«Kirche muss mehr zu den Menschen gehen»
29.01.2021 Baselbiet, Kirche, Bezirk LiestalAndré Frauchiger
Frau Heger, wie kamen Sie zur Kirche?
Andrea Heger: Ich war als Jugendliche noch katholisch. Der damalige Jugendarbeiter der katholischen Kirchgemeinde sagte mir auf meine kritischen Fragen, viele Menschen wollten die Kirche ändern ...
André Frauchiger
Frau Heger, wie kamen Sie zur Kirche?
Andrea Heger: Ich war als Jugendliche noch katholisch. Der damalige Jugendarbeiter der katholischen Kirchgemeinde sagte mir auf meine kritischen Fragen, viele Menschen wollten die Kirche ändern – wie ich. Ich engagierte mich auf vielen Ebenen, gestaltete unter anderem Jugendgottesdienste und leitete Jugendlager. Auch im Dekanat habe ich bei der Jugendarbeit mitgeholfen. Ich fand es spannend. Heute bin ich Mitglied der reformierten Kirche – und finde es nach wie vor spannend, kirchliches Leben zu leben und bei der Schaffung von hierfür geeigneten Strukturen mitzuwirken.
Worauf basiert Ihr Interesse an der Synode, dem Kirchenparlament?
Wir brauchen in der Kirche Regeln, die alltagstauglich umgesetzt werden können, die menschennah sind. Die entsprechende Arbeit in der Synode gefällt mir sehr. Gut und hilfreich sind dabei die demokratischen Strukturen in der reformierten Kirche. Leitend, koordinierend zum Kirchenrat, aber auch dienend ist meine Rolle als Präsidentin des Kirchenparlaments, der Synode. Ich versuche, Diskussionen zu wichtigen Themen anzuregen, Synodale aufzumuntern, sich zu äussern, auch wenn sie eher schüchtern sind. Wir müssen alle auffordern, sich aktiv einzubringen. Das ist sehr wichtig. Die laufenden Prozesse mit der Lesung der neuen Kirchen- und Finanzordnung interessieren mich besonders. Die Frage ist: Wie setzen wir alles im Alltag um? Dies alles hat mich dazu bewogen, erneut für das Synodepräsidium zu kandidieren.
Sie mögen also mehr die Praxis im kirchlichen Leben, weniger die Theorie?
Ich finde Theorie und Praxis spannend. Wichtig ist, dass Korsetts im kirchlichen Leben vermieden werden. Es soll nichts Unnötiges vorgeschrieben werden. Hierzu ein Beispiel: In der bisherigen Kirchenordnung steht genau, wie viele Gottesdienste in der eigenen Kirche abgehalten werden müssen. Doch es ist einfach störend, dass vorgeschrieben wird, wie viele Gottesdienste maximal zusammen mit anderen Kirchgemeinden durchgeführt werden dürfen. Denn das sollte Sache der betreffenden Kirchgemeinden sein. Grundsätzlich bin ich bezüglich Vorgaben sehr liberal. Es braucht möglichst wenige Vorschriften und mehr Freiheit in der Kirche.
Welche Ziele verfolgen Sie in der Synode?
Dass die Mitglieder der Synode «zusammenwachsen», dass alle die Kirche mitgestalten helfen. Die Zeiten werden nicht einfacher. Wegen der knapper werdenden Finanzen müssen zusammen mit dem Kirchenrat Schwerpunkte gesetzt werden. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Jesus ging zu den Menschen und brauchte nicht Geld für Gebäude. Das sollte uns allen bewusst sein.
Was ist für Sie Kirche?
Auf jeden Fall viel mehr als nur der sonntägliche Gottesdienst. Ganz besonders liegt mir der Sozialdienst am Herzen. Eine Kirche ohne Sozialdienst für Menschen in der Not ist für mich undenkbar.
Welche Einschränkungen sind wegen Corona auf kantonalkirchlicher Ebene zu verzeichnen?
