«Wir haben digital einen grossen Sprung gemacht»
31.12.2020 Baselbiet, BildungRektor Thomas Rätz vom Gymnasium Liestal über das schwierige Jahr 2020
Die Weihnachtsferien sind für die rund 180 Lehrpersonen, die 1150 Schülerinnen und Schüler und die Angestellten des Gymnasiums Liestal im wahrsten Sinne eine willkommene Verschnaufpause. Rektor Thomas Rätz blickt ...
Rektor Thomas Rätz vom Gymnasium Liestal über das schwierige Jahr 2020
Die Weihnachtsferien sind für die rund 180 Lehrpersonen, die 1150 Schülerinnen und Schüler und die Angestellten des Gymnasiums Liestal im wahrsten Sinne eine willkommene Verschnaufpause. Rektor Thomas Rätz blickt auf die Erfahrungen während der Pandemie zurück und sagt, was er in den Unterricht nach Corona mitnehmen möchte.
Daniel Zwygart
Herr Rätz, Sie leiten seit vielen Jahren das Gymnasium Liestal. Wie geht es Ihnen nach diesem bewegten Jahr 2020?
Thomas Rätz: Es geht mir gut. Ich bin überzeugt, dass wir als Schule mittlerweile recht souverän und gelassen mit der schwierigen Situation umgehen und gute und machbare Lösungen gefunden haben, ohne die Lernenden und die Lehrpersonen zu überfordern. Vor den Sommerferien hätte ich allerdings anders geantwortet. Im Frühjahr mussten wir innert kürzester Zeit die Schule auf Fernunterricht umstellen, Reglemente entwerfen, Ansprüche definieren und Lösungen suchen. Das hat enorm viel Zeit und sehr viel Kraft gekostet.
Was waren die grössten Herausforderungen und die überraschendsten Ergebnisse?
Die grösste Herausforderung war der Zeitdruck. Oft waren innert kürzester Zeit Lösungen zu suchen und umzusetzen. Sehr gefreut hat mich die grosse Motivation und Lust der Lehrpersonen, Neues auszuprobieren und die Ernsthaftigkeit der meisten Schülerinnen und Schüler, mit der sie dem Fernunterricht gefolgt sind. Wenig überraschend, aber sehr erfreulich ist zudem die Tatsache, dass wir als Schule auf dem Gebiet der Digitalisierung einen grossen Sprung vorwärts gemacht haben. Ein Kränzchen möchte ich unseren Lernenden winden: Sie halten sich zum grössten Teil sehr gut an die Schutzmassnahmen und helfen dadurch mit, dass wir bisher wenige Covid-Fälle hatten und den Unterricht aufrechterhalten konnten.
Im diesjährigen Jahresbericht des Gymnasiums Liestal unter dem Titel «school@home» schildern Sie, dass die Freude über den Wiederbeginn des Unterrichts im August mindestens so gross war wie das Freudengeheul, als die Schule am 13. März geschlossen wurde. Was hat den zu Hause Lernenden und Unterrichtenden gefehlt?
Sowohl den Lernenden als auch den Lehrpersonen hat in erster Linie der soziale Kontakt sehr gefehlt. Das hat eine breit angelegte Umfrage an allen Gymnasien ergeben. Leider hat sich auch gezeigt, dass der Lernerfolg – verglichen mit dem Präsenzunterricht – sich bei vielen Lernenden verschlechterte.
Sie schreiben auch, dass die Erfahrungen des Fernunterrichts für die Weiterentwicklung des Gymnasiums wichtig sein werden. Woran denken Sie da zum Beispiel?
Der Fernunterricht hat uns gezeigt, dass wir die Selbstständigkeit unserer Lernenden noch mehr ins Zentrum rücken und ihnen noch mehr Verantwortung für das eigene Handeln übergeben müssen. Wir werden uns zum Beispiel mit der Frage befassen müssen, ob nicht Teile des Präsenzunterrichts als Fernunterricht geführt werden könnten. Ein Stichwort ist hier «flipped classroom», eine Methode, bei der sich die Lernenden zu Hause die Theorie zu einem bestimmten Sachgebiet im eigenen Tempo und in eigener Verantwortung aneignen und dann im Präsenzunterricht einüben.
