Was heisst «Zerstörungslust»?
23.04.2026 Gesellschaft, SissachGesprächsrunde mit Ueli Mäder zu destruktiver Flucht
vs. Am Donnerstag, 30. April, diskutiert Ueli Mäder im Sissacher «Cheesmeyer» mit Carolin Amlinger und Peter Kelting über die Flucht ins Autoritäre und Destruktive. Dabei interessiert, ...
Gesprächsrunde mit Ueli Mäder zu destruktiver Flucht
vs. Am Donnerstag, 30. April, diskutiert Ueli Mäder im Sissacher «Cheesmeyer» mit Carolin Amlinger und Peter Kelting über die Flucht ins Autoritäre und Destruktive. Dabei interessiert, warum sich Menschen vor der Freiheit fürchten und geborgen fühlen, wenn sie sich einer Idee oder einer Führung unterordnen.
Carolin Amlinger ist Soziologin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Basel. Sie hat über Verschwörungsideologien geforscht und mit Oliver Nachtwey die Bestseller über Gekränkte Freiheit (2023) und Zerstörungslust (2025) verfasst. Zentral ist für sie die Einsicht, «dass unser Freiheitsverständnis autoritär umdefiniert werden kann». Und dabei sei die Zerstörungslust sogar «zu einem Treiber faschistischer Umsturzfantasien» geworden. So habe sich denn «der Bezugspunkt einer radikalen Rechten gewandelt», die sich seit 1945 «in der Demokratie und mit ihren Mitteln» entfalte. Das «offen Antidemokratische» falle weg, wie bereits Philosoph Theodor Adorno (1903 – 1969) festgestellt habe.
Aber was führt heute zu autoritären Haltungen, und was verstärkt solche Verhaltensweisen? Da greift Amlinger auf den Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 – 1980) zurück. Er habe den Nationalsozialismus «aus einem Gefühl der ‹Vereitelung des Lebens› erklärt». Das sei «auch heute noch hilfreich», um den Aufstieg autoritärer Haltungen zu verstehen, so Amlinger. Viele fühlten sich «in ihrem Leben grundlegend blockiert». Auf sie wirke die Wahl einer rechten Partei «wie ein Befreiungsschlag», der «von den liberalen Regulierungen» entlasten und «einen muskulären Kapitalismus» erneuern wolle.
Demgegenüber könnten wir nach Sinn suchen, Demokratie beleben und öffentliche Güter in den Bereichen Arbeit, Wohnen und Gesundheit allen zugänglich machen. Zudem gelte es, die nach wie vor «ungelöste Frage» aufzunehmen: «Wie gehen wir mit der Männlichkeit um?»
Da stimmt wohl auch Peter Jakob Kelting zu. Er war vor 20 Jahren geschäftsführender Schauspiel-Dramaturg am Theater Basel. Inzwischen leitete er während 13 Jahren bis Ende vergangenen Jahres die Bühne Aarau. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt «in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen sozialer Herkunft und individueller Emanzipation».
Kelting nimmt ebenfalls «eine Renaissance des Autoritären» wahr. Auch der Demokratieindex spreche «eine deutliche Sprache». Und solche Fakten seien zwar «gefährlich genug», sie berührten jedoch «nur» die politische Oberfläche. «Noch beunruhigender» sei «die Verachtung des Humanen», die sich «mit dem (Wieder-)Aufstieg des Autoritären» verbinde und «durchaus Ähnlichkeiten zum Totalitarismus des 20. Jahrhunderts» aufweise. Eine Begleiterscheinung ist laut Kelting «ein Gebräu», das «wie ein geruch- und farbloses Gift» selbst «in das Grundwasser liberaler Gemeinwesen» einsickere und «uns alle» betreffe.
Das gegenwärtig Autoritäre führt Kelting unter anderem auf den Eindruck vieler Menschen zurück, «Kräften ausgeliefert zu sein, die sich dem eigenen Einfluss» entzögen. Wenn sich «gefühlte Ohnmacht» und «tiefschwarz grundierte Zukunftsaussichten» vereinten, dann gewännen «populistische Konzepte und Parteien an Attraktivität». Zumal diese den Anschein erweckten, mit vermeintlich einfachen Lösungen komplexe Herausforderungen zu bewältigen und individuelle Handlungsmacht zu ermöglichen. Dabei irritiere «die Bereitschaft, das ethische Fundament zu opfern», auf dem liberale Gesellschaften aufgebaut seien.
Weiter führe hingegen das Eingeständnis, «sich im Grunde nicht weniger ohnmächtig zu fühlen als andere», von denen wir meinten, sie sähen «ihr Heil darin, reaktionären Rattenfängern zur Macht zu verhelfen». «Ein Anfang wäre daher», so Kelting, «nicht empathielos gegenüber Empathielosen zu werden.»
Gespräch mit Carolin Amlinger und Peter Kelting,
Musik von Lukas Rickli,
Moderation Ueli Mäder,
Donnerstag, 30. April,
19.30 bis 21.00 Uhr,
«Cheesmeyer», Sissach.

