«Wir haben zu viele stationäre Strukturen»
30.01.2026 BaselbietDer abtretende Leiter des Amts für Gesundheit fordert mehr ambulante Angebote
Jürg Sommer wird Ende Januar nach zehn Jahren als Chef des Baselbieter Amts für Gesundheit pensioniert. Im Gespräch ordnet er Entwicklungen im kantonalen Gesundheitswesen und das Modell ...
Der abtretende Leiter des Amts für Gesundheit fordert mehr ambulante Angebote
Jürg Sommer wird Ende Januar nach zehn Jahren als Chef des Baselbieter Amts für Gesundheit pensioniert. Im Gespräch ordnet er Entwicklungen im kantonalen Gesundheitswesen und das Modell «Dänemark» ein.
Andreas Bitterlin
Die Direktorin des Krankenversichererverbands «prio.swiss», Saskia Schenker, hat in einer früheren Ausgabe der «Volksstimme» zur Spitallandschaft beider Basel moniert: «Wir haben in dieser Region zu viele stationäre Strukturen.»
Benötigen wir wirklich das gesamte vorhandene Angebot?
Jürg Sommer: Saskia Schenker fokussierte vor allem auf die Spitalplanung, in der wir aktuell den Bedarf der Bevölkerung am stationären Angebot eruieren und daraus unsere Prognosen ableiten. Dort, wo alternativ auch ambulant behandelt werden kann, haben wir effektiv zu viele stationäre Strukturen. Aber wir leben in einer Demokratie und berücksichtigen deshalb auch das Bedürfnis der Menschen, diese Situation gegebenenfalls aufrechtzuerhalten. Dieses Bedürfnis dokumentiert die Abstimmung über eine Spitalfusion des Universitätsspitals Basel und des Kantonsspitals Baselland, die abgelehnt wurde. Auch in der Westschweiz fand vor einiger Zeit eine geplante Fusion von Spitälern in Genf und Lausanne keine Mehrheit.
Ist diese Abhängigkeit von kantonalen Volksabstimmungen ein Nachteil unseres Föderalismus?
Kürzlich wurde ich an einer Veranstaltung in Zürich mit der Forderung konfrontiert, der Föderalismus bei dieser Thematik sei abzuschaffen, das Gesundheitswesen erfordere Zentralisierung. Ich musste aus grundsätzlichen Erwägungen widersprechen. Der Föderalismus ist nicht nachteilig, weil wir damit auf die Bedürfnisse der Menschen in den Regionen eingehen. Eine zentrale Behörde ist in unserer Demokratie nicht die Lösung für das Problem der Anzahl der Spitäler.
Wie sieht ein Lösungsweg aus, der die Prämiensteigerung stoppt?
Wenn ich die allumfassende Lösung präsentieren könnte, wäre ich wohl täglich in den Medien präsent. Ein Lösungsansatz ist der Ausbau der ambulanten Versorgung, welche die teureren stationären Behandlungsaufenthalte ersetzt. Es braucht deshalb mehr ambulante Anlaufstellen mit längeren Öffnungszeiten, damit, wenn Arztpraxen geschlossen sind, nicht zwangsläufig die kostenintensiveren Notfallstationen in den Spitälern aufgesucht werden müssen. Des Weiteren sind einige ambulante Leistungen mit den jetzigen Tarifen nicht gedeckt, insbesondere nachts. Eine Korrektur motiviert Betreiber-Institutionen zum notwendigen Ausbau.
Genau deshalb wurde doch die veraltete Tarifstruktur Tarmed durch das aktualisierte System Tardoc abgelöst. Schafft der in einem aufwendigen Verfahren entwickelte Tardoc demnach also nicht die angestrebte Abhilfe?
Wir haben Hinweise, dass in verschiedenen medizinischen Disziplinen der neue Tardoc dazu führt, dass Leistungen schlechter abgegolten werden als durch das Vorgänger-System Tarmed. Wir müssen deshalb konkrete Erfahrungen sammeln, um festzustellen, wo Korrekturen notwendig sind.
In Dänemark, wo Sie einige Jahre gearbeitet haben, wurde die Hälfte der Akutkliniken geschlossen; es werden nur noch halb so viele, diese aber als grössere Zentren betrieben. Gleichzeitig wurde das ambulante Angebot erhöht. Die Verantwortlichen sagen: Die Kosten sind gesunken, die Versorgungsqualität hat nicht gelitten. Was halten Sie von dieser Gesundheitspolitik?
