Der Tomatenflüsterer
27.09.2019 Bezirk Sissach, SissachSeit mehr als 20 Jahren hegt und pflegt Ernst Bösiger in seinem Schrebergarten am Gottesackerweg Gemüse, Salate und Früchte. In drei Jahren soll damit Schluss sein. Die Gemeinde Sissach braucht das Areal für Parkplätze. Ein kleines Paradies verschwindet.
Heiner ...
Seit mehr als 20 Jahren hegt und pflegt Ernst Bösiger in seinem Schrebergarten am Gottesackerweg Gemüse, Salate und Früchte. In drei Jahren soll damit Schluss sein. Die Gemeinde Sissach braucht das Areal für Parkplätze. Ein kleines Paradies verschwindet.
Heiner Oberer
Vor drei Jahren hat sich im Schrebergarten des passionierten Gärtners Ernst Bösiger (85) am Gottesackerweg in Sissach ein stattlicher Alant (vgl. Kasten) angesiedelt. «Ich wusste anfänglich nicht, um welche Pflanze es sich handelt», sagt Bösiger. Er habe sich schlaugemacht und herausgefunden, dass der Alant ziemlich speziell ist: «Der soll unter anderem vor Unheil schützen. Was ja nie schaden kann.»
Es ist schon gegen Ende September. Es ist heiss, die Sonne sticht vom Himmel. Wir sitzen im Schuppen mit Blick auf üppiges Grün von Bösigers Schrebergarten. Alles ist wohlgeordnet, das Gartenwerkzeug ist sauber und militärisch aufgereiht, als stünde eine Inspektion bevor. Bei jedem Windstoss erklingt das Windspiel, das an der Decke angebracht ist. Für Bösiger ist das sein Paradies. Der Ort, wo er Ruhe findet. Wohin er sich zurückziehen kann. Wo er eins ist mit der Natur. Natur, die von ihm seit über 20 Jahren gestaltet und geformt wird. Das mit Leidenschaft und Herzblut.
Wässern nur mit der Spritzkanne
Bösiger, als Einzelkind aufgewachsen in Rohr bei Aarau, hat als 15-Jähriger eine dreijährige Gärtnerlehre in der ehemaligen Gärtnerei Wickli in Rohr absolviert. «Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Lehrzeit. Mein Lehrmeister hat in mir die Freude am Gärtnern geweckt, die bis heute anhält.»
Um sich weiterzubilden, absolviert er drei Jahre danach den Jahreskurs an der Gartenbauschule Öschberg in Koppigen. 1959 meldet er sich auf die ausgeschriebene Stelle als Fabrikgärtner der JRG in Sissach. Am 1. Dezember 1959 zieht er, inzwischen verheiratet, nach Sissach und tritt die Stelle als Gärtner an. 39 Jahre hält er zusammen mit seiner Crew das Fabrikgelände der JRG und die Privatgärten der Familien Gunzenhauser und deren Kindern in Ordnung.
Es müsse ein Umdenken stattfinden, sagt Bösiger. Gewisse Gemüse hätten zunehmend Probleme: «Es war wieder ein aussergewöhnlicher Sommer. Viel zu heiss. Viel zu trocken.» Blumenkohl, Broccoli oder Romanesco seien nicht recht gewachsen. Dafür seien südliche Gemüse wie Zucchetti, Auberginen, Peperoni und sogar Melonen zünftig ins Kraut geschossen. «Ohne tägliches Wässern gedeiht aber nichts.» Zweimal am Tag ist der 85-Jährige von Frühling bis Herbst in seinem Schrebergarten und wässert von Hand. Das erkläre auch, warum sein rechter Arm inzwischen wohl etwas länger sei als der linke … «Bei mir kommt nur die Spritzkanne zum Einsatz», so Bösiger. Der Gartenschlauch ist für ihn tabu.
Parkplätze statt Nüsslisalat
In dieser Zeit könne er auch keine Woche Ferien am Stück machen. Seine Gemüse sind ihm zu wichtig. Die Ernte verteilt er an Freunde oder seine drei Söhne. Zudem komme in der Saison täglich frisches Gemüse oder Salat auf den Tisch. «Natürlich wehren meine Söhne ab, wenn ich wieder und wieder mit einer Wagenladung Zucchetti aufkreuze.» Aber: Das sei halt nun einmal so, in der Saison kommt das auf den Tisch, was gerade wächst.
Etwas abseits steht das Tomaten-Gewächshaus. Eine gescheite Tomatenernte sei nur möglich, wenn die Stauden gedeckt sind. Überhaupt, die Tomaten – sie sind für den passionierten Gärtner die Lieblinge. Das hat ihm auch den Übernamen «Tomatier» eingetragen. Ein eher tristes Kapitel ist der Nüsslisalat. «Richtig», so Bösiger, «den mag ich überhaupt nicht.» Trotzdem. Jedes Jahr sät er für gute Freunde ungeliebten Salat aus.
Bei der Frage über die Zukunft der Schrebergärten kommt bei Bösiger Wehmut auf. «Die Schrebergärten sollen in drei Jahren aufgehoben werden», sagt er. Das Land sei Eigentum der Gemeinde Sissach. Wo heute der Anblick von Gemüse, Salat und Früchten das Herz des Gärtners erfreut, sollen dereinst Parkplätze entstehen. Aber Ernst Bösiger hat sich schon Gedanken über die Zukunft gemacht: Wenn es so weit sei, und es die Gesundheit zulasse, erstelle er zwei bis drei Hochbeete in seinem Privatgarten. «Das hat unter anderem den Vorteil, dass ich mich nicht mehr so oft bücken muss.»
Noch ist es aber nicht so weit. Wir stehen vor dem Alant, der noch einzelne Blüten trägt. «Ein Schrebergarten ohne Blumen ist kein richtiger Schrebergarten», erklärt er. Sanft berührt er die haarigen Blätter seines Lieblings, als würde er über den Kopf eines Kleinkindes streichen. Man spürt, der Mann ist zufrieden mit sich und der Welt. Mit dem Schrebergarten hat er sein kleines Paradies gefunden.
Alant soll vor Unheil schützen
hob. Echter Alant (Inula helenium), auch Brustalant, Grosser Heinrich, Helenenkraut oder Schlangenwurz genannt, stammt ursprünglich aus Klein- und Zentralasien. Der mehrjährige Alant kann bis zu zwei Meter hoch werden und besitzt gelbe, auffällige Blütenknöpfe, die sich in der Blütezeit von Juli bis September zeigen. Die Blätter werden bis zu 50 Zentimeter lang und auf ihren Unterseiten befinden sich Filzhaare. Alant wird zum Würzen in der Küche verwendet zudem ist es eine Heilpflanze. Die Verwendung der Wurzel in der Küche ist ähnlich der von Ingwerwurzel. Alant eignet sich besonders gut zum Würzen von Süssspeisen. Ebenso kann die Wurzel kandiert werden und findet Verwendung bei Likören. Der Alant wirkt unter anderem auswurffördernd, entzündungshemmend, blutreinigend, harntreibend, galletreibend, hustendämpfend, krampflösend, verdauungsfördernd und schweisstreibend. In der Naturheilkunde wird Alant hauptsächlich gegen Asthma und Husten eingesetzt. Und ja: Er soll vor Unheil schützen.