«Wir dürfen optimistisch nach Amerika reisen»
09.01.2026 Persönlich, SportMuri bei Bern | SFV-Präsident Peter Knäbel über seinen Amtsstart, die WM und Baustellen im Fussball
Seit einigen Monaten steht Peter Knäbel an der Spitze des Schweizerischen Fussballverbands. Im Gespräch zieht er eine erste Bilanz, spricht ...
Muri bei Bern | SFV-Präsident Peter Knäbel über seinen Amtsstart, die WM und Baustellen im Fussball
Seit einigen Monaten steht Peter Knäbel an der Spitze des Schweizerischen Fussballverbands. Im Gespräch zieht er eine erste Bilanz, spricht über Herausforderungen im Nachwuchs und erklärt, weshalb die «Nati» mit Zuversicht an die WM reisen darf.
Luana Güntert
Herr Knäbel, seit August sind Sie Präsident des Schweizerischen Fussballverbands (SFV). Was hat Sie in den ersten Monaten überrascht?
Peter Knäbel: Während der intensiven Kandidatur habe ich den SFV, bei dem ich von 2009 bis 2014 bereits fünf Jahre als technischer Direktor tätig sein durfte, wieder intensiver kennengelernt und gespürt. In den ersten Monaten haben wir sehr viele positive Momente erleben können. Ein grosses Ausrufezeichen hat die Womens Euro gesetzt. Wir haben uns als Gastgeberland weltoffen, freundlich und charmant präsentiert und vor allem in puncto Organisation überall grosses Lob erhalten. Dazu kam die souveräne WM-Qualifikation bei den Männern, die fussballerisch von hoher Qualität geprägt war.
Trotzdem gab es im Herbst 2024 eine enttäuschende Nations League. Wie erklären Sie diesen Einbruch?
Man darf nicht vergessen, dass wir zuvor eine starke EM gespielt haben und erst im Viertelfinal im Penaltyschiessen gegen England ausgeschieden sind. Danach folgte eine Phase, die von Wechseln geprägt war. Die Rücktritte von Yann Sommer, Fabian Schär und Xherdan Shaqiri spielten dabei sicher eine Rolle. Deshalb haben wir gezielt im Frühling 2025 die Spiele in den USA gegen die Vereinigten Staaten und Mexiko organisiert. Neben dem sportlichen Teil wollten wir dem Team die Möglichkeit bieten, sich zu finden sowie sich hierarchisch und sportlich neu aufzustellen. Die Spieler haben – auch wegen der Zeitverschiebung – viel Zeit miteinander verbracht, was dem Teamprozess gut getan hat. In diesen Tagen ist etwas Neues entstanden.
Sie waren früher unter anderem Nachwuchschef und Verwaltungsrat beim FC Basel sowie Vorstand Sport bei Schalke 04. Wie unterscheidet sich Ihr jetziges Amt davon?
Im Vergleich zu meinen vorangegangen Stationen, habe ich im Bereich Strategie und Repräsentation noch einen Tick mehr zu tun. Zudem bin ich viel weniger in den operativen Alltag involviert, ohne natürlich das Geschehen aus den Augen zu verlieren. Als Nachwuchschef oder selbst als Verwaltungsrat stand ich sogar ab und an noch auf und neben dem Platz, vor allem während meiner Zeit beim FCB. Aber ob die Flanken und Torschüsse heute noch so kommen würden wie damals…(lacht).
Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg als SFV-Präsident?
Zuerst kommt die Motivation, die Freude und das Engagement unserer Mitarbeiter. Wenn sie gerne nach Muri zur Arbeit kommen, ist das ein wesentlicher Baustein für mich. Den Erfolg definieren wir über drei Säulen: Mitgliederzahlen, Finanzen, Strukturen. Im Sport lassen sich Erfolge aber nie ganz von Resultaten trennen. Die Entwicklung bei den Juniorinnen und Junioren wirkt sich langfristig auf die A-Nationalteams aus. Wichtig ist mir, dass unsere Ziele messbar sind. Die Amtszeit eines Präsidenten dauert immer vier Jahre, entsprechend denken wir auch beim SFV in Vierjahres-Zyklen. Aktuell erarbeiten wir eine Strategie mit klaren Kennzahlen, an denen wir uns messen lassen wollen.
Das A-Nationalteam hat sich erneut für die WM qualifiziert. Bei den U-«Natis» gelingt das seltener. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Die Entwicklungen machen auch vor dem Fussball nicht Halt. Die Leistungsunterschiede im internationalen Nachwuchsbereich sind kleiner geworden. Ein Thema sind absolute Topspieler. Davon gibt es pro Generation in jedem Land nur wenige. Dort ist entscheidend, wie sich diese auf die Nationen verteilen. Selbstverständlich wollen wir uns im Juniorenbereich verbessern, aber wir können aktuell auch stolz auf unsere U17 sein, die zuletzt bei der WM in Katar bis in den Viertelfinal gekommen ist. Kritisch ist für uns die Phase der U19, da viele Spielerinnen und Spieler beruflich, schulisch und sportlich in schwierigen Übergängen stecken. Umso wichtiger wird die U21, weil sich Spieler mit mehreren Nationalitäten in diesem Alter häufig endgültig entscheiden.
