Kein Grund zur Panik
28.02.2019 Baselbiet, Buus, Bezirk Sissach, NaturKonstruktive Diskussionen um die Frage: «Geht uns das Wasser aus?»
Vier Sachverständige haben die Frage diskutiert, ob uns nach dem extremen Sommer vom vergangenen Jahr das Wasser ausgehe. Die Frage wurde verneint, aber es wurde dazu aufgerufen, sorgfältiger damit ...
Konstruktive Diskussionen um die Frage: «Geht uns das Wasser aus?»
Vier Sachverständige haben die Frage diskutiert, ob uns nach dem extremen Sommer vom vergangenen Jahr das Wasser ausgehe. Die Frage wurde verneint, aber es wurde dazu aufgerufen, sorgfältiger damit umzugehen.
Alfred Kohli
Der Verein Tafeljura hatte im Rahmen seines «Forums Kontrovers» die Bevölkerung eingeladen, Fachleuten bei der Diskussion der Frage, ob uns das Wasser bald ausgehe, zuzuhören. Das Thema beschäftigt und viele Interessierte waren der Einladung nach Buus gefolgt.
Florence Brenzikofer, Präsidentin des Vereins, und Nadine Jermann, Präsidentin der gastgebenden Gemeinde, wiesen bei der Begrüssung auf die dramatischen Auswirkungen des vergangenen Hitzesommers hin. In Buus wurden rekordverdächtige 200 000 Kubikmeter Grundwasser gefördert – 130 000 für die Gemeinde selber, der Rest für Nachbargemeinden, die auf eigene Quellen angewiesen sind, die nicht mehr genug lieferten. Diese Entnahmen senkten den Pegel bis Ende Sommer um 11 Meter und, anders als sonst, dauerte es lange, bis das Grundwasser wieder den gewohnten Stand erreicht hatte.
Auf die Frage von Moderator David Thommen, Chefredaktor der «Volksstimme», wie sie den extremen Sommer erlebt hätten, fielen die Antworten unterschiedlich aus. So meinte Christian Kaufmann (Landwirt und Buusner Gemeinderat), dass er den schönen Sommer genossen habe. Ihm sei aber auch bewusst, dass Obstbauern mehr gelitten hätten als er auf seinem Betrieb mit Ammenkühen. Er könnte auch weitere trockene Jahre überleben.
Für Urs Chrétien, Projektleiter Kulturlandaktion Hase & Co., Pro Natura Schweiz, besteht die grösste Gefahr darin, dass Trockenperioden nicht mehr durch anhaltende Niederschläge kompensiert werden. Im Jura habe es zwar schon immer Bäche gegeben, die im Sommer ausgetrocknet seien. Neu sei aber, dass auch Bäche austrocknen, die sonst immer Wasser geführt hätten.
Adrian Auckenthaler, Leiter des Ressorts Wasser und Geologie beim Kanton, meint, Wasser sei nicht zu jeder Zeit gleich wertvoll. Die erste Hälfte 2016 zum Beispiel sei extrem nass gewesen und habe gleich viele Niederschläge wie das ganze Jahr 2018 gebracht. Wenn aber zwei oder drei extrem trockene Jahren aufeinanderfolgten, wäre die Wasserknappheit ein grosses Problem. Mit nassen Phasen zwischendurch würden die Reserven aber wieder aufgefüllt.
Simon Scherrer, Geschäftsführer der gleichnamigen Beratungsfirma, ist beunruhigt, dass sich bestimmte Wetterlagen über längere Zeit etablieren und kaum verändern. Südexponierte Hänge litten während solcher Trockenperioden. Wälder werden sich verändern und auf Wiesen wird wohl oft nur noch ein Schnitt möglich sein, weil nichts mehr nachwächst.
Beim Kanton überlegt man, wie ein grösserer Teil der rund 400 Millionen Kubikmeter Regen, die im Jahr über dem Baselbiet fallen und meist ungenutzt abfliessen, zurückbehalten werden könnten. Rückhaltebecken könnten gebaut werden, aber die Mengen an Wasser, die gespeichert werden müssten, seien enorm und konkrete Pläne bestehen noch keine. Jeder Einwohner verbraucht in drei Tagen einen Kubikmeter Wasser und eine solche Menge könnte man unmöglich speichern. Chrétien wies darauf hin, dass Sumpfgebiete früher genau diese Funktion gehabt hätten, bis man sie trockengelegt habe, um Land zu gewinnen.
Einig waren sich die Experten darin, dass Wasser da versickern soll, wo es anfällt, und nicht über Kanäle und Bäche abgeleitet werden sollte. Dazu müssten vermehrt Bäche renaturiert werden und auf Ackerland Massnahmen zur Erosionsvermeidung ergriffen werden.
Kaufmann erinnerte daran, dass die Politik in den vergangenen Jahren nicht eben hilfreich gewesen sei. Eine Zeitlang seien grosse und produktive Betriebe gefördert worden, nun wünsche man wieder Betriebe mit kleineren Parzellen, die möglichst noch durch Grünstreifen unterbrochen seien. Er findet auch, dass die Vorschriften, die für das Offenlegen eines Bachs heute gelten, zwingend zu Kosten führten, die sich eine Gemeinde oft kaum leisten könne. So würden sinnvolle Projekte verhindert.
Die Pläne des Kantons, kleinere Kläranlagen, welche gereinigtes Wasser in die lokalen Bäche leiten, durch grosse, zentrale Anlagen zu ersetzen und das Wasser erst weiter unten in Bäche zu leiten, wurden hinterfragt. Ein anwesender Kantonsvertreter monierte, dass grosse Anlagen Abwässer effizienter und wesentlich kostengünstiger reinigen könnten als kleine und oft veraltete. Auch wenn Anlagen wie die von Oltingen und Anwil zusammengelegt würden, wären sie mit etwa 1000 Einwohnern immer noch sehr klein mit Kosten, die 10- bis 20-mal höher lägen, als in einer modernen grossen Anlage.
Es gehe eher darum, Quellwasser, das gegenwärtig noch gefasst und den Gewässern entzogen würde, wieder in die Bäche zu leiten. Anstelle der eigenen Wasserversorgung sollte vermehrt Grundwasser aus einem vernetzten Verbund bezogen werden. Dies würde auch dazu beitragen, die Versorgungssicherheit ganz allgemein zu verbessern.
Einigkeit herrschte darüber, dass mit Wasser in Zukunft haushälterischer und sorgsamer umgegangen werden müsse – es brauche mehr Wertschätzung, forderte etwa Chrétien. Dieses Anliegen über einen höheren Preis zu fördern, ist nach den heutigen Reglementen nicht möglich: demnach müssen sich die Einnahmen und Ausgaben der Wasserkasse mittelfristig die Waage halten.