Wenn die Wärmepumpe auf ein Nadelöhr trifft
05.02.2026 BaselbietBald zu wenig Strom im Netz? Energieversorger schätzen die Lage ein
Der neue Stromversorgungsindex des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen zeigt: Die Schweiz verfehlt ihre Ziele. Zu wenig Winterstrom und ein stockender Netzausbau lassen das Risiko von ...
Bald zu wenig Strom im Netz? Energieversorger schätzen die Lage ein
Der neue Stromversorgungsindex des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen zeigt: Die Schweiz verfehlt ihre Ziele. Zu wenig Winterstrom und ein stockender Netzausbau lassen das Risiko von Engpässen steigen.
Jo Krebs
Das Stromnetz im Baselbiet steht wie überall in der Schweiz vor einer entscheidenden Belastungsprobe: Ursprünglich wurde es als Einbahnstrasse für die Verteilung von Elektrizität aus Grosskraftwerken an Kunden konzipiert. Nun muss es gleichzeitig die Einspeisung von Strom aus lokalen Photovoltaikanlagen bewältigen und den Bedarf für Elektroautos und Wärmepumpen decken.
Diese Ausgangslage ist brisant, da der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) einerseits vor einer nationalen Winterstromlücke bis 2050 warnt und der Kanton Baselland andererseits mit dem seit Januar geltenden Energiegesetz den Ersatz fossiler Heizungen faktisch verbietet. Für viele Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer bedeutet dies bereits heute die Entscheidung für eine Wärmepumpe.
Doch voraussichtlich im Juni dieses Jahres entscheidet das Stimmvolk über eine Initiative, welche diese strengen Regeln wieder lockern will. Die Kernfrage lautet: Ist es verantwortungsvoll, auf elektrische Wärmepumpen zu setzen, wenn das Netz zum Nadelöhr wird und gleichzeitig vor einer Winterstromlücke gewarnt wird?
EBL will Verhalten belohnen
Für viele Hauseigentümer ist es ein Schreckensszenario, dass der Energieversorger an einem eiskalten Wintertag die Heizung per Fernsteuerung drosselt, um das Netz stabil zu halten. In der Fachsprache wird dies als «Lastabwurf» bezeichnet. Diese Diskussion gewinnt an Schärfe, da das Stromnetz durch den gleichzeitigen Boom von Photovoltaik, E-Mobilität und Wärmepumpen an seine Grenzen stösst.
Die CEOs der regionalen Energieversorger geben jedoch Entwarnung: Zwar sei Lastmanagement ein theoretisches Instrument zur Feinsteuerung, doch im Alltag würde der Kunde nichts davon spüren. Im Haus bleibt es also warm, auch wenn die Leistung kurzzeitig reduziert würde. Zudem setzen die Unternehmen auf intelligente Anreizsysteme, um die Netzbelastung zu senken.
Tobias Andrist, CEO der Elektra Baselland (EBL), erklärt: «Die EBL plant, ihre Netznutzungstarife in naher Zukunft so anzupassen, dass Kunden, die ihre Wärmepumpen in Zeiten geringer Netzbelastung nutzen, noch stärker profitieren.» Dies korrespondiert mit der Strategie, auch bei Solaranlagen den Eigenverbrauch zu forcieren, um die Infrastruktur zu entlasten.
Ein kritischer Faktor ist die physische Belastung vor Ort. Was passiert an einem eiskalten Februarmorgen, wenn hunderte Wärmepumpen in einer Gemeinde gleichzeitig anspringen und gleichzeitig ein Elektroauto in der Garage geladen wird? Dann rücken die lokalen Verteilnetze und Trafostationen in den Fokus. Andrist räumt ein, dass es punktuell eng werden kann: «In Einzelfällen könnte die Kombination aus Wärmepumpen, Ladestationen für E-Mobilität und Photovoltaik-Anlagen zu Engpässen führen.» Dies könne im Einzelfall dazu führen, dass Hauseigentümer länger auf eine Bewilligung ihrer Wärmepumpe warten müssen, bis das Netz verstärkt ist.
Cédric Christmann, CEO von Primeo Energie, betont die Bedeutung einer proaktiven Planung: «Der Netzausbau erfolgt schrittweise und regional differenziert. In einzelnen Quartieren können zusätzliche Verstärkungen erforderlich sein, insbesondere dort, wo der Umstieg sehr konzentriert und kurzfristig erfolgt.» Die Netzplanung der beiden Energieversorger basiert auf realistischen Lastannahmen, die auch eine erhöhte Nutzung von Wärmepumpen in Kälteperioden berücksichtigen.
Weckruf statt Stoppsignal
Für die Energieversorger EBL und
Primeo Energie ist die Lage zwar anspruchsvoll, aber kein Grund zur Panik. Sie trennen strikt zwischen der nationalen Energiebilanz und der lokalen Infrastruktur. Tobias Andrist, CEO der EBL, ordnet die Warnung des VSE eher als politischen Weckruf ein: «Der VSE weist mit seinem Versorgungsindex lediglich darauf hin, dass die derzeitigen Strukturen in der Produktion elektrischer Energie und deren Verteilung im Land noch nicht ausreichen, um den kommenden Herausforderungen gerecht zu werden.» Die Botschaft ist klar: Es ist dringend angezeigt, die Geschwindigkeit beim Umbau unserer Energiesysteme zu erhöhen. Trotz der Anforderung an den Netzausbau und der «Winterstrom-Warnung» halten beide Versorger den Abschied von fossilen Brennstoffen für ökonomisch und ökologisch sinnvoll.
Wenn die Baselbieter Stimmbevölkerung im Juni an die Urne tritt, geht es allerdings um mehr als nur technische Details. Es geht um eine Abwägung zwischen ökologischer Dringlichkeit und der Sorge um die Versorgungssicherheit. Die Gegner der Sanierungspflicht werden das Argument der Wahlfreiheit und die Warnungen des VSE als Rückenwind nutzen. Ob das Stimmvolk dem Pfad einer raschen Abkehr von fossilen Brennstoffen für die Wärmeproduktion treu bleibt oder angesichts der nationalen Unsicherheit gemäss VSE die Bremse zieht, bleibt eine spannende politische Frage.