Gehen wir kurz zurück zu Ihrer eigenen Schul- und Studienzeit …
Ich habe Mathematik und Sport studiert und später während meiner Tätigkeit als Lehrer noch ein Informatikstudium absolviert. Das Sportstudium war für mich die perfekte Ergänzung zum Mathematikstudium und brachte mir Freundschaften, die heute noch bestehen. Damals war das Studium generell noch viel weniger strukturiert als heute. Es gab weniger Kontrollen, viel weniger Prüfungen und keinen permanenten Leistungsdruck. Es wurde den Studentinnen und Studenten also viel Freiraum gelassen und viel Verantwortung übergeben, was ich sehr gut finde. Politisch waren wir Studierende fast alle im linken Spektrum zu finden. Wir wollten anders sein als «die Gesellschaft» und die Welt verbessern.
Nennen Sie uns Momente der Freude in Ihren Unterrichtsstunden.
Freudenmomente im Sportunterricht gibt es natürlich sehr oft. Sport und Freude sind für die meisten Menschen miteinander verbunden. Aber auch in der Mathematik sind Freudenmomente gar nicht selten. Am schönsten ist es, Lernenden Prüfungen zurückzugeben, die viel besser ausgefallen sind, als diese es erwartet haben. Natürlich ist es auch immer schön mitzuerleben, wenn bei jemandem «s Zwanzgerli» während des Unterrichts fällt oder Lernende plötzlich sagen: «Sie, Herr Rätz, Mathematik ist ja gar nicht so blöd, wie ich immer dachte – eigentlich ist es sogar toll!»
Was ist Ihre Meinung zum Thema «Mädchen und Mathematik»?
Dazu gibt es sehr viele Untersuchungen. Ich persönlich versuche, junge Menschen von Mathematik zu begeistern, unabhängig von ihrem Geschlecht. Wichtig ist als Lehrperson, den Lernenden die eigene Begeisterung für Mathematik spüren zu lassen und ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln. Dann ist für alle Geschlechter sehr vieles möglich und oft auch mehr, als die jungen Leute sich selber zutrauen. Es ist zentral, die gute Mischung zwischen Begeisterung, Geduld, Vertrauen und Ansprüchen zu finden.
Inwiefern unterscheidet sich der Mathematikunterricht von einem Fach wie Geschichte mit eher tagesaktuellen Bezügen?
Es ist in der Tat so, dass die Mathematiktheorie keinen vergleichbaren Veränderungen unterworfen ist wie zum Beispiel Geschichte. Als Mathelehrer kann ich aber beispielsweise aktuelle Statistiken analysieren und zusammen mit Lernenden in Zeitungen Widersprüche bei Schlussfolgerungen aufdecken – und von diesen findet man viele!
Was hat Sie motiviert, sich für das anspruchsvolle Amt als Rektor zu bewerben?
Mein Amt als Rektor habe ich im Februar 2008 angetreten. Als mein Vorgänger drei Monate zuvor gekündigt hat, meinte meine Frau spontan, ich sei doch ein geeigneter Kandidat. Für mich kam das zuerst gar nicht infrage. Nach einem langen Wochenende ist der Entscheid gefallen. Meine Frau unterstützt mein Engagement in der Schulleitung seit vielen Jahren. Ohne ihre grosse Unterstützung wäre es mir als Vater von vier Kindern nicht möglich gewesen, seit nun bald 20 Jahren Konrektor respektive Rektor zu sein.
Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?
Ich freue mich eigentlich täglich auf die Arbeit im Gymnasium Liestal. Sie ist unglaublich vielfältig, herausfordernd und spannend. Wir haben tolle Lernende und motivierte Lehrpersonen und eine hervorragende Stimmung im Kollegium und in der Schülerschaft. Ich habe als Rektor aber auch gelernt, dass man nicht allen gefallen kann und nicht allen gefallen darf. Natürlich gab es auch – zum Glück wenige – Situationen, in denen ich mich fragte, warum ich mir das alles antue. Aber das kommt in jedem Beruf einmal vor.
Auf welche Veränderung im Schulalltag, die Sie während Ihrer Amtszeit umgesetzt haben, sind Sie besonders stolz?