Stichwort Doppelbürgerschaft: Zuletzt entschieden sich mit Leon Avdullahu und Albian Hajdari zwei Talente für den Kosovo. Wie wollen Sie solche Fälle künftig vermeiden?
Dieses Thema betrifft alle europäischen Verbände gleichermassen. Und diesen Herausforderungen müssen sich alle stellen – am besten mit einer gemeinsamen Herangehensweise und Haltung. Deshalb sollten wir nicht jeder Entscheidung in der Vergangenheit hinterhertrauern, sondern müssen uns systematisch mit dem Thema befassen. Wir haben bereits vorausgeblickt und auch erfolgreich gehandelt. Im Talentmanagement konnten wir Massnahmen implementieren, um Länderwechsel zu minimieren. Das innovative SFV-System hat uns bereits jetzt zum Ansprechpartner für viele Verbände gemacht. Auf internationaler Ebene diskutieren wir intensiv um die Grundsatzfrage: Ab wann kann man von einem jungen Spieler eine definitive Entscheidung erwarten? Das Thema Ausbildungsentschädigung haben wir ebenso angesprochen.
Sie haben einmal gesagt, dass Länder wie Norwegen oder Österreich im Nachwuchs nachhaltiger arbeiten als die Schweiz. Was machen diese besser?
Norwegen nimmt in Bezug auf die konzeptionelle Unterstützung im Spitzensport schon lange eine Vorreiterrolle ein. Die Organisation «Olympiatoppen» fördert seit langem gezielt Olympische Sportarten, insbesondere die individuelle Entwicklung der Athleten. Vor rund sieben Jahren wurden auch erste Anwendungen im Fussball sichtbar, heute sehen wir eine erfolgreiche Nationalmannschaft, eine goldene Spielergeneration mit Erling Haaland an der Spitze und erfolgreiche Clubs in der Champions League wie Bodö Glimt. Die Norweger haben sich klar dazu bekannt, konsequent auf eigene Talente zu setzen und die Entwicklung der einzelnen Spieler in den Vordergrund zu stellen.
Und Österreich?
Dort hat die Nachwuchsarbeit stark von der Red-Bull-Akademie profitiert, aber auch die Zusammenarbeit zwischen Verband und Vereinen funktioniert sehr gut. Das zeigt sich etwa in der deutschen Bundesliga, wo deutlich mehr Österreicher als Schweizer spielen. Die Qualität der Ausbildung wurde zuletzt auch sichtbar, als Österreichs U17 an der WM bis in den Final kam – mit vielen Spielern aus Salzburg. Das ist kein Zufall.
Apropos Red Bull. Noah Okafor spielte lange in Salzburg. Als einziger Baselbieter Nationalspieler wurde er lange nicht mehr aufgeboten. Er schoss deshalb kürzlich in einem Interview gegen Murat Yakin und die «mangelnde Kommunikation» des Verbands. Das kam nicht gut an. Wie sollte ein Spieler mit so einer Situation umgehen?
Grundsätzlich obliegt der sportliche Bereich unseres A-Teams exklusiv dem Trainer-Team um und mit Murat Yakin. Deshalb bin ich auch nicht in sportliche Entscheide involviert, kann den Fall also nicht konkret beurteilen. Ich möchte, was ich auch immer jungen Spielern als Rat mit auf dem Weg gegeben habe, auch hier klar kundtun: Junge Spieler sollten sich tagtäglich auf ihre sportliche Weiterentwicklung fokussieren, sich die Frage stellen, ob sie auch wirklich tagtäglich alles dem Erfolg unterordnen. Alles andere liegt nicht in ihrer Macht. Noch kurz zu Noah: Da er mit meinem Sohn gemeinsam bei den F-Junioren des FCB gespielt hat, kenne und schätze ich nicht nur ihn, sondern auch seine Familie.
Blicken wir nach vorne: Die Schweiz reist im Sommer zur WM nach Amerika. Ist die Gruppe mit Katar, Kanada und einem noch offenen Gegner machbar?
Die Gruppe ist herausfordernd, aber das Ziel klar: Wir wollen und werden uns durchsetzen. Dies muss nach der souveränen Qualifikation unser Selbstverständnis sein. Trotzdem gehen wir mit der nötigen Demut und mit Respekt an die Aufgabe heran. Katar ist schwer einzuschätzen, was das Spiel heikel macht. Kanada empfängt uns in Vancouver, was stimmungstechnisch grossartig sein wird, aber die Leistungsbereitschaft dieses sehr laufstarken Teams noch einmal steigern wird. Auf dem Papier wird der dritte Gegner – egal ob Italien, Wales, Bosnien-Herzegowina oder Nordirland – am schwierigsten.
Die WM wird erstmals mit 48 Teams ausgetragen. Was ändert sich durch das neue Format?