Ich lebte vor mehr als 30 Jahren in Dänemark und musste das Gesundheitssystem glücklicherweise nicht beanspruchen. Ich stelle einfach fest, dass ich ein Teil des Gesundheitssystems mit meinem Salär mitfinanzierte, denn in Dänemark ist das Gesundheitssystem fast vollumfänglich von Steuern finanziert und sehr ausgeprägt zentralisiert. Die Verantwortlichen können deshalb Veränderungen hierarchisch anordnen und umsetzen. Das Land scheint heute Erfolg zu haben mit dieser Strategie.
Also nachahmenswert?
Das sehe ich zurückhaltend. Unser föderales System hat gegenüber der zentralistischen Top-down-Entscheidungsstruktur den Vorteil, dass hier die Eigenverantwortung der einzelnen Menschen eine grössere Rolle spielen kann. Ich höre auch, dass viele Menschen in Dänemark emotional unglücklich sind mit den neu strukturierten, sehr grossen Spitälern und sich deshalb im Ausland privat behandeln lassen. Auch Ärztinnen und Ärzte haben teilweise Mühe mit den riesigen Zentren.
Sie haben das Land hautnah erlebt: Agiert Dänemark grundsätzlich politisch radikaler als die Schweiz?
Ja. Ein Beispiel ist das elektronische Patientendossier (EPD) im Gesundheitswesen. Bei uns heisst es neu richtigerweise elektronisches Gesundheitsdossier. In Dänemark wurde es von oben direktiv eingeführt. Mit der Geburt werden Sie automatisch Mitglied dieses EPD. Diese dänische Entscheidungsform ist in diesem Fall meines Erachtens der richtige Weg.
Ist bei uns die langwierige Einführung des elektronischen Gesundheitsdossiers ein Trauerspiel?
Ja, das elektronische Gesundheitsdossier ist in der Schweiz bisher ein Trauerspiel. Die Gründe liegen im System der Entstehung. So, wie das Resultat sich jetzt darstellt, ist es ein Kompromiss der verschiedensten Anliegen der Interessensvertretungen und entspricht nun lediglich dem Mindesten, was noch von allen akzeptiert wurde. Dieses Manko ist im Resultat erkennbar.
Roche-Chef Thomas Schinecker fordert nach dem Deal zwischen den USA und der Schweiz höhere Medikamentenpreise in der Schweiz, um mit ihnen als Kompensation für die Preissenkungen in den USA die Forschung und Entwicklung von Medikamenten zu fördern. Was halten Sie davon?
Die Entwicklungskosten der Medikamente sind gestiegen. Insofern kann ich das Ansinnen von Herrn Schinecker nachvollziehen. Medikamente werden zwar oft in der Schweiz entwickelt, aber sie werden weltweit genutzt. Deshalb darf diese Preisdiskussion nicht auf die Schweiz reduziert werden, sie muss international geführt werden. Und es gibt in der Schweiz auch Bestrebungen, die Medikamentenpreise zu senken. Die Preisfestlegungen liegen in der Kompetenz des Bundes.
Ist die Befürchtung von Herrn Schinecker berechtigt, dass die Einführung neuer Medikamente durch die Pharmaindustrie in der verzögert wird, wenn die Preise nicht erhöht werden?
Ich habe Respekt vor Medikamentenengpässen, wie wir sie aus anderen Gründen in der Vergangenheit erlebten, nicht wegen der Pharmafirmen in der Schweiz, sondern wegen weltweiter Produktions- und Lieferprobleme bei den Wirkstoffherstellern. Wenn Medikamente, wie Herr Schinecker sagt, in der Schweiz verzögert ausgeliefert werden oder gar nicht in den Einsatz gelangen, dann ist das ein Problem.
Bei uns wird evaluiert, ob das Kantonsspital Baselland an den beiden Standorten Liestal und Bruderholz weiterbetrieben werden oder durch ein einziges zentrales Haus ersetzt werden soll. Wo steht diese Evaluation?
Bei der Prüfung von Standorten für ein einziges zentrales Spital hat sich «Salina» bei Pratteln durchgesetzt. Aktuell wird nun diese Option den Standorten Liestal und Bruderholz in betrieblicher, medizinischer und finanzieller Hinsicht vergleichend gegenübergestellt. Danach, und das wird in Bälde sein, werden die erfassten Bewertungen dem Landrat und damit der Öffentlichkeit kommuniziert.
