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  29.01.2026 Baselbiet

Freiwillige schreiten Bäche für den Eisvogel ab

Der Eisvogel ist zwar Vogel des Jahres, aber er hat Mühe, an unseren Gewässern geeignete Plätze zum Nisten zu finden. «BirdLife Baselland» kartiert nun im ganzen Kanton Bachabschnitte, die für den bunten Jubilar bewohnbar gemacht werden könnten. Eine eiskalte Reportage.

Kuri Wirz

«Nr. 1 rechts, verbaut! 2 links potenziell geeignet! Ich mache ein Foto.» Niggi Lang steht mitten in der Ergolz in seinen brusthohen Fischerstiefeln. Er hat ein Klemmbrett bei sich mit der Landkarte von Abschnitt Böckten 1, in die er mit rotem Kuli die entsprechenden Abschnitte einzeichnet. Ich folge in meinen alten Feuerwehrstiefeln am Ufer und notiere in die Liste: «1 R, ungeeignet, verbaut. 2 L, potenziell geeignet, abstechen, von Bewuchs befreien, Foto 1.»

Soeben haben wir die Kartierung des ersten Transekts gestartet. Dabei habe ich ein neues Wort gelernt: Ein Transekt ist eine wissenschaftliche Methode, bei der eine gerade Linie durch eine Landschaft gezogen wird, um systematisch Daten über Pflanzen, Tiere oder Umweltbedingungen entlang eines Gradienten (zum Beispiel Höhenunterschied, Stadt-Land-Übergang) zu sammeln und zu kartieren. So sagt es Wikipedia.

Unsere Linie ist zwar nicht gerade, sondern wird durch die Ergolz festgelegt. 81 solche Abschnitte gibt es im Baselbiet, und vier davon bearbeiten wir: Lang als erfahrener Ornithologe sowie Verantwortlicher und ich als Protokollführer. Es geht um den Eisvogel. «BirdLife Baselland» und der Kanton, Abteilung Natur und Landschaft im Ebenrain, haben ein Projekt zu dessen Schutz und Förderung entwickelt (die «Volksstimme» berichtete). Es läuft in drei Schritten ab: Kartieren, auf dieser Basis ein Förderkonzept erarbeiten und ab 2027 Massnahmen umsetzen. Diese umfassen etwa das Abstechen von potenziell geeigneten Ufern, das Abschätzen von Synergien mit dem Gewässerunterhalt und das Schaffen von künstlichen Brutwänden. Denn die genannte Förderung des Eisvogels bedeutet nicht zuletzt, dass er entlang unserer Gewässer mehr «Wohnraum» erhalten soll.

Deshalb stehen wir also nun in und an der Ergolz und arbeiten uns flussabwärts vor. Die Bise weht uns kalt um die Ohren an diesem Wintertag vor Heiligabend. Schon beim Einstieg in den Bach empfängt uns eine Anwohnerin und berichtet begeistert von ihren Eisvogelsichtungen. Offenbar lebt der Vogel also hier in der Nähe. Wir kommen von der Ortsgrenze Böckten bis zu den ersten Gärten. Auf unserer Liste steht R 25 und L 23, als ich nicht mehr so schön dem Ufer folgen kann. Lang schlägt vor, in Sissach weiterzumachen, schliesslich geht unser Gebiet bis zur Gemeindegrenze Lausen. Wir marschieren zurück zum Landi-Parkplatz und stellen unser Auto neu auf dem Badi-Parkplatz Sissach ab. Hier ist der Einstieg aber nicht besser, und weil wir doch schon anständig durchgefroren sind, brechen wir die Übung ab für heute. Klarer Auftrag an den Protokollanten: Fischerstiefel müssen her.

Sind die Zehen noch dran?
Dank eines Fischerkollegen bin ich zu hüfthohen Stiefeln gekommen. Vor dem zweiten Bachgang versuche ich herauszutüfteln, wie ich da am besten reinkomme und später herumlaufe, ohne darin zu schwimmen. Habe ich doch noch nie auf so grossem Fusse gelebt. Die Schuhgrösse 45 erweist sich allerdings als Vorteil: So kann ich vier Paar Socken montieren, denn auch beim zweiten Einsatz ist es wieder unter null. Welche Hosen passen in diese Stiefelschäfte? Gar nicht so einfach, der Einstieg. Am besten geht es auf der Treppe. Kann ich damit Auto fahren? Wird schon gehen. Jetzt noch das Band oben am Gürtel anknüpfen, damit nichts runterrutscht. Zusätzlich ein Gummiband mit zwei Hosenträgerschnallen: Sähe aus wie Strapse, wenn man es denn sähe unter der Jacke. Das passt aber bestens – nach einer guten Viertelstunde bin ich startbereit.

Wir treffen uns in Sissach beim «Griederland». Diesmal sind wir zu viert: Daniel Schmutz, langjähriger Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Heimatschutz Sissach, und Beat Bussinger, weitherum bekannter Vogelexperte, begleiten uns heute am Ufer. Ihre Ortskenntnisse erweisen sich als nützlich. Es gibt einige Orte, wo man nicht einfach dem Ergolzufer folgen kann, ausserdem Stellen, die auch mit den höchsten Stiefeln nicht sicher durchwatet werden können. Diesmal hat Niggi Lang zwei Funkgeräte mitgenommen, was die Kommunikation zwischen Bach und Ufer erleichtert. Bussinger schiesst ein paar gute Fotos mit seiner Kamera. Wir finden mögliche Brutröhren vom Eisvogel und sehen sogar einen davonfliegen. Ausserdem hat es frische und ältere Spuren des Bibers sowie vermutete Eingänge in seinen Bau.