Wir haben es bereits bei der viel diskutierten Auslosungs-Zeremonie erfahren: Dieses Turnier wird ein Spektakel, wie wir es im Fussball noch nie erlebt haben. Zudem dauert das Turnier länger an. Umso wichtiger und elementarer wird es daher für uns sein, dass sich der gesamte Staff noch intensiver und detaillierter um unsere Spieler kümmert – vor allem, was die Bereiche Regeneration, Rollenverständnis und Teamdynamik betrifft.
Hat sich der Verband ein Ziel gesetzt für die WM?
Wir haben es klar formuliert: Wir wollen die beste WM in der Geschichte des SFV absolvieren. Selbstverständlich denken wir von Spiel zu Spiel und wollen zuerst die Gruppenphase überstehen – aber das Team hat nach der Quali zurecht hohe Ambitionen.
Die Frauen-EM im Sommer war ein voller Erfolg. Was tun Sie, um diese Euphorie aufrechtzuerhalten?
Wir sind gut beraten, das Interessen-Niveau nach dem Euro-Peak möglichst hoch abzufangen. Dafür haben wir vor dem Turnier das umfassende Legacyprogramm «Here to stay» ins Leben gerufen. Darin haben wir uns beispielsweise die Verdoppelung der Anzahl lizenzierter Spielerinnen auf 80 000 oder die Verdoppelung von Funktionärinnen bis 2027 zum Ziel gesetzt. Bei den Spielerinnen gelang so im ersten Halbjahr ein Zuwachs von 6000. Dazu wollen wir den Eliteund Profibereich weiterentwickeln und für mehr Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Einfluss sorgen.
Mehr Frauen im Fussball heisst auch mehr Bedarf an Infrastruktur. Wie reagiert der Verband darauf?
Dies ist ein Schlüsselthema für zukünftige Entwicklungen. Wir arbeiten eng mit Vereinen, Verbänden, Kantonen und Gemeinden zusammen. Ein Schlüssel ist die effizientere Nutzung bestehender Plätze – auch auf Teilflächen kann sehr gut trainiert werden. Zudem setzen wir uns für Investitionen in die Umrüstung bestehender Felder in Kunstrasenplätze ein, da diese höhere Nutzungszeiten ermöglichen. Selbstverständlich brauchen wir auch zusätzliche Spielfelder, weil die Zahl der Spielerinnen und Spieler kontinuierlich steigt. Ich versuche, unsere Regionalverbände wie den FVNWS bei diesen politischen Prozessen persönlich und mit Präsenz vor Ort zu unterstützen und die nationale Perspektive einzubringen.
Zum Schluss ein Blick zurück: 1995 kamen Sie als Spieler erstmals in die Schweiz. Haben Sie sich diese Karriere vom Profisportler zum SFV-Präsident je vorstellen können?
Mir war immer klar, dass der Fussball nach der Karriere ein zentraler Teil meines Lebens bleiben soll. Dass ich 30 Jahre nach meinem Start beim FC Winterthur Präsident des SFV sein würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können – auch weil ich zu dieser Zeit nur den deutschen Pass hatte (lacht). Doch nach und nach habe ich mich entwickelt. Mich als SFV-Präsident gesehen und mir das Amt überhaupt zugetraut habe ich aber erst, als ich Schalke 04 verlassen habe und von der SFL für eine Kandidatur angefragt wurde.
Können Sie Fussball noch als Fan geniessen oder wechseln Sie direkt in die Rolle des Trainers oder Experte?
Auf der Tribüne sitzt zwar nur eine Person, aber in dieser stecken der aktuelle SFV-Präsident, der ehemalige Sportvorstand, der Ex-Nachwuchschef, der ehemaliger Trainer sowie Spieler Peter Knäbel. Grossteils analysiere ich Spiele strukturiert, teilweise sogar distanziert – um das grosse Ganze im Auge zu haben. Aber erst vor Kurzem habe ich mit meinem leider erst kürzlich verstorbenen Vater auf der Couch das Spiel Schalke gegen Bochum miterleben dürfen, besser gesagt haben wir mitgefiebert und -gecoacht. Hier war ich dann mit meinem Vater der Fan pur.
Zur Person
lug. Peter Knäbel wurde 1966 im Ruhrgebiet geboren. Als Jugendlicher spielte er Fussball bei Borussia Dortmund, ab 1979 beim VfL Bochum. Später wurde er Profi und war unter anderem beim FC St. Pauli, 1. FC Nürnberg und dem FC Winterthur, wo er auch Spielertrainer war, unter Vertrag. Nach seiner Karriere wurde er Trainer und Funktionär. Er war Nachwuchschef beim FC Basel, Sportdirektor beim Hamburger SV, Berater im Nachwuchsbereich des VfB Stuttgart und Vorstand Sport bei Schalke 04. Von 2017 bis 2021 sowie ab Mitte 2024 bis Mitte 2025 war er zudem als Fussballexperte bei SRF tätig. Seit August 2025 ist er SFV-Präsident. Peter Knäbel ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt heute in Solothurn.


