Schweiz gibt es zwei grosse Werke im öffentlichen Raum von ihm: Zum einen ein grosses, sich über mehrere Stockwerke ziehendes Wandbild in der Aeschentor-Passage in Basel. Zum anderen das grosse Wandgemälde «Alma Mater» beim Eingang zur Universität Zürich Irchel.
Im Kanton Baselland sei er vergleichsweise kaum gewürdigt worden, bilanziert Martin Cleis. Der einzige grössere Auftrag – es handelt sich um ein Werk aus dem Jahr 1996 für die Filiale der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) in Laufen – sei Ende 2020, ohne ihm ein Wort zu sagen, einfach demontiert worden. Auch ein 3 × 1,5 Meter grosses Triptychon, das er für die Schalterhalle der BLKB in Arlesheim geschaffen habe, sei sang- und klanglos ins BLKB-Kellerdepot nach Liestal verbracht worden. Cleis: «Das finde ich sehr verletzend.»
Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel der Credit Suisse Zürich. Er habe dort 1974 einen Wettbewerb zur Gestaltung eines ganzen Stockwerks im Verwaltungsgebäude Üetlihof gewonnen und ausführen dürfen. Cleis: «Wegen baulicher Veränderungen musste diese umfangreiche Arbeit schon drei Mal demontiert und verändert werden. Ich wurde jedes Mal frühzeitig beigezogen und man hat gemeinsam beraten, wie dies zu lösen sei.»