«Besuchsverbot nur im absoluten Notfall»
30.10.2020 Baselbiet, Gesundheit, GesellschaftAlters- und Pflegeheime verschärfen die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus
Innerhalb einer Woche hat sich die Anzahl coronainfizierter Heimbewohner im Baselbiet mehr als vervierfacht. Wie verhindern die Alters- und Pflegeheime ein erneutes Besuchsverbot?
Sebastian ...
Alters- und Pflegeheime verschärfen die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus
Innerhalb einer Woche hat sich die Anzahl coronainfizierter Heimbewohner im Baselbiet mehr als vervierfacht. Wie verhindern die Alters- und Pflegeheime ein erneutes Besuchsverbot?
Sebastian Schanzer
Sie gelten als hochgefährdet, an einer Infektion mit dem Covid-19-Virus zu sterben. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen waren deshalb mehr als andere von den Schutzmassnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie betroffen. Schweizweit mussten Heime während des Lockdowns ihre Türen verschliessen. Besuche der Angehörigen waren, wenn überhaupt, nur über eine Trennscheibe möglich. Nun steigen die Zahlen von Corona-Infizierten wieder stark an. Und mit ihnen steigt auch die Gefahr, dass das Virus wieder in Alters- und Pflegeheime gelangt. Derzeit sind gemäss kantonalem Krisenstab 18 positive Fälle bei Bewohnerinnen oder Bewohnern in Baselbieter Alters- und Pflegeheimen bekannt. Vor einer Woche waren es vier.
Wie sollen die Heime nun dafür sorgen, dass das Virus nicht ins Haus kommt, ohne die Freiheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu stark einzuschränken? Denn eines sei klar, sagt Andi Meyer, Geschäftsführer von Curaviva Baselland, dem Verband der Baselbieter Alters- und Pflegeheime: «Ein flächendeckendes Besuchsverbot, wie wir es im Frühjahr hatten, gilt es mit allen Mitteln zu verhindern.» Es sei eine der grössten Lehren aus dem Lockdown, dass solche einschneidenden Massnahmen nur in absoluten Notsituationen und nicht mehr flächendeckend, sondern lokal beschränkt ergriffen werden sollen. «Das Besuchsverbot hat sich sehr negativ auf die Psyche der Bewohnerinnen und Bewohner ausgewirkt», so Meyer.
«Es gilt, aufzupassen»
Das sieht Raymond Caduff auch so. Dem Heimleiter des Zentrums Ergolz in Ormalingen ist es ein Anliegen, die Bewohner mit möglichst wenig einschneidenden Massnahmen vor dem Virus zu schützen. «Dennoch gilt es jetzt, aufzupassen», so Caduff. Das Personal beobachte die Betagten aufmerksamer. Schon bei leichtem Husten oder sonstigen Symptomen werde sehr schnell der Hausarzt konsultiert und gegebenenfalls ein Test durchgeführt. «Zudem ist bei Besuchern und Mitarbeitenden das Tragen von Masken jetzt ein absolutes Muss.» Auch Berührungen mit den Angehörigen sollten möglichst verhindert werden, und die verschiedenen Wohngruppen sollten sich nicht durchmischen.
Noch keine Verschärfungen gibt es im Zentrum Ergolz bei der Regelung bezüglich Ausgang. Heimbewohner dürfen das Heim ohne grosse Auflagen verlassen. «Gleichwohl beobachten wir die Ausgänge genau», so Caduff. Man richte sich dabei nach den Vorgaben des Bundesrats.
Die Heimleitung des Zentrums für Pflege und Betreuung Mülimatt in Sissach hat hier bereits deutlich strengere Regeln eingeführt. Seit Anfang Woche gilt: «Bewohnerinnen und Bewohner, die das Heim für einen Restaurant- oder Familienbesuch verlassen, begeben sich danach für zehn Tage in Quarantäne in ihr Zimmer.» Die Heimleiterin Mireille Dimetto stellt klar: «Da die einzelnen Heime selber entscheiden und handeln müssen, um einen kompletten Lockdown zu verhindern, sind strengere Haltungen angesagt, damit die Eigenverantwortung, an die auch der Bundesrat appelliert, bestmöglich zum Tragen kommen kann.» Es sei erwiesen, dass Ansteckungen oft im Privatbereich stattfänden. Dem Wunsch der Heimleitung, auf Besuche ausserhalb des «Mülimatt» zu verzichten, entsprächen zwar die meisten Bewohner und auch deren Angehörige. «Dennoch kommt es vor, dass Individualwünsche stärker gewichtet werden als der Kollektivschutz. Dies können wir nicht mehr gutheissen», so Dimetto. Entsprechend sei teilweise «ein gewisser Unmut» zu spüren. Das nehme man aber zum Schutz der 140 Bewohnerinnen und Bewohner in Kauf.
Testen direkt im Heim
Eine gewisse Ermüdung bei Betagten wie auch dem Pflegepersonal stellt auch Andi Meyer von Curaviva fest. Andererseit sei man für die zweite Welle besser gerüstet als für die erste. «Mit dem heutigen Wissen können wir die Situation besser einschätzen und entsprechend Massnahmen ergreifen.» Engpässe beim Schutzmaterial habe man auch nicht mehr zu befürchten. Der Verband überarbeitet derzeit gemeinsam mit dem Kanton das Schutzkonzept für die stationäre Langzeitpflege. «Die bedeutendste Änderung am Konzept wird die Ausweitung der Maskenpflicht sein», so Meyer. Zusätzlich würden auch die Regeln bezüglich Besucher verschärft, etwa durch eine Beschränkung der Besuchszeit oder der Besucherzahl und die Registrierung für das Contact Tracing. In vielen Heimen ist dies aber bereits Realität. Neu könnten in Zukunft hingegen Mitarbeitende und Bewohner direkt im Heim auf das Virus getestet werden. Curaviva arbeitet mit dem Kanton an einem entsprechenden Projekt, wie Meyer bestätigt. «So könnten Ausbrüche rasch und niederschwellig lokalisiert werden, noch bevor sie sich ausbreiten.»