Kunstrasen ersetzen oder vergrössern?
26.09.2019 Bezirk Sissach, Sport, SissachSportler wünschen sich wettkampftaugliches Spielfeld
Der Kunstrasen auf der Sissacher Sportanlage Tannenbrunn muss erneuert werden. Kostenpunkt: 640 000 Franken. Doch die Sportvereine wünschen sich zum doppelten Preis ein wettkampftaugliches Feld.
Jürg ...
Sportler wünschen sich wettkampftaugliches Spielfeld
Der Kunstrasen auf der Sissacher Sportanlage Tannenbrunn muss erneuert werden. Kostenpunkt: 640 000 Franken. Doch die Sportvereine wünschen sich zum doppelten Preis ein wettkampftaugliches Feld.
Jürg Gohl
Verrückte Wochenenden wie das letzte des Vormonats sind auf dem «Tannenbrunn» gar nicht so selten. Da wird die Sissacher Sportanlage am Dorfausgang in Richtung Zunzgen vom Hauptnutzer, den Fussballern, für den normalen Meisterschaftsbetrieb in Beschlag genommen, die Schützen feiern ihr «Kantonales» beider Basel, die Turner führen ein Faustballturnier durch, und die Frogs tragen eine Baseball-Partie aus. Auf der gegenüberliegenden Seite sorgt der jubilierende EHC Zunzgen-Sissach für Hochbetrieb.
«Es klappte alles», sagt Jürg Chrétien vom TV Sissach, «weil sich alle organisierenden Vereine absprachen und Rücksicht nahmen.» Zudem verfügen die Sissacher Klubs über reichlich Routine, werden auf ihrer Sportanlage doch regelmässig Grossanlässe ausgerichtet. Auch unter der Woche herrscht konstant Hochbetrieb: Erhebungen hätten ergeben, dass auf den Sportplätzen rund 1000 Personen, grösstenteils Sissacher Einwohner, regelmässig Sport treiben, sagt Daniel Schaub vom Komitee «pro Breitensport».
In dieser Zahl sind die individuellen Freizeitsportler, die sich zum Beispiel auf der Finnenbahn fit halten, nicht einmal erfasst. So trimmt sich dort auch die Feuerwehr. Es sei, das hat die Untersuchung auch ergeben, die mit Abstand am stärksten benutzte Sportanlage im Oberbaselbiet.
Für 356 aktive SVSler
Hauptnutzer ist der Sportverein Sissach. 356 aktive Fussballerinnen und Fussballer, davon über zwei Drittel Kinder und Jugendliche, nehmen in 21 Mannschaften am Meisterschaftsbetrieb teil. Tendenz steigend. Alleine elf Teams spielen Elfer-Fussball, das heisst in der gewohnten Mannschaftsund Feldgrösse. Nicht selten teilen sich im Training bis zu vier Mannschaften ein Spielfeld. Ohne das bestehende Kunstrasenfeld wäre der Betrieb längst zusammengebrochen.
Das 2005 in Betrieb genommene Feld muss dringend erneuert werden. Dazu wird der Gemeinderat der Einwohnergemeindeversammlung vom 15. Oktober einen Kredit in der Höhe von 640 000 Franken vorlegen. Doch die Sissacher Sportvereine sind mit dieser Idee gar nicht glücklich. «Nutzen wir doch die Chance und realisieren etwas Rechtes», sagt Jürg Chrétien.
Was er unter «etwas Rechtes» versteht? Das Kunstrasenfeld soll um rund 1000 Quadratmeter vergrössert werden, damit dort in Zukunft auch ordentliche Meisterschaftspartien ausgetragen werden können. Der Fussballverband schreibt für ein normales Spielfeld eine Fläche von 100 mal 64 Metern vor und drückt bei Abweichungen nach unten bis 10 Prozent noch ein Auge zu, nicht aber beim seitlichen Sicherheitsabstand von jeweils drei Metern.
Kunstrasen setzen sich im Fussball allmählich durch. Im Oberbaselbiet bildet der Sissacher Naturrasen im Tannenbrunn bereits die Ausnahme. In Bubendorf, Diegten, Gelterkinden und Oberdorf ist das Hauptfeld bereits mit einem Kunstrasen bestückt, der weit strapazierfähiger und günstiger zu unterhalten ist.
Teure Nagelwand
Von einem zweiten vom Verband abgesegneten Spielfeld für Elfer-Fussball würden auch alle anderen Vereine profitieren, argumentiert Chrétien. Bei ihnen stiess der TV-Vertreter mit seinem Vorschlag, das Kunstrasen-Trainingsfeld durch ein konformes Spielfeld zu ersetzen, auf offene Ohren. Schnell hatte er ein neunköpfiges Komitee «pro Breitensport» beisammen, in dem der Turnverein (Jürg Chrétien, Martin Häberli), der Fussballverein (Bruno Fedriga, Christian Bussinger, Daniel Schaub), die Frogs (Christian Klarer) und sogar die Eishockeyaner (Michael Amsler) prominent vertreten sind. Hinzu stiessen Ruedi Graf, der Kämpfer für die neue Kunsti, und Ruedi Schaffner, der ehemalige Gemeindepräsident.