Seit 2021 führen Basel-Stadt und Baselland gemeinsam gleichlautende Spitallisten für die stationäre Versorgung der Bevölkerung beider Kantone. In Zukunft werden die Kantone zwei unterschiedliche Listen erstellen. Ist dies eine Abkehr von der bisher definierten Strategie «Gemeinsame Gesundheitsregion»?
Die gleichlautende Spitalliste wurde 2021 nach ausgiebigen Diskussionen eingeführt. Auch heute planen wir weiterhin insbesondere die stationäre Gesundheitsversorgung gemeinsam entlang der Patientenströme in der gemeinsamen Gesundheitsregion. Gleichlautend bedeutet nicht per se eine identische Auslegung. Auch bei gleichlautenden Spitallisten sind minimale Abweichungen möglich. Dasselbe gilt auch für koordinierte Listen, wie sie nun eingesetzt werden.
Wo liegen die möglichen Unterschiede?
Primär geht es um gewisse Leistungen des Universitätsspitals Basel. Das USB ist ein maximaler Leistungsanbieter und kann sozusagen alles, und auch gut, aber eben auch relativ teuer. Das USB ist für Basel sowohl Maximalversorger für komplizierte Eingriffe als auch Grundversorger für einfachere Behandlungen. Für das Baselbiet ist das USB ebenfalls Anlaufstelle für hochkomplexe Leistungen, als Grundversorger stehen uns aber insbesondere das Kantonsspital Baselland und die Klinik Arlesheim zur Verfügung. Diese können dieselben Leistungen der «erweiterten Grundversorgung» günstiger als das USB mit derselben Qualität erbringen.
Wie wird diese Differenz in der neuen koordinierten Spitalliste des Baselbiets abgebildet?
Dem Kostenaspekt will Baselland künftig mehr Gewicht beimessen, weil der Kanton die Kostendifferenz zu den teureren Leistungen in Basel übernimmt. Wir möchten ein Gesundheitswesen anbieten, damit bei der Grundversorgung Baselbieterinnen und Baselbieter das Angebot im eigenen Kanton nutzen. Dafür gibt es viele Projekte des «Rahmenkonzepts Gesundheit 2030».
Corona war eine sehr problembehaftete Herausforderung Ihrer Amtszeit. Welche Erfahrungen haben Sie besonders beeindruckt?
Prägend war bei der Pandemie insbesondere der Zusammenhalt der Gesellschaft und die gemeinschaftliche Hilfsbereitschaft. Diese Erfahrung zeigt mir eindrücklich, dass unsere Gesellschaft in einer Krise zusammensteht und wir auch künftig damit rechnen dürfen.
Welche nachhaltigen Entscheidungen haben Sie getroffen?
Wir haben eine ständige Fachkommission mit Vertretungen aus vielen Wissensgebieten ins Leben gerufen. Dieses Gremium hat die Funktion, Signale zu deuten, die auf eine entstehende Pandemie hinweisen. So haben wir eine Kommission, die gleich von Beginn weg die Expertise einbringen und die Entscheidungsträger beraten kann. Wir müssen in allfälligen weiteren Notsituationen bei der Krisenbewältigung nicht wieder bei null beginnen.
Wie beurteilen Sie unmittelbar vor Ihrer Pensionierung summarisch den Status des Baselbieter Gesundheitswesens?
Ich verlasse ein gut funktionierendes Gesundheitssystem, das gesetzlich sehr gut verankert ist. Unsere Direktion pflegt einen sehr direkten Austausch mit vielen Stakeholdern, so unter anderem innerhalb einer Dialogplattform mit mehr als 90 Fachleuten aus verschiedenen Fachgebieten. Dieser Dialog ist ein wichtiger Fundus von grossem Wissen. Ich verabschiede mich durch die Pensionierung von einem gesunden Gesundheitssystem.
Zur Person
abi. Dr. Jürg Sommer wuchs in Kleinbasel auf und studierte an der Universität Basel Biochemie. Nach seiner Promovierung forschte er drei Jahre als Postdoc im Laboratorium der Brauerei Carlsberg in Dänemark an einem Protein. Danach wechselte er in die Pharmaindustrie und schliesslich in die Gesundheitspolitik, an der er die grössere Themenvielfalt als in seinem Forschungsgebiet schätzte. Künftig will er sich unter anderem im Beirat der Akademie für Menschenmedizin engagieren.

