Worte geben, wenn Worte fehlen
26.06.2026 ZiefenEine Geschichte über Suizid, Trauer und Freundschaft
Wie erklärt man Kindern, was Depressionen sind oder was Suizid ist? Dieser grossen Herausforderung musste sich Zoe Schaub stellen. Aus ihren eigenen Erfahrungen ist ein Bilderbuch entstanden, das anderen Familien helfen kann, ...
Eine Geschichte über Suizid, Trauer und Freundschaft
Wie erklärt man Kindern, was Depressionen sind oder was Suizid ist? Dieser grossen Herausforderung musste sich Zoe Schaub stellen. Aus ihren eigenen Erfahrungen ist ein Bilderbuch entstanden, das anderen Familien helfen kann, wenn Worte fehlen.
Brigitte Keller
«Die Tiere versammelten sich um das Feuer. Manche lachten, andere erzählten sich Geschichten, ein paar schauten gedankenversunken ins Feuer, manche waren traurig oder wütend, und ein paar spielten voller Freude. Jede und jeder trauerte und dachte auf ihre oder seine Weise an Herrn Dachs.»
Diese Zeilen stammen aus dem Bilderbuch «Die Reise von Herrn Dachs». Beim Bild dazu sitzen viele Tiere gemeinsam um ein Feuer. Ohne den Untertitel könnte man denken, man halte ein «gewöhnliches», schön illustriertes Buch über Freundschaft in den Händen. Ja, es ist ein Buch über Freundschaft, aber auch über Suizid, Trauer und auch die Themen Depression und das Loslassen werden einfühlsam thematisiert.
Geschrieben hat das Buch Zoe Schaub (35), Mutter von zwei kleinen Buben, Lehrerin und Illustratorin. Die Geschichte von Familie Dachs wurde geschaffen, um Kindern behutsam zu erklären, wie es ist, jemanden durch Suizid zu verlieren, und ihnen dabei zu helfen, ihre Gefühle auf liebevolle Weise auszudrücken. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist diejenige von Zoe Schaub und ihren beiden Söhnen (4 und 7 Jahre). Ihr Mann hat sich vor drei Jahren das Leben genommen.
Wie ihren Kindern das Unerklärliche erklären? Die junge Mutter besorgte sich einige empfohlene Bücher, aber keines passte zu der Geschichte, die ihrer Familie zugestossen war. Die vergebliche Suche liess in Zoe Schaub den Gedanken reifen, selber eines zu machen. «Wer macht so ein Buch, wenn nicht ich?», waren ihre Überlegungen. Und so fing die Illustratorin ein paar Monate nach der Tragödie damit an. Im Mittelpunkt steht Familie Dachs. Dazu stehen hinten im Buch unter anderem folgende Sätze: «Familie Dachs hat die Geschichte, wie sie geschrieben steht, wirklich durchlebt. Die Nachbarn waren sofort zur Stelle und halfen Familie Dachs, wo sie nur konnten.»
Im wahren Leben
Die Nachbarn im Buch sind die Familien Gans, Fuchs und Hase. Auch Herr Hirsch und Frau Eichhörnchen, Familie Igel und Herr Bär kommen darin vor. Sie alle unterstützen Familie Dachs – und haben Vorbilder im wahren Leben. Viele haben die junge Familie unterstützt und sind nach wie vor eine grosse Stütze. Sie habe ihre eigenen Erlebnisse als Basis für das Buch genommen, sagt Schaub, «dann kann ich ganz dahinterstehen».
«Ich wollte, dass andere Familien, denen etwas Ähnliches zugestossen ist, nicht so hilflos dastehen. Sie sollten etwas in den Händen halten können, wenn der Kopf überfordert ist», sagt Schaub dazu. «Den Eltern Worte geben, wenn sie keine haben.» Und damit natürlich den Kindern helfen, zu verstehen, was Depressionen sind und was Suizid ist.
Sie zeigte ihre Illustrationen des traurigen Herrn Dachs Kindern in ihrem Umfeld und fragte sie, was sie denken, wie sich der Dachs fühlt. Sie wollte sicher sein, dass Kinder dessen Gemütslage wie von ihr gewünscht deuten können. «Ich finde es wichtig, dass die Kinder das verstehen.»
Wut und Trauer
Eineinhalb Jahre dauerte es, bis das Buch im November 2024 gedruckt vorlag. Im vergangenen Jahr meldete sich eine Trauerbegleiterin, die das Buch erhalten hatte, bei Zoe Schaub. Sie trafen sich zum Gespräch und dieses blieb nicht ohne Folgen. «Ich war der Meinung gewesen, mir ginge es gut. Aber während und nach dem Gespräch fing ich an zu erkennen, dass ich meine Gefühle und die Trauer die ganze Zeit unterdrückt hatte.» Lange Zeit hätte sie, wie auf Knopfdruck, ihre Gefühle ausschalten können oder nur Wut empfunden. Das sei einfacher gewesen, aber nicht gesund.
Nach längerem Überlegen beschloss Zoe Schaub dann zu Beginn dieses Jahres, sich regelmässig mit der Trauerbegleiterin zu treffen. «Es ist anstrengend, aber es tut gut. Ich habe gelernt, mehr Emotionen und die Trauer zuzulassen.» Die Treffen hätten ihr sehr geholfen, auch dabei, wie sie ihre Söhne am besten unterstützen könne, damit umzugehen. «Es ist wichtig, dass sie die Wahrheit kennen und darüber reden dürfen.»
Nach einem Suizid bekäme man als Hinterbliebene viele Broschüren für Hilfsangebote überreicht. Aber man sei, fährt Schaub fort, in einem solchen Ausnahmezustand, dass man damit überfordert sei. Auch auf «Melde dich, wenn ich etwas helfen kann»- Angebote zu reagieren, schaffe man meistens nicht. «Manchmal habe ich es nicht einmal geschafft, den Tisch zu decken, weil ich vergessen habe, was ich gerade am Machen war», beschreibt sie einen solchen Moment. «Am hilfreichsten sind ganz konkrete Angebote, auf die man einfach mit Ja oder Nein antworten kann, wie beispielsweise: ‹Soll ich deine Kinder heute Nachmittag nehmen?› oder ‹Soll ich dir eine Wähe zum Zmittag bringen?›»
Zoe Schaub wünscht sich, dass auch ihr Bilderbuch eine konkrete Hilfestellung bietet. Obwohl dies nicht die Absicht war, hat die Arbeit daran natürlich auch ihr geholfen. Den Wunsch, ein Bilderbuch zu publizieren, hatte sie schon lange gehegt, denn Zeichnen und Malen nehmen einen wichtigen Platz in ihrem Leben ein. Dass es ein Buch zum Thema Suizid geworden ist, dafür hat das Schicksal gesorgt. Und über all das offen zu sprechen, braucht viel Mut. Auf einen vor einigen Wochen erschienenen Zeitungsartikel hin habe sie viele positive und ermutigende Reaktionen erhalten. So habe eine Frau aus der Nachbarschaft dadurch den Mut gefunden, ihr einen Brief zu schreiben, was Zoe Schaub sehr schön gefunden hat.
Das Bilderbuch «Die Reise von Herrn Dachs» von Zoe Schaub ist im Buchhandel oder auf der Website www.zarnold.ch erhältlich.


