«Bei den Zinsen wird in naher Zukunft nichts passieren»
30.04.2019 Baselbiet, Finanzen, WirtschaftRaiffeisen-Verwaltungsratspräsident Fredi Zwahlen im Gespräch über das Geschäft in Zeiten des billigen Geldes
Rund 1000 Genossenschafter werden am Freitag zur Generalversammlung der Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet in der Lausner Mehrzweckhalle Stutz erwartet. Zeit, um mit dem ...
Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident Fredi Zwahlen im Gespräch über das Geschäft in Zeiten des billigen Geldes
Rund 1000 Genossenschafter werden am Freitag zur Generalversammlung der Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet in der Lausner Mehrzweckhalle Stutz erwartet. Zeit, um mit dem Verwaltungsratspräsidenten Fredi Zwahlen über Geld zu reden.
David Thommen
Herr Zwahlen, erklären Sie uns bitte ganz kurz: Wie funktioniert das
Geschäftsmodell Ihrer Bank?
Fredi Zwahlen: Unser Kerngeschäft ist das Zinsgeschäft. Das heisst, wir nehmen Kundengelder entgegen und leihen das Geld meist als Hypothek oder Geschäftskredit wieder aus. Dazu kommt das «indifferente Bankgeschäft», also in erster Linie das Geschäft mit Wertschriften. Wir haben uns in der Beratung darauf immer mehr spezialisiert.
Sie beschreiben ein klassisches Geschäftsmodell, das für Banken früher üblich war. Mittlerweile, im Zeitalter der Negativzinsen, sind die Margen im Zinsgeschäft sehr tief geworden. Lohnt sich das alles noch?
Die Margen sind in der Tat stark erodiert und tun dies auch weiter. Die Hypotheken bleiben dennoch nach wie vor unser grösstes Feld:Wenn die Marge kleiner wird, muss man einerseits das Volumen ausweiten, um die Einbussen zu kompensieren. Dies gelingt uns gut. Andererseits gilt es, den Bereich mit den indifferenten Geschäften zu steigern.
Woher kommen die neuen Kundengelder?
Die Bevölkerung im Baselbiet wächst und die regionale Wirtschaft prosperiert nach wie vor. Es gelingt uns aber auch, Kunden anderer Banken mit unserem Angebot zu überzeugen und damit zu gewinnen.
Seit der Finanzkrise müssen die Banken ein höheres Eigenkapital vorweisen. Inwieweit haben Sie Ihre Hausaufgaben schon gemacht?
Wir sind in der glücklichen Lage, regelmässig schöne Gewinne zu schreiben und damit unsere Eigenmittel stetig zu alimentieren. Wir als Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet sind heute noch ganz knapp unter den 15,6 Prozent Eigenkapitalquote, die von der Finma für die gesamte Gruppe als Richtwert vorgegeben werden. Schon im Herbst werden wir diesen Wert überschritten haben und weiter steigern. Die Raiffeisen Schweiz als Gruppe kommt auf eine Kapitalisierung von 17,5 Prozent.
Ihr Hauptgeschäft sind die Hypotheken. Es ist derzeit von einer Immobilienblase und einer sich anbahnenden Hypothekenkrise die Rede.
Ich teile die Befürchtung nicht: Die Lage ist stabil. Bei den Zinsen wird in nächster Zeit vermutlich nichts passieren. Falls sich die Zinsen später doch einmal nach oben bewegen sollten, glaube ich an einen moderaten Anstieg, was kaum Gefahren birgt. Schauen Sie in die USA: Dort wurde der Leitzins in den letzten zwei Jahren in kleinen Schritten erhöht – das bremst das Wachstum nicht und verursacht auch keine Krise.
Bitte schauen Sie für uns in die Kristallkugel: Wie lange noch werden die Zinsen so tief sein?
Ich denke, noch für mindestens zwei Jahre. Die Europäische Zentralbank, nach der sich die Schweizer Nationalbank stark ausrichtet, wird angesichts der hohen Verschuldung vieler Länder die Zinsen tief halten müssen. Es kommt hinzu, dass man mit höheren Zinsen Investitionen der Wirtschaft bremsen würde, was im Moment niemand will.
Werden wir überhaupt jemals wieder eine Situation mit Zinsen von 4 oder 5 Prozent erleben?
Das schliesse ich auf lange Sicht nicht aus. Aber wie gesagt: Ein Anstieg wird langsam vonstattengehen. Alle werden Zeit haben, sich anzupassen, was eine Krise verhindern wird.
Gibt es im Oberbaselbiet Anzeichen einer Überhitzung auf dem Immobilienmarkt?
Nein. Die Gefahr besteht nur dort, wo auf Vorrat grosse Mehrfamilienhäuser entstanden sind. Hier im Oberbaselbiet wurden vor allem Einfamilienhäuser von Zuzügern gebaut, die meist gut bezahlte Jobs im Raum Basel in florierenden Betrieben haben. Wir als Bank haben da ein ganz geringes Risiko, zumal wir Hypotheken nicht wahllos, sondern nach strengen Kriterien vergeben.
