«Die Natur kommt unter die Räder»
29.12.2018 Baselbiet, SissachDavid Thommen
«Volksstimme»: Herr Chrétien, Sie waren während 18 Jahren Geschäftsführer von Pro Natura Baselland. Haben Sie genug erreicht?
Urs Chrétien: Die Frage ist, woran man das misst. Die Welt habe ich in dieser Zeit nicht ...
David Thommen
«Volksstimme»: Herr Chrétien, Sie waren während 18 Jahren Geschäftsführer von Pro Natura Baselland. Haben Sie genug erreicht?
Urs Chrétien: Die Frage ist, woran man das misst. Die Welt habe ich in dieser Zeit nicht gerettet. Die Entwicklung geht immer noch in eine besorgniserregende Richtung – schweizweit, aber auch weltweit. Andererseits konnte ich hier im Baselbiet einiges erreichen – ob Bächlein ausdolen, Weiher oder Trockenmauern bauen. Hier konnte ich im Kleinen etwas bewirken. Wenn ich heute mit dem Velo durchs Baselbiet fahre, sehe ich überall Spuren, die ich und Pro Natura hinterlassen haben. Das macht schon zufrieden. Das sind bleibende Werke.
Wie beurteilen Sie den Zustand der ?
Man muss unterscheiden: Luft und Wasser sind heute deutlich sauberer als früher. Andererseits ist die Artenvielfalt stark zurückgegangen. Um die Biodiversität steht es schlecht.
Wie ist das zu erklären? Man hat den Eindruck, für den Umweltschutz sei doch sehr viel getan worden.
Es gibt zwei Hauptgründe: Einerseits ist es die raumgreifende Siedlungsentwicklung mit all dem Verkehr, der die Wanderungswege in der Natur zerschneidet. Andererseits ist es die Landwirtschaft, die in den vergangenen 30 Jahren eine unglaubliche Entwicklung mitgemacht hat. Die Mechanisierung ist heute enorm. Die Intensität der Landwirtschaft hat stark zugenommen.
Tatsächlich? Wir haben heute fast nur noch IP- oder Biobetriebe, ganz im Gegensatz zu früher. Sogenannte konventionelle Betriebe gibts kaum noch.
Das ist richtig. Wir haben auch mehr Biodiversitätsflächen. Aber früher musste man solche Flächen gar nicht erst schaffen, die hat es automatisch gegeben, da gestaffelt gemäht und viel weniger gedüngt wurde. Mit den modernen Maschinen können nun grosse Flächen innerhalb kürzester Zeit gemäht werden. Blumen haben da keine Chance mehr – sie verschwinden einfach. Und damit verschwinden auch die Insekten. Das Nahrungsangebot für sie ist klein geworden. Kommt hinzu, dass der Viehbestand in der Schweiz viel zu hoch ist. Wir importieren Unmengen von Futtermitteln, was dazu führt, dass der Nährstoffeintrag auf den Feldern durch das Güllen zu hoch ist. Mit dem Düngen geht die Pflanzenvielfalt stark zurück.
Das Insektensterben ist derzeit in den Schlagzeilen. Was ist da dran?
Eine schlimme Entwicklung. Es gibt sicher mehrere Gründe dafür, alle kennt man noch gar nicht. Aber die Landwirtschaft – auch mit all den Pestiziden – spielt zweifellos eine grosse Rolle.
Das Insektensterben soll sich weltweit abspielen. Reicht da die Erklärung «Landwirtschaft» wirklich? Sie ist ja nicht überall gleich intensiv.
Sie täuschen sich: Die Landschaft ist mittlerweile weltweit verarmt, da sind die Zustände in der Schweiz zum Teil noch heilig. Wenn man sich Luftaufnahmen anschaut, gibt es vielerorts Monokulturen, so weit das Auge reicht. Da können nur noch wenige Arten überleben – und wenn, sind es häufig Schädlinge, die dann mit Insektiziden bekämpft werden, was wiederum auch die Nützlinge tötet. Mittlerweile nimmt auch in den Entwicklungsländern, wo für den Palmöl- oder den Sojaanbau der Regenwald gerodet wird, die Vielfalt rasend schnell ab. Die Entwicklung zum Schlechteren ist voll im Gange.
