«Zwei Tage Fieber, das wars»
29.05.2020 Bezirk Sissach, Ormalingen, Gesundheit, Gemeinden, GesellschaftDer 89-jährige Erwin Stahl überlebte die Infektion mit Corona
Wenn das Coronavirus Angst und Schrecken verbreiten wollte, war es bei Erwin Stahl an der falschen Adresse. Der 89-jährige Bewohner des Zentrums Ergolz infizierte sich und rechnete mit dem Tod. Es kam anders: Während der ...
Der 89-jährige Erwin Stahl überlebte die Infektion mit Corona
Wenn das Coronavirus Angst und Schrecken verbreiten wollte, war es bei Erwin Stahl an der falschen Adresse. Der 89-jährige Bewohner des Zentrums Ergolz infizierte sich und rechnete mit dem Tod. Es kam anders: Während der Isolation habe er endlich Zeit gefunden, sein Zimmer aufzuräumen.
Sebastian Schanzer
Plötzlich war das Coronavirus da. Im Baselbiet, in Ormalingen, im Altersheim. Als bisher einziges Heim im Oberbaselbiet war das Zentrum Ergolz von Infektionen bei mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern betroffen. «Im ersten Moment waren wir alle etwas irritiert», erinnert sich Heimleiter Raymond Caduff. Es war Ende März, da waren die verstörenden Bilder von den Leichentransporten im italienischen Bergamo bereits um die Welt gegangen. Schnelles Handeln war im Ormalinger Heim gefragt, die entsprechenden Konzepte lagen in der Schublade bereit.
«Das Coronavirus ist nicht das erste und auch nicht das einzige Virus, das um die Welt geht», sagt Caduff. Man habe deshalb schon vor dem Corona-Ausbruch die Hausaufgaben gemacht und neben detaillierten Handlungsanweisungen auch das nötige Schutzmaterial gelagert. Für mindestens zwei Wochen würde der Bestand an Masken, Schutzkleidern und Desinfektionsmitteln ausreichen, «das gab uns einen sicheren Vorsprung».
Ein Ruck ging durchs Personal
Den Ernst der Lage habe man dennoch sofort erkannt. «Ein Ruck ging durch das Personal», sagt Caduff. «Das hat eine unglaubliche Energie bei unseren rund 170 Mitarbeitenden freigesetzt.» Es galt, Verantwortung zu übernehmen, zusammenzustehen, private Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Wie genau das Virus ins Heim kam, weiss man bis heute nicht.
Auf dem Zimmer von Erwin Stahl läutete derweil das Handy. «Wir beten für dich», versicherten ihm Freunde. Ein Test bestätigte die Ansteckung mit Covid-19, nachdem bei ihm am Abend zuvor 38 Grad Fieber gemessen wurde. «Fieber, zwei Tage lang – das war aber auch alles.» Sein Arzt fragte nach anderen Symptomen, etwa Schmerzen in der Brust oder Atemnot – nichts. Einzig für sein allmorgendliches Spiel auf dem Keyboard konnte sich der mittlerweile 89-Jährige nicht mehr so recht motivieren. «Der Arzt konnte es fast nicht verstehen, dass ich keine weiteren Beschwerden hatte», sagt Stahl.
Im selben Heim waren zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits zwei Personen am Coronavirus verstorben. Panik brach deswegen weder bei der Heimleitung noch beim Personal aus. «Das Sterben gehört bei einem Alters- und Pflegeheim dazu. Ein Todesfall kommt selten unerwartet oder abrupt», sagt Heimleiter Caduff. Vielmehr habe man bei den Corona-Infizierten im Zentrum Ergolz ausschliesslich leichte Verläufe beobachtet. Woran das liegt? «Keine Ahnung, das müssen Sie einen Arzt fragen.»
Angst verspürte auch Erwin Stahl nicht. «Ich weiss, dass es nach dem Leben auf der Erde weitergeht. Wenn es hätte sein sollen, wäre ich gegangen.» Auf lebenserhaltende Massnahmen im Spital bei einem schwereren Verlauf der Krankheit hätte Stahl verzichtet. Das hat er in einer Patientenverfügung festgelegt.
