Im 100. Jahr grösser und stärker denn je
28.06.2019 Bezirk Sissach, Energie/Umwelt, Wirtschaft, SissachTraditionsfirma Rauscher & Stoecklin AG
Was 1919 in einem Lokomotivschuppen begonnen hat, hat sich zu einem international tätigen Unternehmen mit gutem Ruf entwickelt. Die Rauscher & Stoecklin AG ist ihren Wurzeln stets treu geblieben. Noch immer fertigt sie in Sissach ihre ...
Traditionsfirma Rauscher & Stoecklin AG
Was 1919 in einem Lokomotivschuppen begonnen hat, hat sich zu einem international tätigen Unternehmen mit gutem Ruf entwickelt. Die Rauscher & Stoecklin AG ist ihren Wurzeln stets treu geblieben. Noch immer fertigt sie in Sissach ihre Apparate zur Verteilung von Energie. Heute feiert das Unternehmen seinen 100. Geburtstag.
Christian Horisberger
Ein wuchtiger Transformator mitten im Netzen-Kreisel tut es kund: Das Sissacher Elektrotechnik-Unternehmen Rauscher & Stoecklin AG feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Heute Abend feiern Belegschaft und Partner den runden Geburtstag auf dem Firmenareal. Zu Ehren der Firmengründer Hermann Rauscher und Achille Stoecklin werden Fotos und Dokumente aus der Gründerzeit präsentiert. Die Rauscher & Stoecklin hat der «Volksstimme» vorgängig Einblick in ihr Archiv gewährt und durch den Betrieb geführt.
Während des Ersten Weltkriegs war die Elektrifizierung in der Schweiz wegen Brennstoff-Versorgungsengpässen vorangetrieben worden. Einige Monate nach Kriegsende, im Juli 1919, taten sich Hermann Rauscher und Achilles Stoecklin zusammen und gründeten die Kollektivgesellschaft Rauscher & Stoecklin, Sissach. Die Firmenväter hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung im Bau elektrischer Apparate und im Betrieb von Elektrizitätswerken gesammelt. Im eigenen Unternehmen wollten die Partner «neue Ideen und Konstruktionen auf dem Gebiete des elektrischen Apparatebaues verwirklichen», wie in der Jubiläumsschrift von 1959 nachzulesen ist. Damals feierte der Betrieb seinen 40. Geburtstag.
Armeeaufträge in Kriegsjahren
Die Gründer starteten mit dem Bau von Niederspannungsapparaten wie Hausanschlusskästen, Motorschaltkästen, Steckkontakten oder Sicherungskästen für Giessereien, chemische Fabriken, Kesselhäuser und viele bedeutende Elektrizitätswerke der Schweiz. Die meisten Kunden bezogen damals den Strom in Hochspannung. Um vollständige Schaltanlagen und Transformatoren liefern zu können, ergänzten Rauscher und Stoecklin deshalb ihr Fabrikationsprogramm mit Hochspannungsapparaten und Transformatoren. Dann begann das Geschäft zu brummen. Schon früh konnte die Firma ihre Produkte auch exportieren – und sie trug Sorge zu ihren Mitarbeitenden: Bereits 1930 gründete sie eine Personalvorsorgestiftung.
Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte Rauscher & Stoecklin mit Versorgungsengpässen. Mit verschiedenen Ersatzmaterialien wurden diese überbrückt. Der Umsatzschwund durch den Rohmaterialmangel konnte mit Armeelieferungen kompensiert werden. Dennoch bedeuteten die Kriegsjahre eine Durststrecke, mit der eine Teuerung von 50 Prozent einherging. Das Kriegsende «läutete eine Periode grosser Prosperität ein, welche die Verkaufsumsätze in ungeahnter Weise steigen liess», heisst es in der Jubiläumsschrift weiter.
Der Fabrikationsbetrieb am Bahnhof wurde laufend erweitert. Am Standort Sissach, von den Gründern auch wegen seiner Lage an der Bahnlinie zwischen den beiden Zentren Basel und Olten ausgewählt, wurde eisern festgehalten. Der bislang letzte Ausbauschritt erfolgte 2008/2009, nachdem das Personal längere Zeit unter beengten und damit erschwerten Bedingungen gearbeitet hatte. Insbesondere die Werkräume für die Transformatorenproduktion platzten aus allen Nähten.