Dem ist entgegenzuhalten, dass sich bei uns in der Schweiz dennoch vieles zum Besseren gewendet hat.
Das mag auf den ersten Blick stimmen, doch der Fussabdruck der Schweizer geht weit über die Schweiz hinaus. Unser Konsum ist so hoch, dass wir mit dem Futtermittelbedarf längst die Natur in anderen Ländern ausbeuten. Wir sehen die Folgen unseres Verhaltens zum Teil gar nicht.
Die Landwirtschaft muss die Weltbevölkerung ernähren – und diese wächst.
Die steigende Weltbevölkerung könnte problemlos auch ökologisch ernährt werden, wenn wir vernünftiger konsumieren würden. Das wohl grösste Problem ist die Fleischproduktion. Ich habe nichts gegen Fleisch, das ist ein Teil unserer Ernährung. Zwei Drittel der Kulturfläche weltweit ist Grasland, und dieses können wir nur nutzen, wenn wir Fleisch und Tierprodukte produzieren. Heute werden Kühe jedoch oft mit Getreide und Soja gefüttert und vom Fleisch werden nur die Filetstücke verwertet.
Ihr Ausblick in die Zukunft?
Der Ausblick ist, weltweit betrachtet, nicht besonders positiv. Seit Donald Trump in den USA regiert, werden viele Errungenschaften zugunsten der Natur ohne Not wieder rückgängig gemacht. Es werden rücksichtslos wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gestellt.
Und was ist Ihr Eindruck von der Baselbieter Politik?
Bezüglich der Natur gab es einen negativen Wandel. Die Bau- und Umweltschutzdirektion nehmen wir nur noch als Baudirektion wahr. Die Priorität dort ist eindeutig: Es geht nur noch um das Wirtschaftswachstum – Wachstum um jeden Preis. Schauen Sie einmal, wie viele einst freie Flächen nur schon in den vergangenen 18 Jahren überbaut wurden. Von Itingen abwärts bis Basel ist mittlerweile so gut wie alles zusammengebaut. Die Lücken werden in einem horrenden Tempo mit Bauten gefüllt. Das ist politisch offensichtlich so gewollt.
Wachstum bedeutet Wohlstand.
Das würde heissen, dass wir immer weiter wachsen müssten. Was aber nicht wächst, ist die Natur, sie kommt unter die Räder! Gibt es im Baselbiet einen Interessenskonflikt, wird das Wirtschaftswachstum garantiert immer höher gewichtet als die Natur. Sei es bei Bauten, beim Verkehr oder auch bei der Energieproduktion. Wir überbauen unsere Landschaft, als hätten wir irgendwo noch eine zweite … Ich staune immer wieder über die konservativen Politiker, die mit Inbrunst das Baselbieterlied singen und stolz auf das schöne Baselbiet sind. Geht es aber darum, diese Landschaft zu schützen, geben sie dem wirtschaftlichen Wachstum stets den Vorzug.
Themenwechsel: Für wie gross halten Sie das Problem mit den eingeschleppten Arten?
Weltweit gesehen ist das ein Riesenproblem. Durch den globalisierten Handel passiert das alles in einer hohen Geschwindigkeit. Vieles ist uns kaum bewusst – beispielsweise, dass in unseren Fliessgewässern die einheimischen Tiere und Pflanzen schon jetzt in der Minderzahl sind. Das ist fatal.
Tatsächlich? Ist das nicht auch eine Chance für die Biodiversität? Neue Arten assimilieren sich irgendwann.
Fatal ist es, wenn einheimische Arten wegen dieser Einwanderung aussterben, was leider häufig passiert. Übers Ganze gesehen findet dann eine Verarmung statt – oder eine Uniformierung: Irgendwann wird man überall die gleichen starken Arten antreffen. Ein weiteres Problem sind die eingeschleppten Krankheiten: Plötzlich sterben alle unsere Eschen wegen eines asiatischen Pilzes!
Zurück zu Ihrem Amt: Was war in den vergangenen 18 Jahren Ihre grösste Niederlage?