Die Verfügung blieb in der Schublade liegen und so stellte sich dem lebensfrohen Mann, der im Erwerbsleben unter anderem als Postbote, Bankangestellter und Schafhirte arbeitete, einzig die Frage: Was tun während der zehn Tage langen Isolation in seinem Zimmer? Lange musste er nicht überlegen. «Ich habe mein Zimmer gründlich umorganisiert», sagt er. Das habe er schon lange tun wollen, sei aber nie dazu gekommen. Kleider, die ihm nicht mehr passten, flogen raus, Bücher, die er nicht mehr brauchte, sortierte er, um sie weiterzuverschenken. Zwei schwarze Säcke hat er mit Material zur Entsorgung gefüllt. «Mag sein, dass ich mein Zimmer unbewusst für einen Nachfolger räumen wollte.» Mit dem Tod gerechnet habe er nach der Ansteckung durchaus.
Psychische Belastung
Wenn er nicht aufräumte, dann las Stahl auf seinem Tablet. Etliche Bücher fasste er zusammen – die Kerngedanken auf einer A4-Seite. Den Umgang mit Tablet und Handy lernte er nach seinem Entritt ins Heim vor drei Jahren. Seither ist die Technologie fest in seinem Alltag verankert. Das zeigt ein Vergleich, den er im Gespräch anführt: «Um mein Immunsystem zu stärken, habe ich während der Zeit in Isolation viel geschlafen. Wenn ich dann aufwachte, hatte ich wieder genügend Energie; so, wie beim Handy, wenn man es über Nacht auflädt.»
Freilich haben nicht alle an Corona erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner im Zentrum Ergolz ihre Infektion so unproblematisch erlebt wie Erwin Stahl. Und auch die Bewohner, die vom Virus bisher verschont blieben, hatten an den strengen Schutzmassnahmen im Heim zu nagen. Wer sich ansteckte, musste für zehn Tage im Zimmer bleiben, die anderen durften sich immerhin innerhalb der Wohngruppe bewegen – unter Wahrung der Abstandsregeln. Besuche im Haus waren bis vor wenigen Wochen verboten. Es gab aber die Möglichkeit, sich am offenen Fenster zu treffen.
«Für viele war das psychisch eine grosse Belastung», sagt Heimleiter Caduff. «Man weiss ja, das Virus ist unsichtbar und lebensbedrohlich.» Die deshalb nötige Trennung von den Mitbewohnern sowie den Angehörigen machte die Lage nicht einfacher. «Viele waren traurig oder niedergeschlagen, weinten und vermissten ihre Liebsten», sagt Caduff. Das Personal habe sich ganz bewusst mehr Zeit genommen, um die Einzelnen zu unterstützen, zu motivieren und mit ihnen über ihren Kummer zu reden.
Zurück in die Keyboard-Stunde
Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt. Mit dem Abflachen der Ansteckungsrate wurden die Einschränkungen nach und nach gelockert. Besucher dürfen das Heim seit Mitte Mai wieder betreten. Eine Vorrichtung mit Plexiglasscheiben macht lang ersehnte Begegnungen wieder möglich.
Die Bewohner dürfen das Haus auch wieder verlassen, um spazieren zu gehen. Zunächst begleitete sie das Pflegepersonal einzeln, dann in Gruppen. Heute ist sogar der selbstständige Spaziergang ins Dorf erlaubt – nur in die Beiz oder in den Laden dürfen die Bewohner noch nicht.
«Wir vertrauen auf die Eigenverantwortung», sagt Caduff. «Das sind mündige Menschen, wir haben nicht das Recht, sie einzusperren.» Auszuscheren würde sich aber sowieso nicht lohnen, sagt Stahl dazu. «So viele Pfleger und Pflegerinnen wohnen in Ormalingen. Sie würden mich sofort wieder einfangen.» Der Heimleiter lacht zufrieden und sagt zu ihm: «Aber die Freiheit, Erwin, die müssen wir bald wieder einführen, gell?»
Für Stahl ist denn auch klar, was er dann tun wird: «Als Erstes gehe ich wieder in den Keyboard-Unterricht nach Gelterkinden. Man kann Musik studieren, aber ausgelernt hat man nie.»