Chrétien und seine Mitstreiter werden deshalb am 15. Oktober dem Antrag des Gemeinderats mit dem Gegenantrag begegnen, dass das Kunstrasenfeld nicht bloss erneuert, sondern gleich um 1000 Quadratmeter vergrössert werden soll. Das Kunstrasenfeld in ein Spielfeld umzuwandeln, das die Mindestmasse für den offiziellen Spielbetrieb erfüllt, sei in der örtlichen Sportkommission «schon immer ein Thema» gewesen, sagt Chrétien, der auch deshalb dem Komitee vorsitzt, um nach aussen zu signalisieren, dass nicht nur der SVS, sondern alle Sportvereine hinter dem Anliegen stehen.
Ihre Idee ist von Fachleuten bereits berechnet worden und besteht als Projekt auf dem Papier. Damit die bestehenden Einrichtungen, namentlich Baseball- und Leichtathletik-Anlagen sowie die Finnenbahn, nicht dem grösseren Platzbedarf des neuen Kunstrasenfelds geopfert werden müssen, könnte das neue Fussballfeld nur in nördlicher und westlicher Richtung ausgedehnt werden. Dies würde bedingen, dass in westlicher Richtung Land abgetragen und das Spielfeld mit einer sogenannten Nagelwand abgesichert werden muss.
Diese Arbeiten allein kosten 450 000 Franken und sind zur Hauptsache dafür verantwortlich, dass sich die Kosten im Vergleich zur Erneuerung, wie sie der Gemeinderat vorsieht, auf 1,265 Millionen Franken praktisch verdoppeln. «Wir erachten es als sinnvoll, die notwendige Sanierung gleich dazu zu benutzen, ein zukunftsgerichtetes Projekt zu realisieren, anstatt es später für viel zusätzliches Geld umzusetzen», sagt Chrétien.
Die Argumente, dass Sissach bereits im Schulbereich vor riesigen Investitionen steht und sich eben an einer anderen Sportstätte, der Kunsteisbahn, die Finger verbrannt hat, lässt er nicht gelten. Der Gegenantrag sei seriös berechnet und berge keine unliebsamen Überraschungen. Zudem habe die Geber- und Zentrumsgemeinde Sissach in den vergangenen Jahren stets satte schwarze Zahlen ausgewiesen. Der Vorschlag der Vereine würde «garantiert» keine Steuererhöhung auslösen.
«Massiver Eingriff in die Umgebung»
jg. Der Sissacher Gemeinderat ist sich bewusst, dass er mit seinem Vorschlag, das Trainingsfeld bloss mit einem neuen Kunstrasen zu versehen und von einer Vergrösserung abzusehen, am 15. Oktober einen schweren Stand haben wird – auch weil dann die Sportvereine «mobilisieren» werden. «Wir haben uns mit dem Vorschlag des Komitees auseinandergesetzt», sagt Gemeinderätin Beatrice Mahrer, «doch es gehört zu unseren Aufgaben, zu den Finanzen der Gemeinde Sorge zu tragen.» Dass der Kunstrasen dringend ersetzt werden muss, steht für sie ausser Frage. Normalerweise halten diese 10 bis 12 Jahre, das Sissacher Exemplar hat aber trotz starker Benutzung bereits 14 Jahre auf dem Buckel.
Die für die Belange des Sports zuständige Gemeinderätin betont, dass Sissach zuletzt viel Geld in den Vereins- und Breitensport investiert habe und fügt die Stichworte Kunsti, Badi und Bützenen-Halle an. Beim Entscheid des Gemeinderats zugunsten der minimalen Variante habe zudem der Zeitdruck eine Rolle gespielt. Der Kunstrasen wird in beiden Fällen im Sommer 2020 ersetzt. Dass bei der Variante der Sportvereine ein Stück Hang abgetragen werden müsste, liefert dem Gemeinderat ein nächstes Argument, das für die reine Erneuerung spricht: «Bei einer Ausweitung müssten wir einen massiven Eingriff in die Umgebung vornehmen», sagt Mahrer.
Auch wenn es in diesem Traktandum um Sport geht, weigert sich Beatrice Mahrer, von einer «Niederlage» des Gemeinderats zu sprechen, sollte am 15. Oktober der Gegenvorschlag des Komitees «pro Breitensport» eine Mehrheit erlangen: «Das ist ein ganz normaler politischer Prozess. Wir sind schliesslich dafür gewählt, die Wünsche der Mehrheit umzusetzen.»