Mittlerweile wird kritisiert, dass die restriktive Hypothekenpolitik der
Banken es gerade jungen Familie sehr schwer macht, den Traum vom
Eigenheim zu verwirklichen.
Ich teile die Kritik nicht. Die Vorgaben wurden zwar strenger, doch damit helfen wir den jungen Familien, Eigentum zu erwerben, das für sie auch längerfristig tragbar ist. Wir stellen zudem fest, dass sehr viele 30- bis 40-Jährige den Eigenmittelanteil von 20 bis 25 Prozent relativ gut stemmen können, da sie Hilfe von ihren Eltern bekommen. Die Ü-50er-Generation konnte ein gewisses Vermögen bilden und ist damit oft in der Lage, den Jungen nun zu helfen, die Eigenmittelthematik zu entschärfen.
Man muss also aus gutem Haus sein, um ein Haus bauen zu können?
Das wäre überspitzt formuliert. Es besteht notfalls ja immer auch noch die Möglichkeit, das Vorsorgekapital mit einzubeziehen. In Tat und Wahrheit müssen wir als Bank nur sehr wenige junge Familien enttäuschen, die den Wunsch haben, Eigentum zu erwerben. Aber natürlich: Wer jung ein Haus kaufen will, wird sich bei den sonstigen Ausgaben während einiger Jahre einschränken müssen. Aber das war niemals anders.
Welchen Eindruck machen die KMU im Gebiet der Raiffeisenbank Liestal- Oberbaselbiet? Sind sie gesund? Wachsen sie?
Durchaus. Unsere Kreditausfallquote ist nach wie vor sehr tief, was zeigt, dass wir in einem gesunden Gebiet tätig sind und dass unsere Nähe zu den KMU eine gute Beratung zulässt. Wir haben in unserer Region zudem starke Unternehmer, die tagtäglich gute Leistungen erbringen.
Wo findet die Entwicklung der Baselbieter Wirtschaft statt?
Hauptsächlich von Sissach an abwärts, also Richtung Stadt. Das Oberbaselbiet ist schon historisch gesehen wirtschaftlich auf vorwiegend viele und eher kleine Familienbetriebe ausgerichtet. Dort stellen wir mittlerweile fest, dass eine fehlende Nachfolgeregelung zum grösseren Problem wird. Häufig werden deswegen Investitionen hinausgeschoben, bis klar ist, wie es weitergeht. Wenn es einmal mehrjährige Investitionsstopps gegeben hat, wird es schwierig, Rückstände wieder aufzuholen. In der Schweiz gibt es mittlerweile 70 000 Betriebe, bei denen aktuell eine Nachfolgeregelung ansteht. 15 bis 20 Prozent der Firmen werden diese nicht wunschgemäss regeln können. Uns als Bank ist dieses Thema nah und wir bieten diesen Unternehmern unsere Beratung an.
Die Basellandschaftliche Kantonalbank baut einige Filialen um und bietet den Kunden künftig mehr Dienstleistungen an Automaten an.
Diese Thematik beschäftigt uns natürlich ebenfalls. Wenn es nur darum geht, Geld abzuheben, sind Automaten eine gute Wahl. Bei uns wird es jedoch keine reine «Automatenbank» geben, wir wollen vielmehr Mitarbeiter an unseren Standorten, die unseren Kunden die persönliche Beratung gewährleisten.
Wie lange wird es überhaupt noch Bargeld geben?
Die Bedeutung nimmt nun rasend schnell ab. All die Alternativen, zum Beispiel das Zahlen mit Apps, werden massiv vorangetrieben. Ich schätze, dass Bargeld, wie wir es heute verwenden, noch eine Sache von fünf bis sieben Jahren sein wird und danach nur noch eine kleine Rolle spielt. Es gibt bald keinen Grund mehr, weshalb man im Laden noch konventionell bezahlen sollte.
Und die alten Menschen?
Sie werden weiterhin mit Bargeld zahlen können, sofern sie sich nicht umstellen wollen oder können. Wer aber in zehn Jahren zu der älteren Generation gehören wird, wird sich längst an die digitalen Angebote gewöhnt haben.
Mittlerweile wollen Konzerne wie Google, Apple oder Amazon ebenfalls so etwas wie Banken sein. Fürchten Sie diese Konkurrenz?
Die Technologiekonzerne übernehmen Aufgaben wie den Zahlungsverkehr oder Abwicklung von Transaktionen. Wenn es hingegen ums Banken-Kerngeschäft geht, haben diese Konzerne nichts zu bieten, sie haben ja auch keine Banken-Lizenz. Die Digitalisierung wird aber noch viele Neuerungen im reinen Transaktionsgeschäft und in der Vermittlung von Geschäften bringen. Es werden Jobs entstehen, die es heute noch gar nicht gibt und andererseits werden durch die Digitalisierung auch Aufgaben automatisiert werden und dadurch Jobs wegfallen.