Es ist anstrengend, verschiedene wichtige kirchliche Aktivitäten wegen Corona nicht durchführen zu können. Mit einer Obergrenze von fünfzig Menschen kann zwar ein Gottesdienst durchgeführt werden, aber ohne anschliessenden Apéro, wo ein wichtiger Austausch erfolgen könnte. Auch Beerdigungen sind erlaubt. Aber kein Gemeindesingen. Doch die Corona-Zeit birgt auch die Chance, neue Wege zu beschreiten. Zum Beispiel Gottesdienste via Internet. Es ist ein Anstoss, kreativer zu werden. Zum Beispiel mit einem Adventskalender, bei dem bei jedem Klick ein Pfarrer eine Art «Wort zum Tag» spricht. Bei uns in Hölstein können wir jeden Sonntag eine Art «Predigtpost» erhalten. Der Gottesdienst kann zu Hause gelesen werden. Auch Lieder sind via Homepage abhörbar. Diese Neuerungen helfen letztlich auch, das verstaubte Image der Kirche etwas abzuschütteln.
Wie gross ist der Mitgliederschwund und was kann dagegen unternommen werden?
Der Mitgliederschwund beträgt rund 2 Prozent pro Jahr. Es gibt Gemeinden, die noch wachsen, aber viele schrumpfen. Es gibt auch weniger Taufen als früher. Die Steuereinnahmen sanken bisher noch nicht, werden dies aber in Zukunft aufgrund von Steuerrevisionen tun. Zudem richtet sich der Kantonsbeitrag für die Kirche nach der Anzahl Kirchenmitglieder. Nehmen diese ab, gibt es auch weniger Einnahmen für die Kirche. Dabei wird vergessen, dass in der Kirche viele Tätigkeiten ehrenamtlich erbracht werden. Diese könnten vom Kanton nicht gratis geleistet werden. Als konkrete Massnahme gegen die sinkenden Einnahmen haben wir bei uns unter anderem einen Förderverein gegründet, der Spenden sammelt. Damit konnte Familien beispielsweise das Gemeinde-Weekend vergünstigt angeboten werden. Aber ganz klar: Die Menschen wollen wissen, was mit ihren Steuern und Spenden bewirkt wird.
Was kann die Kirche sonst gegen den Mitgliederschwund unternehmen?
Die Kirche muss vermehrt zu den Menschen gehen. Es braucht niederschwellige Möglichkeiten, bei kirchlichen Projekten mitzuarbeiten. Und zwar für eine konkrete Sache, mit der Möglichkeit, sich zeitlich auch nur befristet zu engagieren. Jugendarbeit, Seniorenanlässe, Migrationsarbeit – dies alles findet eigentlich grosse Anerkennung in der Bevölkerung.
Was verstehen Sie unter moderner Kirche?
Dass die Kirche ebenfalls dort präsent ist, wo sich die Gesellschaft befindet. Kirche bedeutet auch soziale Tätigkeit, das Engagement für die Mitmenschen. Die Kirche darf sich aber auch nicht zu sehr in Einzelaktivitäten aufsplittern, sondern soll weiterhin auch als grosses Ganzes funktionieren.
Bezahlt der Staat den Unterhalt der Kirchen?
Kirchen und Pfarrhäuser wurden nach der Kantonstrennung der Stiftung Kirchengut zugewiesen. Diese muss die Gebäude auch unter ökonomischen Kriterien bewirtschaften. In der Stiftung ist neben der Kirche der Kanton vertreten. Die Kirchgemeinden zahlen Mieten und beteiligen sich am Unterhalt. Falls Kirchgemeinden ein Pfarrhaus nicht mehr benötigen, kann die Liegenschaft neu an die Stiftung zurückgegeben werden und wird dann auf andere Weise genutzt. Bei uns in Hölstein hat die Schule einen Teil des leerstehenden Pfarrhauses gemietet. Ich glaube, dass es in Zukunft auch Umnutzungen von Kirchen geben wird. Das wird aber noch zu grossen Diskussionen führen. Wir müssen dafür offen sein, dass Kirchen vielleicht einmal anders genutzt werden. Eben: Jesus würde die Ressourcen in die Menschen stecken – nicht in Gebäude.
Wie läuft der Steuerausgleich für die Kirchgemeinden?
Er funktioniert praktisch analog zur weltlichen Organisation mit Geberund Nehmerbeiträgen aufgrund der Steuererträge. Diskussionen löste immer wieder die Verteilung der Kantonsbeiträge aus. Ein Teil dieser Beiträge wird für kantonale gesellschaftliche Aufgaben, wie zum Beispiel die Spitalseelsorge, aufgewendet, ein Teil fliesst in die Arbeit der Kirchgemeinden vor Ort. Die Verteilung der Gelder wird sich ändern müssen, nicht unbedingt zugunsten der kleinen Kirchgemeinden. Es braucht neue, kreative Ideen. Angestrebt wird, dass Kirchgemeinden einen finanziellen Sockelbetrag für die Grundkosten erhalten. Erst darüber hinaus soll die Anzahl Mitglieder massgebend für den Geldbetrag an eine Kirchgemeinde sein.