In diesem Flussabschnitt hat es viele Stellen, wo man dem Eisvogel das Brüten erleichtern könnte. Das Ufer sollte mindestens 80 Zentimeter hoch sein ab Wasseroberfläche und steil: gerne überhängend, senkrecht oder beinahe senkrecht. Die Brutwand soll aus sandigem, lehmigem, kiesigem oder erdigem Material bestehen, also kein Gestein oder Beton. Weil in den heutigen Bächen mit ihren oft künstlich verbreiterten Bachbetten weniger Überschwemmungen «zugelassen» werden, ergeben sich auch keine neuen Brutplätze für den Eisvogel, die früher eben durch Wasserausschwemmungen entstanden sind.

Wir kommen zügig voran. In gut drei Stunden erreichen wir die Ortsgrenze zu Lausen und haben so die Abschnitte Sissach 2 und Itingen 1 erledigt. Das Anstrengendste an der ganzen Sache ist jeweils das Aussteigen aus dem Bachbett und der Wiedereinstieg, bedingt durch die Steilheit des Ufers oder die Brombeeren, die hier fast überall wuchern. Helfende Hände vom Ufer aus sind da jeweils willkommen. Obwohl es kälter ist als am ersten Tag, ist es angenehmer, weil die Bise ausbleibt. Meine Füsse sind am Ende aber trotzdem durchgefroren. Ob die Zehen noch dran sind, kann ich nur erahnen, aber das bestätigt sich immerhin auf dem Rückmarsch nach Sissach.

Auf der Terrasse des «Caprice» genehmigen wir uns einen Kaffee in der Sonne. Lang sieht aus wie ein Jungvogel: Seine Daunenjacke hat die vielen Brombeeren nicht heil überstanden. Trotzdem: Es war ein toller Vormittag in der Natur. Meine Stiefel haben gehalten, mindestens fast: An der Stelle mit den drei Veloflicken hat es ein wenig geleckt. Ich werde drei neue Flicken anbringen.

Mit Machete gegen Brombeeren
Beim dritten Durchgang müssen wir die Lücke zwischen der Sissacher Allmend und Böckten schliessen. Es ist der 3. Januar, und es liegt Schnee. Das Montieren der Stiefel dauert heute weniger lang: Ich weiss ja jetzt wie. Wir treffen uns erneut beim «Griederland». Daniel Schmutz ist auch wieder mit von der Partie. Ausserdem begleitet uns ein Ehepaar aus Bubendorf, das einen Abschnitt an der Frenke bearbeiten soll und nun schnuppern kommt, wie das bei uns läuft. Das dauert allerdings nicht allzu lange: Der Hund hat kalte Füsse und will heim.

Zum ersten Mal geht es flussaufwärts. Bald haben wir einen weiteren Begleiter: Ein Zaunkönig folgt uns dem Bach entlang und versteckt sich immer wieder in Asthaufen und Gebüsch. Auch heute fliegt ein Eisvogel vorbei. Unglaublich, dieses leuchtende Blau vor den weissen Bachufern. Schön, wenn es mehr davon hätte hier. Aber dafür sind wir ja da.

Niggi Lang hat seine Machete mitgenommen, aber die Brombeeren erweisen sich als zu zäh, wenn man sie nicht am Rankenende festhält, und das ist ja eher unangenehm. Auch heute müssen wir wieder rein und raus aus dem Bach, was beim schneebedeckten Ufer nicht leichter geht. Einmal steige ich dann entsprechend wie ein Biber zurück ins Bachbett, allerdings nicht auf dem Bauch, sondern auf dem Hintern rutschend. Lang hilft beim Bremsen, und alles geht gut aus.

Nach zweieinhalb Stunden haben wir den Punkt in Böckten erreicht, wo wir am ersten Tag aufgegeben hatten. Alles erledigt, bis auf die Bearbeitung zu Hause natürlich. Unser Papier hat dank Vereisung und Schneeflocken nicht alle Kulizeichen so locker angenommen. Niggi Lang hat daheim noch etwas zu tun, damit das präsentabel wird. Im «Cheesmeyer» gönnen wir uns einen Gipfel und etwas zu trinken und feiern so quasi das Ende unserer gemeinsamen Bachbegehung. Es war eine tolle Erfahrung. Bleibt zu hoffen, dass wir damit dem Eisvogel auch tatsächlich helfen werden.


Zur Person

wik. Niggi Lang ist mit dem Virus Ornithologie von seinem Grossvater, Ex-Zolli-Direktor Prof. Ernst M. Lang, infiziert worden, der es gern gesehen hätte, wenn sein Enkel Zoologe geworden wäre. Beruflich zog es den Sohn aber mehr in Richtung Technik. Niggi Lang hat Maschinenbau studiert und arbeitet an der FHNW in der Corporate IT.
Er ist zertifizierter Feldornithologe und Exkursionsleiter «BirdLife» sowie Mitglied des Leitungsteams Feldornithologenausbildung «BirdLife Baselland». Im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimatschutz Sissach (AGNHS) ist er zuständig für die Ornithologie. Er wohnt in Nusshof.


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