Raiffeisen Schweiz hat den Abbau von 200 Stellen in St. Gallen bekannt gegeben. Was bedeutet das für Sie?
Der neue Raiffeisen-CEO Heinz Huber weiss, dass eine grosse Reform ansteht. Er antizipiert mit seinem 100-Millionen-Sparprogramm diesen Prozess. Im November entscheidet die Delegiertenversammlung, welche Aufgaben die Raiffeisen Schweiz im Dienste der 246 angeschlossenen Banken künftig noch wahrnehmen soll. Erst dann entscheidet sich die langfristige Ausrichtung von Raiffeisen Schweiz.
Raiffeisen Schweiz mit ihrem ehemaligen Chef Pierin Vincenz war zuletzt eher ein Reputationsrisiko für Ihre Bank, die zwar ebenfalls Raiffeisen heisst, aber weitgehend autonom agiert …
Ja, das Image der Marke «Raiffeisen» hat sicher gelitten und es wird noch einige Zeit dauern, bis dieser Image-Schaden behoben ist. Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet ist, wie Sie gesagt haben, eine eigenständige Bank. Wir haben keine Kunden verloren, sondern neue dazugewonnen. Dies zeigt, dass die Loyalität gegenüber unserer lokalen Bank sehr hoch ist.
Sie selber haben früh Änderungen bei Raiffeisen Schweiz verlangt. Kommt die Reform nun in Ihrem Sinne voran?
Ich habe den Erneuerungsprozess seinerzeit angestossen und wirke nun eng bei der Ausarbeitung der Reform mit. So viel kann ich vorwegnehmen: Raiffeisen wird künftig eine Eigner-geführte Gruppe sein. Es wird nicht mehr Raiffeisen Schweiz in St. Gallen sein, die den Kurs bestimmt, sondern wir, die 246 angeschlossenen Banken. Dafür müssen unter anderem neue Führungsund Entscheidungsstrukturen geschaffen werden.
Raiffeisen Liestal und Oberbaselbiet haben 2015 fusioniert. Gibt es weitere Fusionspläne?
Zuerst einmal: Die Fusion damals hat sich gelohnt, wir konnten die Erwartungen im Übermass erfüllen und haben auch das Versprechen eingehalten, keine Stellen abzubauen. Eine weitere Fusion ist kein Thema: Wir haben nun eine gesunde Grösse.
Zur Bank
tho. Seit dem Jahr 2015 gibt es die fusionierte Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet. Sie deckt das Gebiet ab Pratteln bis ins Oberbaselbiet ab, inklusive Nuglar-St. Pantaleon und Büren (Kanton Solothurn). Die Bilanzsumme beträgt rund 1,3 Milliarden Franken. Beschäftigt werden 52 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (45 Vollpensen). Unter den 246 Raiffeisenbanken in der Schweiz bewegt sich Raiffeisen Liestal-Oberbaselbiet grössenmässig im vorderen Drittel. Raiffeisen Schweiz in St. Gallen, eine Tochter der Raiffeisenbanken, nimmt die Rolle der Zentralbank ein und steuert die Gruppe.
Der Generalversammlung in der Mehrzweckhalle Stutz in Lausen kann am Freitag ein Jahresgewinn von 2,37 Millionen Franken vorgelegt werden. Die Genossenschafter, die maximal Anteile im Wert von 20 000 Franken zeichnen können, kommen nicht in den Genuss einer Dividende, sondern profitieren auf ihre Spareinlagen in der Höhe ihres Genossenschaftskapitals von einem privilegierten Zinssatz, der 2 Prozent über dem Marktsatz liegt. Das Genossenschaftskapital beträgt 50 Millionen Franken. Die Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet ist mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent hinter der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) die zweitgrösste Bank im Wirtschaftsgebiet. Sie zählt 19 000 Kunden, 13 000 davon sind gleichzeitig Genossenschafter. Hauptsitz ist Liestal, dazu gibt es in Sissach und Gelterkinden jeweils eine Geschäftsstelle.
Zur Person
tho. Fredi Zwahlen (67, Rickenbach), ist seit 2012 Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet. Von Haus aus ist er Banker, begonnen hatte er einst bei der BLKB. Später wirkte er in der Geschäftsleitung einer Privatbank. Mit 45 Jahren baute er eine Unternehmensberatungsfirma mit auf, die bis zu 60 Angestellte in Deutschland und der Schweiz hatte und auf Strategieberatungen spezialisiert war. Vor neun Jahren ist er dort aus der operativen Leitung ausgestiegen und hat nun diverse Verwaltungsratsmandate, darunter auch beim Uni-Kinderspital beider Basel (UKBB), wo er gleichzeitig auch Präsident des Strategieausschusses ist. Er führt ferner verschiedene Strategieberatungen bei KMU in der Region und in Deutschland.