Prototypen für Katar
Im Erdgeschoss des zweistöckigen Neubaus befindet sich ein Teil der Transformatorenfertigung, im Obergeschoss werden Schaltanlagen geplant und zusammengebaut. Auf der anderen Seite der Reuslistrasse, die das Betriebsgelände teilt, fertigt das Unternehmen Schalter, Hochstromsteckverbinder sowie Hausanschlusskästen. Die in Sissach gefertigten Produkte kommen bei Kraftwerken, Eisenbahnen, Tunnels, aber auch bei Einkaufszentren, Hotels, Wohnüberbauungen oder Gewerbe- und Industriebetrieben zum Einsatz.
Wichtigstes Standbein des Unternehmens sind die Transformatoren: Mehr als drei Viertel des Umsatzes gehen auf ihr Konto. Pro Tag verlassen durchschnittlich fünf bis sechs Stück die Werkhalle. Die Geräte wiegen 100 bis 4000 Kilogramm, haben eine Leistung von 250 bis 2500 Kilovoltampère und einen Verkaufswert von 5000 bis 50 000 Franken.
Gegenwärtig werden zwei Transformator-Prototypen der Rauscher & Stoecklin in Katar getestet. Im Hinblick auf die Fussball-WM will das Emirat seine Infrastruktur massiv ausbauen. Sollten sich die Araber für das Schweizer Produkt entscheiden, würde das einen Auftrag im Umfang von Hunderten Geräten bedeuten. Einen ebenfalls prestigeträchtigen Auftrag wickeln derzeit die Schaltanlagenspezialisten im Obergeschoss des Neubaus ab. Rauscher & Stoecklin plant und baut die Steuerungen für die Gebäude von «The Circle». Das beim Flughafen Zürich-Kloten entstehende Geschäftszentrum sei die derzeit grösste Hochbau-Baustelle der Schweiz, erklärt Julian Cassidy, Projektleiter im Schaltanlagenbau, beim Betriebsrundgang.
Verkauf und Zukäufe
Kaum war 2009 der Neubau an der Felsenstrasse eingeweiht, zogen sich die Nachfahren der Firmengründer 2012 aus dem Unternehmen zurück. Sie verkauften ihre Aktien an die Investorengruppe CGS mit Sitz in Pfäffikon. Die CGS ist darauf spezialisiert, mittelständische Unternehmen zu internationalen Gruppen zu formen und zu entwickeln. So ergänzte die CGS die Rauscher & Stoecklin AG denn auch mit drei weiteren Firmen aus der Elektroversorgungsbranche und bildete daraus die R & S Holding. Erste Akquisition war 2014 die tschechische Firma Serw. Sie fertigt Trennschalter bis zu 420 Kilovolt. Ein Jahr später kaufte die Holding in Polen ein. Sie erwarb den Leistungstransformatorenbauer ZREW. Mit der italienischen Tesar, einem Spezialisten für Giessharztransformatoren, wurde die Gruppe 2016 komplettiert.
«Schwestern» zusammenführen
Der Zusammenführungsprozess der vier Schwestern ist nach wie vor in Gang: Es gilt, Synergien zu nutzen und im Verkauf zusammenzurücken, um in der elektrotechnischen Versorgung und Energieverteilung ganze Pakete anbieten zu können. Das Leitmotiv der R & S Holding lautet: «Überall dort, wo Strom gebraucht wird, sorgen wir für eine sichere und zuverlässige Versorgung.»
Als Standort der Holding wählten die Investoren Sissach. Ein klares Bekenntnis zur Schweiz – im Wissen darum, dass Schweizer Qualität bei den Kunden hoch im Kurs steht. Dennoch müsse das Unternehmen scharf kalkulieren, wenn es mit seinen Mittelspannungs-Transformatoren mit internationalen Konkurrenten mithalten wolle, erklärt Cassidy.
Die R-&-S-Gruppe beschäftigt insgesamt mehr als 700 Mitarbeitende – davon um 100 in Sissach. Ihre Produkte werden in mehr als 75 Länder verschifft. CEO der Holding ist Mike Lauper, Chef der Sissacher Rauscher & Stoecklin AG ist Pietro Nizzola.
Zwei Spulen und ein Eisenkern
vs. Ein Transformator verändert elektrische Spannungen. Er besteht aus zwei Spulen mit je einem aufgewickelten Kupferdraht, die durch einen Eisenkern verbunden sind. Um die Spannung umzuwandeln, haben die beiden Spulen nicht die gleiche Anzahl Windungen oder Wicklungen. Hat die zweite Spule nur halb so viele Windungen wie die erste, dann wird die Spannung halb so gross. Hat die zweite Spule aber doppelt so viele Windungen wie die erste, verdoppelt sich die Spannung.