Ist die Zusammenlegung von Kirchen ein Thema?
Ja, darüber wird diskutiert. Natürlich auch aus finanziellen Gründen. Das soll aber nicht «von oben» befohlen, sondern von der Basis her angeregt werden. Bubendorf-Lausen und Waldenburg-Langenbruck arbeiten bereits eng zusammen. Neu können Kirchgemeinden auch fusionieren. Bisher hätte die Verfassung hierfür jedes Mal geändert werden müssen. Wir haben die Fachstelle Gemeindeentwicklung geschaffen, welche die Gemeinden bei Fragestellungen zur Zusammenarbeit berät. Ich rechne in nächster Zeit aber nicht mit vielen Fusionen. Eine gute Erreichbarkeit der Kirchenzentren und der Kirchen ist weiterhin sehr wichtig. Die zunehmende Mobilität dürfte dies aber vereinfachen.
Wie können Jugendliche für die gewonnen werden?
Aktive Jugendarbeit ist extrem wichtig. Nicht der Gottesdienst steht dabei im Vordergrund. Die Gemeinschaft in der Gruppe ist wichtig. In diesem Rahmen können Bezugspersonen aus der Kirche Anliegen der Jugendlichen aufnehmen, Kontakte knüpfen und sie miteinbeziehen. Die Jugendlichen möchten auch mitgestalten. Liegen Ideen der Jugendlichen vor, muss eine Kirchgemeinde «aufspringen» können. Zum Beispiel mit der Durchführung eines gewünschten Samstagabend-Kurzgottesdienstes mit modernen christlichen Liedern.
Wie können die Jugend- und Altersarbeit gesichert werden?
Die Kantonalkirche ist daran, sich darüber Gedanken zu machen. Auch über die wichtige Präsenz in den Altersheimen. Älteren Menschen sind Gottesdienste sehr wichtig. Im Seniorenzentrum Gritt werden derzeit coronabedingt Andachten auch über das interne Fernsehen in den Abteilungen gezeigt.
Welche Rolle sehen Sie bei der kirchlichen Sozialdiakonie?
Im Bereich der Sozialdiakonie wird die Kirche sehr wertgeschätzt. Nächstenliebe ist da gefragt. Die Kirche muss flexibel sein, dort helfen, wo es nötig ist. So zum Beispiel bei der Migration und Integration. Auch die Bekämpfung der Armut ist eine Aufgabe der Kirche. Dazu gehört zum Beispiel die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidern. Diese Tätigkeiten bietet die Kirche an. Und das ist für mich gelebte Kirche.
Wie sieht die Kirche nach Ihrer Einschätzung in zehn, zwanzig Jahren aus?
Ich denke, wir haben dann sicher weniger zahlende Kirchenmitglieder. Diejenigen, die noch dabei sind, dürften aber aktiver sein. Es darf dabei aber sicher nicht die Meinung aufkommen, wer weniger in die Kirche kommt, sei ein schlechterer Christ. Das wäre verheerend. Bei den Aktivitäten wird es wohl zu vermehrten Segmentierungen, zu Zersplitterungen kommen. Die Einbindung in die eigene Kirche wird vielleicht nicht mehr ganz so eng sein wie heute. Konfessionslose, denen die Eltern die Religion nicht aufzwingen wollten, werden wahrscheinlich auch wegen ihrer Kinder kommen und Fragen zur Religion, zum Glauben stellen. Das Ganze wird auf jeden Fall eine grosse Herausforderung für die Kirche sein.
Zur Person
fra. Andrea Heger ist Primarlehrerin, aus zeitlichen Gründen derzeit ohne feste Anstellung, dafür aber fast Berufspolitikerin, wie sie betont. Sie ist seit 2019 Mitglied des Gemeinderats und seit dem 1. Januar 2020 Gemeindepräsidentin von Hölstein, seit 2015 EVP-Landrätin, seit 2013 Mitglied der Synode der Evangelisch-Reformierten Kirche Baselland und seit 2017 Präsidentin der Synode, des Kirchenparlaments. An der Synode von dieser Woche wurde sie für die neue Legislatur als Präsidentin wiedergewählt. Andrea Heger ist verheiratet und Mutter zweier Töchter im Alter von 17 und 19 Jahren.