Wir brauchen Orientierung
05.02.2026 BRIEFEDie Zeiten sind unsicher. Internationale Regeln gelten nicht mehr, alles geht drunter und drüber. Da ist Orientierung durch Wissensvermittlung und Einordnung nötig. Wer kann das liefern? Medien, die von kundigen, umsichtigen Journalistinnen und Journalisten gemacht werden. Dazu ...
Die Zeiten sind unsicher. Internationale Regeln gelten nicht mehr, alles geht drunter und drüber. Da ist Orientierung durch Wissensvermittlung und Einordnung nötig. Wer kann das liefern? Medien, die von kundigen, umsichtigen Journalistinnen und Journalisten gemacht werden. Dazu gehören in der Schweiz viele klassische Zeitungen, dazu gehört auch die SRG.
Am 8. März entscheidet der Schweizer Souverän, ob die Beiträge an die SRG halbiert werden sollen. Das wäre das Dümmste in diesen unsicheren Zeiten. Denn die SRG lässt sich – wie viele klassischen Zeitungen auch – nicht von der Künstlichen Intelligenz leiten, sondern von dem, was ihre Journalistinnen und Journalisten wissen, beobachten und recherchieren. Die SRG- Medienleute sind an vielen Stellen der Welt vor Ort. Allein das Deutschschweizer Fernsehen verfügt über etwa 20 Auslandsposten, das Deutschschweizer Radio ebenfalls über so viele, dazu kommen die Medienleute im Bundeshaus und in den Schweizer Regionen. Ein solches Netz kennen – im etwas bescheideneren Massstab – auch die SRG in der Suisse romande und in der Svizzera italiana. Und «swissinfo» – die Online-Plattform, welche die Schweiz dem Ausland näherbringt – kennt Teams in acht verschiedenen Sprachen, darunter Arabisch, Russisch, Japanisch und Chinesisch.
Das alles müsste radikal reduziert werden, wenn die Halbierungsinitiative durchkäme und umgesetzt werden müsste. Aber wäre das nicht egal? Sind denn so viele Korrespondentinnen und Korrespondenten überhaupt nötig?
Überlegen wir uns einmal, was passieren würde, wenn es keine Korrespondentinnen und Korrespondenten gäbe. Wir wären der Propaganda und der Selbstdarstellung der Akteure in Washington und Moskau, in Peking und Teheran, in Brüssel und Budapest vollkommen ausgeliefert. Viele Informationen müssten wir mühsam in Internet selber zusammensuchen. Wir könnten nicht mehr unterscheiden zwischen Wahrheit und Lüge.
Demgegenüber bieten Korrespondentinnen und Korrespondenten Gewähr dafür, dass die Informationen und Einschätzungen, die sie weitergeben, Hand und Fuss haben. In der Regel beherrschen sie die Sprache ihres Einsatzgebietes. Sie verfügen über Kontakte zu wichtigen und interessanten Leuten aus Politik, Verwaltung, Kultur und Wissenschaft. Sie eignen sich durch Reisen Kenntnisse von Land und Leuten an. Sie wissen zudem, was das Publikum in der Schweiz ganz besonders interessiert. Und ihnen ist klar, was das Schweizer Publikum unbedingt wissen sollte. Denn wie schon der erste Generaldirektor der britischen BBC, John Reith, gesagt hat: Das Wesen des Service public besteht darin, dass man dem Volk nicht nur das gibt, was es wünscht, sondern auch das, was es braucht.
Natürlich kann man sich auch in der «Neue Zürcher Zeitung» oder im «Tages-Anzeiger» schlau machen oder ARD und ZDF gucken, da gibt es ja auch Korrespondentenberichte. Doch in der Praxis leis- tet sich niemand, dem die Radio- und Fernsehgebühren zu hoch sind, ein «NZZ»- oder «Tagi»-Abonnement, denn es ist deutlich teurer als die Rundfunkabgabe. Und bei den Korrespondentenberichten ausländischer Fernsehkanäle fehlt der Schweizer Aspekt. Darum ist es ein Vorteil, zuverlässig mit den Informationen und Einschätzungen der SRG-Korrespondentinnen und -Korrespondenten bedient zu werden. Gerade in den heutigen unsicheren Zeiten.
Roger Blum
Roger Blum ist emeritierter Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bern. Er war Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen und Ombudsmann der SRG Deutschschweiz.