Um Veränderungen umzusetzen, braucht es nicht in erster Linie einen Rektor, der Ideen hat, sondern ein gutes Schulleitungsteam und ein gutes Lehrerkollegium, in dem Ideen entstehen. Auch die Schülerschaft kann Ideen zur Weiterentwicklung der Schule einbringen. Sollen Veränderungen in der Schule Bestand haben, müssen sie aus einer guten Mischung aus «bottom up» und «top down» entstehen. Stolz bin ich, dass wir ausgesprochen motivierte Lehrpersonen haben, die sich einbringen wollen. Nie ist es am Gymnasium Liestal ein Problem, Mitarbeitende für Arbeitsgruppen und Projekte zu finden. Auf diese Kultur der Mitarbeit und der Wertschätzung bin ich stolz. Leider lässt der Kanton den Schulleitungen zu wenig Teilautonomie und zu wenig finanziellen Spielraum, um noch mehr erreichen zu können und die Schule noch weiter voranzubringen.
Als Schulleiter hat man oft mit eher unangenehmen Angelegenheiten zu tun. Wie schafft man es trotzdem, die Freude am Job zu behalten?
Die angenehmen Seiten überwiegen bei Weitem, auch im Schulalltag. Ich gewinne zudem viel Energie aus dem eigenen Unterrichten. Es ist erfüllend, jedes Jahr im August neugierige und nervöse Schülerinnen und Schüler zu begrüssen und sie ein paar Jahre später als reife und selbstbewusste junge Menschen zu verabschieden. Das Gymnasium Liestal verfügt zudem über ein sehr reichhaltiges Kulturleben, das leider gegenwärtig eingefroren werden musste. Ausserhalb Corona aber sind die Vorführungen unserer Klassen, der Big Band, des Chors, des Orchesters und des Theaters richtiggehende Energiespender. Schliesslich beflügelt es mich, dass das Gymnasium Liestal eine ausgezeichnete Schule ist.
Inwiefern spielt Ihre legendäre tägliche Velofahrt von Reinach nach Liestal und zurück eine Rolle als Energiespender?
Auf dem Velo kommen mir oft die besten Ideen. Zudem sind die 45 Minuten pro Fahrt beste Entspannung, gut funktionierender Stressabbau und natürlich ein gutes Training, das mir als Sportlehrer wichtig ist. Privat erhole ich mich am liebsten zusammen mit Familie und Freunden, gerne beim Angeln, Wandern, Pilzesuchen und auf Reisen. Ich bin Mitglied eines Turnvereins und spiele am liebsten Basketball und Volleyball.
Schon bald werden auch am Gymnasium – gegen Ihren Willen – die leistungsabhängigen Löhne eingeführt. Macht Ihnen die Umsetzung Bauchweh?
Die Umsetzung bereitet mir keine Bauchschmerzen mehr, weil wir einen Weg gefunden haben, wie wir an den bewährten Mitarbeitendengesprächen festhalten können. Die Möglichkeit, aussergewöhnliches und nachhaltigwirksames Engagement zu belohnen, wurde aus den ordentlichen Mitarbeitendengesprächen ausgelagert. Jedes Jahr 180 Lehrpersonen unter Berücksichtigung des Unterrichts, der Elternarbeit, der Weiterbildung, der Prüfungskorrekturen, der Lernenden-Feedbacks und so weiter zu qualifizieren, wäre mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
Was hoffen und wünschen Sie sich im neuen Jahr für Ihre Schule?
Natürlich wünsche ich mir ein baldiges Ende der Coronakrise, den Abbau der störenden Plexiglaswände, den Blick in Gesichter ohne Schutzmaske. Ich wünsche mir sehr, dass die Kultur in unserem Schulhaus endlich wiederaufleben darf und dass wir einen grossen Schritt in Richtung Digitalisierung machen.
Und für Sie persönlich?
Ich wünsche mir, gesund zu bleiben und weiterhin mit Lust, Freude und Tatendrang von Reinach nach Liestal radeln zu können.
Zur Person
zwy. Thomas Rätz (Jahrgang 1958) hat Mathematik, Sport und Informatik an der Uni Basel studiert. Er promovierte 1992 zu einem Thema im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Nach Teilpensen am Gymnasium Oberwil unterrichtet er seit 1992 am Gymnasium Liestal. 2002 wurde er Konrektor und 2008 Rektor. Thomas Rätz hat zusammen mit seiner Frau Monika Rätz vier Kinder und wohnt in Reinach.