So eine gab es: Mein – ganz persönlicher – Tiefpunkt war, als ich einen geplanten grossen Legehennenstall in einem Landschaftsschutzgebiet mit rechtlichen Mitteln verhindern wollte. Als es nach einem dreiviertel Jahr – nach intensiver Vorbereitung meinerseits – endlich zur Gerichtsverhandlung kam, wurde gleich zu Beginn festgestellt, dass meine Beschwerde damals um einen Tag zu spät eingereicht worden war. Ich hatte tatsächlich ein Datum falsch interpretiert! Die Beschwerde war daher ungültig und der Stall konnte gebaut werden. Ich habe mich unglaublich über mich selber geärgert.
Und die grössten Erfolge?
Eigentlich alle unsere Projekte. Allen voran möchte ich «Hallo Biber» erwähnen, diese Aktion war sehr populär. Oder wir haben den Erlebnisraum Tafeljura initiiert, 20 Bäche ausgedolt, mehrere Weiher gebaut, unterhalten ein grosses Tagfalterprojekt, konnten Böschungen zu artenreichen Refugien umfunktionieren, pflegen unsere Schutzgebiete wie den «Chilpen» in Diegten, und so weiter. Als Organisation sind wir – auch von der Mitgliederzahl her – in den 18 Jahren stark gewachsen und ich behaupte, dass wir in der Bevölkerung grossen Rückhalt geniessen.
Und jetzt verlassen Sie Ihren Posten und starten ein neues Projekt. Welches?
Es handelt sich um ein Kulturlandprojekt von Pro Natura Baselland und Solothurn. Es geht darum, mit den Behörden und der Landwirtschaft zusammen wieder mehr Biodiversität in die Landschaft zu bringen. Nicht gegen den Willen der Bauern, sondern gemeinsam mit ihnen. Bei der heutigen intensiven Landwirtschaft gibt es viele Flächen, die nicht mehr optimal bewirtschaftet werden, da sie sich beispielsweise an einer steilen Lage befinden. Diese wenig produktiven Flächen verganden zunehmend – zuerst wachsen Büsche, dann kommt der Wald. Es geht darum, diese Wiesen freizuhalten, damit dort seltene Blumen wachsen können und Biotope für Insekten erhalten bleiben.
Und die Landwirte sind dafür zu gewinnen?
Ja, in deren eigenen Interesse. Für solche Flächen werden Direktzahlungen ausgerichtet. Mit ihren modernen Maschinen haben sie aber zum Teil gar nicht mehr die Möglichkeit, schwer zugängliche Flächen zu bewirtschaften. Meine Aufgabe ist es, die Örtlichkeiten zu sichten und den Bauern Vorschläge zu mache. Zum Beispiel könnte eine geeignete Mähmaschine zum Einsatz kommen. Oder man bringt Ziegen oder Schafe auf eine solche Weide. Ist die Verbuschung schon fortgeschritten, sind Ziegen die erste Wahl, da sie Sträucher lieben. Oder es gibt alte Rinderrassen, die Brombeersträucher wegfressen. Ich werde probieren, den Landwirten für eine gewisse Zeit geeignete Tiere, einen guten Mäher oder was auch sonst immer zu vermitteln. Vielleicht wollen die Landwirte das unproduktive Land auch an einen anderen Bauern verpachten, der sich auf die Landschaftspflege spezialisiert hat. Hier könnte ich als Plattform fungieren.
Wie viele solcher Flächen gibt es?
Diese Kulturlandaktion läuft in den Kantonen Baselland und Solothurn. Eine erste Studie hat rund 65 Hektaren Problemflächen ergeben. Wenn man nichts macht, wächst das alles schleichend zu und die Biodiversität nimmt weiter ab.
Und Abschiedsschmerz vom bisherigen Posten gibt es nicht?
Einiges werde ich bestimmt vermissen. Aber es ist ein Privileg, wenn man mit 61 Jahren noch ein neues Projekt in Angriff nehmen darf. Und am schönsten ist: Mein Arbeitsplatz ist hauptsächlich die freie Natur.
Stefan Grichting ist neuer Geschäftsführer
tho. Während sich der Sissacher Urs Chrétien nach 18 Jahren als Geschäftsführer von Pro Natura ab jetzt einer Mehrjahresaktion zur Kulturlandschaftsaufwertung widmet (vgl. oben), übernimmt der gebürtige Walliser Stefan Grichting die Leitung von Pro Natura Baselland. Grichting (40) ist Biologe und war bisher bei einer Tochterfirma von Pro Natura Aargau unter anderem in der Schutzgebietspflege tätig.